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Equipo Morales vs. Die Höhenangsthasen

Ich bin in den Bergen geboren. Das Dorf in der Schweiz, aus dem ich stamme, liegt bei den höchsten Bergen Europas. Deswegen habe ich keine Angst vor der Höhe“, erklärte FIFA-Präsident Joseph Blatter während eines offiziellen Besuchs in La Paz im Jahr 2000. Seit ein paar Wochen glaubt ihm das in Bolivien niemand mehr: Am 26. Mai beschloss der FIFA-Exekutivrat, dass keine internationalen Spiele mehr in Stadien ausgetragen werden dürfen, die oberhalb von 2.500 m liegen. Die Entscheidung bedeutet insbesondere für Bolivien einen herben Schlag, denn damit sind fünf große Stadien des Landes für FIFA-Partien tabu: La Paz (3.640 m), Cochabamba (2.550 m), Oruro (3.080 m), Sucre (2.790 m) und Potosí (4.070 m). Allein in Santa Cruz darf noch international gespielt werden. Aber auch Ecuador, Kolumbien und Peru sind betroffen: Quito liegt auf 2.850 m, Bogotá auf 2.640 m und Cusco auf 3.400 m.
Die FIFA begründete die Maßnahme mit dem Schutz der Gesundheit der Spieler, sowie der Vermeidung von Wettbewerbsverzerrungen, die sich ergäben, wenn eine höhentrainierte Mannschaft gegen ein Team antritt, das auf Meereshöhe trainiere. Die Argumente wurden von bolivianischen Fußballexperten angezweifelt: So sei in der Geschichte der bolivianischen Liga, in denen die Teams ständig zwischen ein paar Hundert und 4.000 m Höhe pendeln, noch nie ein Gesundheitsproblem bei einem Spieler dokumentiert worden, das sich auf den Höhenunterschied zurückführen lasse. Seltsam ist auch, dass das Verbot nur für internationale Partien gilt: Wäre die Gesundheit von nicht akklimatisierten Spielern auf über 2.500 m Höhe wirklich ernsthaft in Gefahr, müsste die FIFA auch eine entsprechende Warnung an nationale Fußballvereinigungen erteilen – davon war bei der FIFA kein Wort zu hören. Auch gebe es keine Statistik, die einen Vorteil der Teams aus Potosí und La Paz gegenüber den Teams aus Cochabamba oder Santa Cruz belege. Vielmehr geht man in Bolivien davon aus, dass die FIFA dem Drängen der großen lateinamerikanischen Verbände in Argentinien, Brasilien und Uruguay nachgegeben haben, deren Spielern das Laufen in großer Höhe schlicht zu anstrengend sei.
Boliviens Präsident Evo Morales, selbst begeisterter Fußballspieler, erklärte die Rücknahme des FIFA-Votums zur Chefsache. Am 6. Juni lud er 200 Bürgermeister, Präfekten und weitere Autoritäten aus den Andenländern nach La Paz ein, um die FIFA-Entscheidung zu verurteilen und über Protestmaßnahmen zu beraten. „Der Fußball ist mehr als ein Sport, er ist eine Grundlage der Einheit Lateinamerikas“, rief er den Delegierten zu. Inzwischen kann Morales erste diplomatische Erfolge aufweisen: Die Organisation Amerikanischer Staaten sowie die Andengemeinschaft verurteilten das FIFA-Verbot ebenso wie der Südamerikanische Fußballverband als diskriminierend und ausgrenzend. Die Vertreter des Verbands wollen sich in der nächsten Sitzung des FIFA-Exekutivrats dafür stark machen, dass die Entscheidung zurückgenommen wird.
Doch nicht nur auf dem diplomatischen Parkett kämpft Evo Morales gegen das FIFA-Verbot, sondern auch in Fußballschuhen: Seit dem Bekanntwerden der Entscheidung hat er mit der Fußballmannschaft des Präsidialamts mehrere Spiele in schwindelerregenden Höhen absolviert, so am Chacaltaya-Gletscher auf 5.270 m, und unterhalb des Sajama, des höchsten Berges Boliviens, auf über 6.000 m Höhe. Klar, dass das Team des Präsidenten bislang alle Partien gewann.
Evo Morales kommt das FIFA-Verbot gelegen: Er kann sich durch sein Engagement in einer Angelegenheit profilieren, in der ihn die große Mehrheit der BolivianerInnen aus allen Regionen, Ethnien und sozialen Schichten unterstützen – eine große Seltenheit in dem gespaltenen Land.

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