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Erzählen, erzählen, weitererzählen

Wenn so jemand Mönch wird, dann könnte aus der Kirche glatt noch etwas werden. Nur schade, wenn das auf Kosten der Literatur geht. Edgardo Sanabria Santaliz, geboren 1951, hat seit Mitte der 70er Jahre mehrere Bände mit Kurzgeschichten publiziert und ist vor kurzem als Mönch und Seelsorger in den Dominikanerorden eingetreten. Damit, so sein Übersetzer Wolfgang Binder im Nachwort, habe er ein lange verfolgtes Ziel erreicht – aber seither kein Buch mehr veröffentlicht. Ein Jammer, wenn es dabei bliebe.
Edgardo Sanabria Santaliz führt in seinen Texten vor, daß alle Literaturtheorien und Textanalysen nicht mit einem ganz einfachen Bedürfnis Schluß machen konnten: dem nach gut erzählten Geschichten. Er beginnt, indem er uns eine Situation vorstellt, in die wir uns unmittelbar einfühlen können, führt uns weiter, in komplexere Konstellationen hinein – und schon ist es passiert. Wir sind verführt, kleben an den Seiten, wollen wissen, wie es weitergeht. Es ist geradezu bestürzend, wie rasch die reflektierende Distanz zum Text verloren geht. Damit wir schließlich merken, daß er uns verführt hat, überrascht er uns in der einen oder anderen Geschichte drei Zeilen vor Schluß mit dem Hinweis, daß er nicht verraten wird, wie es ausgeht.

Makabre Wandlungen

Es ist vielleicht ein Kennzeichen von Sanabrias Texten, vielschichtig zu sein: Er erzählt und suggeriert dabei, dies sei wirklich geschehen – und schmunzelt, wenn man es ihm geglaubt hat. Die Kurzgeschichten sind von einer sprachlichen Präzision und Leichtigkeit, wie sie in der jüngeren lateinamerikanischen Literatur, die in den letzten Jahren hierzulande publiziert wurde, selten geworden ist; zugleich sind die Geschichten in der konfliktreichen Gegenwart Puerto Ricos verwurzelt. Sie sind keine erfindungsreichen Luftschlösser, sondern eher Vertiefungen, Vergegenwärtigungen dessen, was außerhalb der Literatur vor sich geht; ernstes Spiel.
Und nicht zuletzt sind sie Literatur über Literatur. In fast jeder der Erzählungen lassen sich stilistische oder stoffliche Vorbilder erahnen, insbesondere aus denr frühen Erzählungen von García Márquez und dem sogenannten Neobarock der Kubaner José Lezama Lima und Alejo Carpentier. Den Vorbildern folgt Sanabria ein Stück weit, um dann abzubiegen und die Stoffe weiterzuspinnen auf ganz eigene Art. Auch das ist nicht nur so dahingetändelt, heißt es doch, sich zu literarischen Strömungen zu verhalten, die mit realer Politik in Zusammenhang stehen, mit dem Buchgeschäft sowieso.
In der Erzählung „Edi in der Urne“ wird dies augenfällig. „Der Sohn Doña Jennies stand wenige Minuten, nachdem er gestorben war, wieder von den Toten auf.“ So beginnt die Geschichte des Jungen Edilberto, der im Himmel nicht akzeptiert wird und wieder zurück muß. Er bleibt jedoch in einer Art Zwischenzustand, er kann nichts bewegen außer seine Augen, liegt starr da, irgendeine Stimme spricht durch ihn hindurch und vollbringt außerdem Wunder. Ein idealer Heiliger, der denn auch alsbald in der Kirche in einem Glassarg ausgestellt wird und die Schaulustigen und Erlösungsgläubigen aus dem ganzen Lande anzieht. Bis dahin könnte dies eine Geschichte sein, wie sie des öfteren in Lateinamerika produziert wurde – inklusive der Behauptung, das Wunderbare, Magische sei eigentlich nicht imaginär, sondern Bestandteil der Wirklichkeit. An diesem Punkt verläßt Sanabria die asphaltierte Straße und biegt in einen Feldweg ein. Er läßt Edi selbst sich mit Gott unterhalten. Edi klagt, daß er sich betrogen fühlt, ihm das Leben keinen Spaß mehr macht und ihm in dem Glaskasten langweilig wird. Schließlich kippt die Szene, die stumpfsinnige Heiligenschau verwandelt sich in eine hysterische Massenorgie, bei der ihn die Leute kannibalisch zerstückeln, „bis nichts, überhaupt nichts mehr von mir übrig ist…, und alles nehmen sie wie Reliquien mit, die sie in Kästchen aus Samt, Glas und Silber verehren, bis die Welt aufgehört hat zu existieren.“
Ist Edgardo Sanabria Santaliz in dieser Erzählung vor allem Parodist, so beweist er in „1898“, daß er auch zur Geschichte seines Landes viel zu sagen hat. Mit Tonilo stellt er einen Mann vor, der als Kind Gewalt erlitten hat, weil er von dem etwas unheimlichen Liebhaber seiner Mutter gezwungen wurde, sich tätowieren zu lassen. Jahre später endlich sucht er einen Tätowierer auf, um sich dieses Mal, dieses Trauma, herausoperieren zu lassen. Während der schmerzvollen Prozedur erinnert er die alten körperlichen und seelischen Verletzungen, er rastet aus, geht auf den Tätowierer los und erschlägt ihn. Vom Jahr 1898 ist nur marginal die Rede: Der, der ihm die Tätowierung einbrannte, war der Sohn eines 1898 in Puerto Rico gebliebenen „Yankee-Matrosen“, nichts weiter. Vordergründig geht die Geschichte um eine individuelle Schuld und ihre Vergeltung, nur der Titel der Erzählung deutet auf die historische Dimension und ihre aktuell-politischen Konsequenzen hin. Akzeptiert man aber das Schicksal des Tonilo als ein Sinnbild für einen Konflikt Puerto Ricos mit den USA, dann läßt sich durchaus eine politische Stellungnahme des Autors gegen simplifizierende Schuldzuweisungen herauslesen. Aber man muß dieser Lesart nicht folgen.
Sanabria drängt sich nicht auf; er ist deutbar, aber er verzichtet vollständig darauf, etwas lösen zu wollen. Wo er gegenwärtige, ausserliterarische Phänomene erklärt und interpretiert, tut er dies lediglich, indem er sie erzählt, sie plausibel macht und die ihnen innewohnenden Probleme ans Licht bringt.
Und dennoch, bei aller Bedeutung, Sanabrias Erzählungen sprühen vor Phantasie, treffenden, mitreißenden Sätzen und der simplen Lust am Fabulieren. Das macht ihre Qualität vor allem anderen aus. Der Eintritt des Bruder Edgardo ins Kloster kommt einem typischen unerwarteten Ende einer seiner Erzählungen gleich. Aber mal im Ernst, das kann es doch noch nicht gewesen sein.

Edgardo Sanabria Santaliz: Am Tag, als der Mensch den Mond betrat. Kurzgeschichten. Übersetzung und Nachwort von Wolfgang Binder, 288 Seiten, rotpunktverlag, Zürich 1998, 19 EURO.

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