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Es ist nie zu spät, eine gute Sache zu beginnen

Die Nachricht kam gänzlich unerwartet. Der agile 80-jährige, den ich drei Wochen zuvor zum ersten Mal persönlich kennenlernte, ist tot: Willi Israel. Bis dahin kannte ich nur seine Artikel über uruguayische und argentinische Politik im Neuen Deutschland. Artikel, die statt Hofberichterstattung die Situation der Bevölkerung im Auge hatten.
Willi Israel hatte viel zu tun mit jenem Haus in Montevideo, dass in Deutschland weit weniger bekannt ist als in Uruguay. Er war Gründungsmitglied und Leiter der „Casa Bertolt Brecht“ (CBB). „Natürlich waren wir ein bisschen spät dran“, erinnerte sich Willi Israel an die Anfänge der CBB. „Aber es ist nie zu spät, eine gute Sache zu beginnen“, ergänzte er. Spät dran im Vergleich zur Bundesrepublik Deutschland, die diplomatisch bereits 1964 in Uruguay vertreten war, im Gegensatz zum anderen Deutschland, der DDR.
Willi Israel war einst vor den Nazis nach Uruguay geflüchtet und so war es für ihn keine Frage, welchem Deutschland seine Sympathien galten. Mit Freunden aus antifaschistischen Kreisen, Gewerkschaftern und Politikern, stellte er sich damals die Frage, was man tun könne, um diplomatische Beziehungen zwischen der DDR und Uruguay in die Wege zu leiten. Es entstand die Idee ein „Kulturinstitut Uruguay – DDR“ zu gründen.
Das Kulturinstitut förderte den im weitesten Sinne kulturellen Austausch zwischen beiden Ländern. Schauspieler, Schriftsteller, Musiker und bildende Künstler. Vergleichbar mit Freundschaftsgesellschaften in anderen Ländern half das Institut, den Boden für die diplomatische Anerkennung der DDR zu bereiten. Mit Erfolg. Weihnachten 1971 erhielt Israel einen Anruf aus dem uruguayischen Außenministerium. Anderntags, so die frohe Botschaft, würden diplomatische Beziehungen zur DDR aufgenommen, schilderte er das Gespräch.
Das alles ist Geschichte. Wie auch die uruguayische Militärdiktatur von 1973 bis 1985. Er emigrierte in die DDR, als er im Mai 1974 von der Militärdiktatur ausgewiesen wurde. Die „Casa Bertolt Brecht“ wurde geschlossen. Als die Emigranten in ihre Wahlheimat Uruguay zurückkehren konnten, fanden sie von der Ausstattung des Instituts nur noch kümmerliche Reste vor. Geblieben war jedoch der Bedarf an einer Stätte, in der progressive, alternativ denkende Intellektuelle miteinander ins Gespräch kommen konnten. Die unmittelbare Erfahrung des realen Sozialismus in den Exiljahren bestärkte die Initiatoren der Freundschaftsgesellschaft „Uruguay – DDR“ durchaus in ihrem Anspruch auf Unabhängigkeit, auch wenn die finanzielle Unterstützung der DDR willkommen war. Denn abgesehen von den Deutschkursen ist das gesamte Angebot in der „Casa“ umsonst, von Vorträgen über Ausstellungen bis hin zu Hommagen an große Vertreter der deutschen Kultur- und Geistesgeschichte.
Geschichte ist auch die DDR. „Wir machen weiter“. Mit dieser lakonischen Formel fasste Willi Israel die Beschlusslage des Vorstands nach dem Zusammenbruch der DDR zusammen. Bis heute. Kern des Selbstverständnisses ist geblieben, als unabhängige Kulturstätte Kontakt und Austausch zwischen Vertretern Uruguays und Deutschlands zu vermitteln. Kluge Ideen gebe es viele und das Haus stehe allen offen, die für ein pluralistisches Miteinander einträten. Das war die Botschaft, die Willi Israel bei seinem Besuch übermittelte. Eine Botschaft, die nun andere mit Leben erfüllen müssen.

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