«

»

Artikel drucken

FEMINISMUS MUSS PRAKTISCH WERDEN

Ende Mai wurde in einer Favela von Rio de Janeiro ein Verbrechen begangen, das die brasilianische Gesellschaft in Aufruhr versetzte. Dreiunddreißig Männer sollen ein 16-jähriges Mädchen vergewaltigt haben. Der Fall wurde bekannt, nachdem einige der Beschuldigten ein Video produziert und auf Twitter verbreitet hatten, mit dem Titel: „Diese hier wurde von mehr als dreißig geschwängert“. Sofort wurde das Video viral. Mit derselben Geschwindigkeit wurde es von nationalen und internationalen Medien aufgegriffen. War schon der Inhalt des Videos schrecklich, so war der Umgang der brasilianischen Gesellschaft mit diesem Video nicht weniger grausam: Es wurde kaum nach der Brutalität darin gefragt, sondern ob das Verbrechen überhaupt stattgefunden habe, oder sogar, ob das Verbrechen legitim sei oder nicht.
Die Polemik um den Fall begann gleich nachdem das Video geteilt wurde. Nach brasilianischem Gesetz wird nicht nur die Penetration als Vergewaltigung angesehen, sondern jede sexuelle Handlung, die ohne Zustimmung durchgeführt wird. Obwohl das Video Handlungen zeigte, die als solche schon als Vergewaltigung eingestuft werden könnten, erklärte der für den Fall verantwortliche Polizeikommissar, dass es keine konkreten Beweise für eine Vergewaltigung gebe. Bestimmte Teile der Gesellschaft äußerten, dass keine Vergewaltigung stattgefunden habe. Sie rechtfertigten die Tat mit Argumenten, die die Stereotype über das Opfer verstärken: Das Verbrechen sei in einer Favela begangen worden, das Opfer sei als Jugendliche Mutter geworden, sie bekannte sich zum Drogenkonsum, es gebe Gerüchte, die sie mit dem lokalen Drogenhandel in Verbindung bringen.
Frauengruppen demonstrierten daraufhin in über vierzig Städten, um diesen und andere Fälle von Gewalt gegen Frauen anzuprangern. Offizielle Daten belegen, dass in Brasilien alle elf Minuten eine Frau vergewaltigt wird. An den Demonstrationen nahmen Frauen aller Altersgruppen und wenige Männer teil. Bunte Transparente und empörte Rufe erklärten: „Es ist niemals die Schuld des Opfers!“ Vergewaltigung und Feminizid, ein Begriff, der Morde aus Mysogynie bezeichnet, werden als extremste Formen von Gewalt gegen Frauen eingestuft. Aber der weibliche Körper ist ständig Zielscheibe von Gewalttaten und Vergewaltigungen, sei es durch verbale Anmache oder andere Formen sexueller Belästigung. In diesem Sinne haben tausende Frauen jüngst in Kampagnen auf Facebook Vergewaltigungen unter den Hashtags #meuprimeiroassédio („meine erste sexuelle Belästigung“) und #meuamigosecreto („mein geheimer Freund“) denunziert, die sie teilweise schon in der Kindheit erlitten hatten.
Unser Körper wird freizügig und zugleich restriktiv behandelt. Wir können uns am Strand und an Karneval ausziehen, aber wir dürfen nicht alleine nach Hause gehen. Ein Beispiel dafür, wie sehr das Bild unseres Körpers sexualisiert wurde, zeigt sich in der Form, in der wir im Ausland gezeigt werden: Jeder Mann einer anderen Nationalität wird darin bestärkt zu glauben, wir seien Sexmaschinen. Die Konsequenzen sind Sextourismus, Frauen- und Kinderhandel für die Prostitution und andere Formen der Gewalt gegen Frauen.
Ständig ertragen wir es, dass man uns ob des Verhaltens von Männern beschuldigt. Von Kind an wird uns gelehrt, keine kurzen Röcke zu tragen, uns nicht an bestimmten Orten zu bestimmten Uhrzeiten aufzuhalten, und eine ganze Reihe anderer Sachen, um Vergewaltigung und Belästigung zu vermeiden. Für viele Mädchen und Frauen ist es selbstverständlich anzunehmen, dass ihr Verhalten der Grund für die tägliche Gewalt ist, die sie erfahren. Die Jugendliche, die vergewaltigt wurde, wollte nicht zur Polizei zu gehen, weil sie nicht glaubte, dass die von ihr erfahrene Gewalt als solche anerkannt werden würde. Ihren Aussagen zufolge hatte sie auch Angst, vor der Gesellschaft „schlecht da zu stehen“, womit sie das öffentliche Urteil schon voraussah, das sie letztlich erlitt. Was sie allerdings nicht vorhergesehen hatte, war die Unterstützung der verschiedenen Gruppen, die für die Sache der Frauen und gegen geschlechtsspezifische Gewalt kämpfen.
Die Gruppenvergewaltigung der 16-Jährigen wurde mit einem öffentlichen Aufschrei beantwortet: wegen der Gewalt an sich, aber auch wegen dem, was sie repräsentiert. Die Debatte polarisierte sich – sowohl in den Medien, als auch in der Gesellschaft – zwischen denen, die von einer Gewalttat sprachen, und denen, die die Vergewaltigung als solche infrage stellten. Zahlreiche Kommentare sprachen davon, die Jugendliche habe genau das gewollt, als sie zu einer Baile-Funk-Party in der Favela ging, aber dies ist keine Rechtfertigung für die Tat. Für eine Vergewaltigung gibt es überhaupt keine Rechtfertigung. Und genau deshalb führte dieser Fall zu einer Reflexion über die Vergewaltigungskultur und den selbstverständlich gewordenen Machismus in Brasilien.
Die Medien nehmen an diesem ganzen Prozess auf zwei Arten teil: Entweder sie bestärken die existierenden Strukturen, oder sie schaffen neue Diskurse und neue Räume, in denen darüber geredet werden kann. Die engagierte staatliche Politik zur Ermächtigung von Frauen fällt ebenfalls auf – etwa die Neuformulierung des Gesetzes über häusliche Gewalt und die Schaffung von speziellen Polizeiwachen, die nur Anzeigen von Frauen aufnehmen. Darüber hinaus wurden auf Bundesebene wichtige Maßnahmen getroffen, wie etwa die Telefonzentrale, bei der man Gewalt gegen Frauen anzeigen kann. Das brasilianische Sozialhilfeprogramm „Bolsa Familia“ ermächtigt Frauen außerdem insofern, dass sie die staatliche Leistung entgegen nehmen. Das kann in den entsprechenden Familien dazu beitragen, die Fesseln der finanziellen Abhängigkeit von den Männern zu zerreißen.
Der Fall der Vergewaltigung der 16-jährigen Jugendlichen fällt mit einem Moment demokratischer Instabilität in Brasilien zusammen. Die Regierung von Dilma Rousseff als erster Präsidentin des Landes wurde durch die Regierung des Vizepräsidenten Michel Temer abgelöst. Kurz vor der Absetzung der Präsidentin veröffentlichte die Wochenzeitschrift Veja, eine Zeitschrift von nationaler Reichweite und bekannt für ihre konservativen Positionen, eine Reportage über die Ehefrau des noch als Vizepräsidenten amtierenden Temer, in der sie als „schön, zurückhaltend und häuslich” beschrieben wurde. Für die feministische Bewegung war dies der Versuch, dem von Rousseff repräsentierten Frauenbild ein rückwärtsgewandtes Ideal entgegenzusetzen: Rousseff ist älter, geschieden, bekannt dafür, autoritär zu sein und hat am Widerstand gegen die Diktatur teilgenommen.
Wir Frauen und Feminist*innen sind der Ansicht, dass die Vergewaltigungskultur alle Situationen durchzieht, von denen in diesem Text die Rede ist. Wir sind der Meinung, dass es überfällig ist, diese Situation der ständigen Verletzlichkeit, in der wir leben, nur weil wir Frauen sind, zu beenden. Wir sind der Ansicht, dass keine Frau – und damit meinen wir alle, die sich mit diesem Geschlecht identifizieren – für die Gewaltausübung an ihrem Körpern verantwortlich gemacht oder beschuldigt werden kann. Wir sind der Ansicht, dass der Machismus sich in verschiedenen Formen in der brasilianischen und globalen Gesellschaft reproduziert, und dass es die Verantwortung der Gesellschaft als Ganze ist, diese Realität zu verändern. Um die traurige Gewaltquote gegen Frauen in Brasilien und in der Welt zu überwinden, ist es dringend notwendig, dass dieses Thema von der Ebene des Diskurses auf die Ebene der Praxis gehoben wird.

Permanentlink zu diesem Beitrag: https://lateinamerika-nachrichten.de/artikel/feminismus-muss-praktisch-werden/