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Fortschreitende Katastrophe

In Altamira ist nichts wie es mal war. Massen von Menschen sind von einem Tag auf den anderen in die Provinzhauptstadt des nordbrasilianischen Bundesstaates Pará gekommen. Große Bauinvestor_innen bauen moderne Hotels und neue Geschäfte stellen in ihren Schaufenstern luxuriöse Modeartikel zur Schau. Doch der Schein von Reichtum und Fortschritt trügt. Nur die lästige bräunliche Lehmschicht, die die Stadt bedeckt, zeigt das wahre Gesicht Altamiras. Hier wird seit 2011 Belo Monte, das drittgrößte Wasserkraftwerk der Welt, gebaut. Und nicht nur der viele Lehm, der überall in Altamira zu sehen ist, zeugt von diesem Bauprojekt: Ganze Viertel der Stadt müssen in Kürze umgesiedelt werden, um für den Stausee Platz zu schaffen. 40.000 Menschen werden von der Umsiedlung betroffen sein. Im Januar fielen bereits die ersten Holzhäuser den Motorsägen zum Opfer.
All dies zeigt Count-Down am Xingu IV, ein Dokumentarfilm von Martin Keßler, der den Kampf um Belo Monte am Fluss Xingu seit Jahren beobachtet und dokumentiert. Bereits 2009 legte er mit Eine andere Welt ist möglich – Kampf um Amazonien einen ersten Film über das Thema vor, als das Staudammprojekt noch in der Planungsphase war. Es folgten die ersten drei Teile der Reihe Count-Down am Xingu, nun hat er Teil IV der Öffentlichkeit vorgestellt.
Der Bau von Belo Monte wurde 2011 ohne abschließende Umweltgutachen und trotz der mehrfachen Einsprüche der brasilianischen Staatsanwaltschaft begonnen. Er wurde gegen den Willen der indigenen Bewohner_innen des Amazonasgebiets und ohne Rücksicht auf Natur und Regenwald durchgesetzt. Und so wird er auch fortgesetzt.
Umgerechnet 10 Milliarden Euro öffentliche Gelder werden in das Projekt gepumpt, aber die betroffenen Menschen müssen sich mit einer geringen Abfindung zufrieden geben. Die Betonhäuser, die der Energiekonzern Norte Energia für sie bereitgestellt hat, zeigen schon jetzt Risse in den Wänden. Das soziale Umfeld der Menschen und ihre Lebensweise werden zerstört und die Möglichkeit, dass ihnen – wie im Film immer wieder erwähnt wird – „das Haus auf den Kopf fällt“, scheint alles andere als an den Haaren herbeigezogen.
Proteste gegen das Wasserkraftwerk werden mit der Sonderpolizei bekämpft und indigene Bewohner_innen von der Regierung gegeneinander ausgespielt. 130 Quadratkilometer Regenwald sollen unter dem Stausee verschwinden. Die Folgen für die Umwelt sind unabsehbar.
Selbst im europäischen Parlament wird das Thema Belo Monte diskutiert, allerdings ohne nennenswerte Ergebnisse (siehe LN 475). In der Zwischenzeit lässt die Regierung von Dilma Rousseff ihre unterbezahlten Arbeiter_innen eifrig weiter bauen. Abgesehen von den bereits erbauten Wasserkraftwerken plant die brasilianische Regierung in den kommenden Jahren den Bau von 150 weiteren Staudämmen.
„Was können wird dagegen tun?“, fragt ein Zuschauer nach der Filmvorstellung von Count-Down am Xingu IV im Berliner Kino Odeon im Gespräch mit Martin Keßler. Die Frage geht weit über Altruismus, Solidarität oder Sympathie mit den Betroffenen in der Region hinaus. Denn die Konsequenzen einer nicht auszuschließenden Wüstenbildung eines Teiles des Amazonasgebiets und der Klimawandel, der damit vorangetrieben werden könnte, betreffen letztendlich uns alle.

Martin Keßler // Count-Down am Xingu IV // Dokumentarfilm // 73 Minuten // 2014 // http://neuewut.de

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