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Frauenbewegung in Nicaragua

Ab 1984, dem Höhepunkt der militärischen Bedrohung durch die Contra, hieß es dann nur noch “die Männer an die Front, die Frauen in die Produktion”. Dies bedeutete für viele Frauen eine Chance, weil sie neue Arbeitsbereiche und Fähigkeiten entdecken konnten, zugleich aber eine erhebliche Mehrbelastung durch die zusätzliche Arbeit in Betrieben und politischen Gremien. Auch bekamen sie die Folgen des Krieges bis in den eigenen Haushalt hinein zu spüren: Die von der Front heimkehrenden, zum Teil traumatisierten Männer ertrugen die neue Rollenverteilung nur schlecht und reagierten häufig mit Gewaltausbrüchen. Doch für die AMNLAE-Führung waren dies alles “private Probleme”, die jede individuell zu lösen hatte. Die Funktionärinnen der AMNLAE-Basis hingegen waren mit der politischen Aufgabe, die ihnen zugeschoben worden war, nämlich die Mütter von der Notwendigkeit des Wehrdienstes zu überzeugen und solche von gefallenen Soldaten zu betreuen, überfordert.
Die Sandistinnen in höheren Positionen, vor allem diejenigen, die vor 1979 nicht nur am Befreiungskampf teilgenommen, sondern auch studiert hatten, konnten die neuen Möglichkeiten neuer Arbeitsbereiche viel eher nutzen. Dank ihrer Bildung wurden ihnen verantwortungsvolle Posten in öffentlichen Institutionen angeboten. So beauftragte die FSLN-Führung die Anwältin María Lourdes Bolaños, für AMNLAE ein Frauen-Rechtshilfebüro einzurichten; die Anwältin Milú Vargas wurde zur juristischen Beraterin der Asamblea Sandinista ernannt und die Journalistin Sofía Montenegro erhielt eine leitende Redaktionsstelle bei der sandinistischen Tageszeitung “Barricada”.
Diese und andere Feministinnen trafen sich neben ihrer Arbeit in staatlichen Strukturen zum informellem Austausch und diskutierten feministische Texte. Mit diesem theoretischen Hintergrund traten sie 1985 zum ersten Mal als Feministinnen an die Öffentlichkeit: Nachdem Ärztinnen und Krankenschwestern des grossen Frauenhospitals, Berta Calderón, in Managua alarmierende Zahlen zum Ausmaß und zu den Folgen illegaler Abtreibungen veröffentlicht hatten, starteten sie eine Kampagne für die Entkriminalisierung des in Nicaragua verbotenen Schwangerschaftsabbruchs. Gleichzeitig forderten sie die AMNLAE-Führung dazu auf, sich nicht nur mit der Glorifizierung der “Heldenmütter” zu befassen, sondern auch gegen die Gewaltverhältnisse innerhalb der Familien anzukämpfen. “Wenn schon der Krieg in jedes Haus einbricht, dann soll auch die Revolution in jedes Haus vordringen”, forderte Sofía Montenegro in Barricada.
1986 war ein entscheidendes Jahr für die Frauenbewegung. Im ganzen Land wurde die neue Verfassung öffentlich diskutiert, darunter auch in den von der AMNLAE einberufenen Frauenversammlungen. Darauf hatten sich die Feministinnen, die mittlerweile mehrere Gruppen bildeten, seit längerem vorbereitet. Sie nahmen den AMNLAE-Vertreterinnen die Leitung der Frauenversammlungen aus der Hand und forderten die Teilnehmerinnen auf, sich mit Ansprüchen an den sandinistischen Staat nicht zurückzuhalten. Sie taten dies mit überwältigendem Erfolg: Überraschend viele Rednerinnen sprachen über Themen wie Abtreibung oder Gewalt gegen Frau-en, die bisher als “Probleme kleinbürgerlicher Feministinnen” abgetan worden waren. Diese Frauenversammlungen waren bei weitem die am besten besuchten, die lebendigsten und politisch radikalsten. Sie fanden auch über die Landesgrenzen hinaus große Beachtung.

Der Bruch mit der Parteihierarchie

Sobald das Ereignis wieder aus den Schlagzeilen verschwunden war, mußten die Feministinnen für diesen Affront büßen. Einige wurden auf unattraktive Posten versetzt. Sie weigerten sich, auf diese Art abgeschoben zu werden und brachen mit der sandinistischen Hierarchie, nicht aber mit der sandinistischen Revolution.
Innerhalb weniger Monate eröffneten sie mit Hilfe ausländischer Gelder die ersten autonomen Frauenhäuser in Managua, Matagalpa und Masaya. In den darauffolgenden Monaten verließen zahlreiche Sandinistinnen ihre Kaderpositionen in Partei, Behörden oder Gewerkschaften, um sich ebenfalls an unabhängigen Frauenprojekten zu beteiligen. Damit nahmen sie in Kauf, von ihren ParteigenossInnen angefeindet, als Lesben, Sektiererinnen, Kleinbürgerinnen und zum Teil sogar als Contras abgestempelt und marginalisiert zu werden.
Im ganzen Land entstanden Dutzende von Frauengruppen und -projekten: Frauenhäuser, Abtreibungskliniken, Beratungsstellen, Ausbildungs- und Aufklärungsprogramme, Lesben-gruppen, Medien- und Theaterprojekte.
In den letzten Jahren der sandinistischen Regierung mußten sich das Parlament und die zuständigen Kommissionen auf Druck der Frauen mehrmals mit Themen wie sexuelle Gewalt, Schwangerschaftsabbruch, Ehe und Familie befassen. Abtreibungen wurden toleriert, obwohl sie nach wie vor verboten waren. Das Parlament hielt 1987 in der neuen Verfassung fest, daß es keine Diskriminierung aufgrund des Geschlechts gebe, und daß zwischen Mann und Frau “absolute Gleichheit” bestehe. Die FSLN-Führung versprach, verschiedene Gesetze zugunsten der Frauen zu ändern.

Die Wahlniederlage der Sandinisten 1990

Für die nicaraguanische Frauenbewegung markiert das Jahr 1990 mit der Wahlniederlage der Sandinisten eine entscheidende Zäsur. Trotz aller Enttäuschung über den Ausgang der Wahl bedeutete der Machtverlust für viele Frauen auch eine Befreiung: Vor allem die Funktionärinnen in den unteren und mittleren Stufen der Parteihierarchie, die sich in ihrer Pufferposition zwischen Befehlen von oben und Forderungen von unten jahrelang aufgerieben hatten, atmeten auf. “Der Sandinismus hat sehr negative, autoritäre und vertikale Machtstrukturen geschaffen, so daß viele Frauen heute überhaupt keine líderes mehr anerkennen wollen. In der Frauenbewegung müssen wir nun nach neuen Führungsformen suchen”, so Magaly Quintana in einem Interview 1993.
Jahre hatte es in der Frauenbewegung schon gegärt und gebrodelt. Die Kritik an AMNLAE war seit langem nicht mehr zu überhören, aber der Wahlkampf, die politische Auseinandersetzung um die Staatsmacht hatte viele erklärte Feministinnen noch einmal bewogen, ihre Ziele den angeblich übergeordneten politischen Zielen der FSLN unterzuordnen. So wurde der Präsidentschaftskandidat der Frente, Daniel Ortega, im Wahlkampf zum ausgesprochenen Macho aufgebaut – männlicher Gegenpol zu Violeta Chamorro, die als Witwe, Mutter und unschuldige Gefährtin der Mächtigen daherkam.

Die unabhängigen Frauen organisieren sich

Die FSLN verlor die Wahl – nicht zuletzt, weil die Frauen als kriegsmüde Mütter und Ehefrauen mehrheitlich für die Hoffnung auf eine Beendigung des Krieges und auf wirtschaftlichen Aufschwung stimmten. Dies war zugleich auch das Scheitern von AMNLAE, die ihre Arbeit als Frauenorganisation nach einem rein territorialen Konzept betrieb: Sie organisierte die Frauen auf einem bestimmten Gebiet, unabhängig von ihrem Alter, ihrer Arbeit oder ihrer schon berufsspezifischen Organisierung. Schon 1987 war diskutiert worden, die Strukturen von AMNLAE mehr denen einer Bewegung anzupassen. Als dies nach der Wahlniederlage der FSLN von verschiedenen Frauengruppen konkret eingefordert wurde, stellte sich AMNLAE quer und beharrte auf ihrem Führungsanspruch. Es kam zum Eklat: Während AMNLAE im März 1991 ihre vierte Nationalversammlung abhielt, riefen die anderen Frauengruppen für den 8. März zu einem “Festival der 52%” auf. Maria Teresa Blandón beschreibt das Festival so: “Es dauerte drei Tage und war vor allem Ausdruck einer neuen Art, zusammenzukommen. Wir luden uns gegenseitig ein, um gemeinsam der übrigen Gesellschaft zu zeigen, wer wir waren, was wir machten, welchen Problemen wir gegenüberstanden, wie wir dachten und welche Forderungen wir stellten.
Wie viele andere war auch dieser Versuch Angriffen seitens äußerst konservativer Kreise ausgesetzt, die in verunglimpfender Absicht Themen wie Lesben und Antisandinismus einsetzten, um unser Treffen negativ zu beeinflussen. Es nahmen dann auch nicht überwältigend viele Frauen teil, dennoch war die politische Wirkung auf Frauen unterschiedlicher Sektoren sehr positiv.” (“Wirklicher Feminismus in Nicaragua”, in G. Küppers, Feministamente)
Von März 1991 bis Januar 1992 arbeiteten 30 Frauen aus verschiedenen Frauengruppen an der Vorbereitung des ersten nationalen Frauentreffens mit dem Titel “Diversas pero Unidas” (Einheit in der Verschiedenheit). Obwohl weder AMNLAE noch die nationalen Leitungen der sandinistischen Gewerkschaften zu diesem Treffen aufriefen, war es ein voller Erfolg. 800 Frauen nahmen teil – Frauen verschiedenen Alters und verschiedener Herkunft, Frauen verschiedener Ethnien, Frauen vom Land und aus der Stadt. Jede mußte und durfte nur sich selbst vertreten, brachte ihre eigene Geschichte und Erfahrung ein, formulierte ihre eigenen Vorstellungen für die weitere Arbeit und die zukünftige Organisierung der Bewegung.

Harte Zeiten für die Frauen

Seit dem Regierungswechsel 1990 verschlechterte sich die Lebenssituation der Frauen in Nicaragua drastisch. Viele Frauen verloren ihre Arbeit, die Mehrzahl der Kindertagesstätten wurden geschlossen, das Gesundheitswesen quasi privatisiert. Die während der sandinistischen Zeit initiierten Sexualerziehungs- und Familienplanungsprogramme wurden abgebrochen, Prostitution und Gewalt gegen Frauen und Kinder nahmen stark zu. Nicaragua gehört weltweit zu den Ländern mit der höchsten Todesrate schwangerer Frauen.
Auch auf der Gesetzesebene mußten die Frauen unter der Chamorro-Regierung schwere Rückschläge einstecken. Die meisten von den Sandinisten angekündigten Gesetzesrevisionen waren bis 1990 leere Versprechungen geblieben. Im Fami-lienrecht hatte die FSLN lediglich das Scheidungsrecht zugunsten der Frauen verändert, ansonsten galt nach wie vor die Vorherrschaft des Mannes über Frau und Kinder. Obwohl bereits seit 1982 das “Gesetz zur Regelung der elterlichen Gewalt” jeden Mann verpflichtet, für alle seine Kinder aufzukommen, gibt es für die Frauen nach wie vor kaum eine Chance, dies durchzusetzen.
Die Chamorro-Regierung machte sich als erstes daran, das Familienrecht zu ändern und die wenigen Verbesserungen wieder rückgängig zu machen. 1992 wurde durch das Parlament eine Revision des Sexualstrafrechts verabschiedet: Das Abtreibungsverbot schloß danach auch “therapeutische Fälle” (zum Beispiel die Abtreibung nach einer Vergewaltigung) mit ein; außerdem wurde jede homosexuelle Handlung unter Strafe gestellt.
Auf der anderen Seite konsolidierte sich die Frauenbewegung Nicaraguas nach 1990 mehr und mehr – sie gewann an Kraft und Einfluß, während alle anderen sozialen Bewegungen, die in der sandinistischen Regierungszeit entstanden waren, kaum mehr in Erscheinung traten.
Eine Spaltung zwischen einer sozialen Frauenbewegung und den Feministinnen zieht sich durch die gesamte lateinamerikanische Frauenbewegung.
Während die einen Gruppen ihre Arbeit als Teil der linken sozialen Kämpfe für Land, Wohnraum oder Lohn verstehen, konzentrieren sich die anderen auf frauenspezifische Themen wie Gewalt, Gesundheit, Sexualität. Auch in Nicaragua lassen sich diese beiden Hauptströmungen festmachen, wiewohl es der nicaraguanischen Frauenbewegung oftmals gelang und gelingt, die unterschiedlichen Positionen in Bezug auf Handlungsfähigkeit auf einen Nenner zu bringen.

Widersprüche und Brüche

Seit 1991 arbeiten die verschiedenen Frauengruppen in thematischen Netzwerken wie dem “Netz gegen Gewalt gegen Frauen”, dem “Netz Frauen und Gesundheit” oder dem “Netz Frauen und Rechtshilfe”. Der Versuch, eine nationale feministische Koordination und Organisation, das Comité Nacional Feminista, aufzubauen, scheiterte an inneren wie äußeren Widersprüchen. Innerhalb des Komitees stieß die Diskussion der 26 beteiligten Gruppen über Konkurrenz, Führungsstil und Macht an eine Grenze; von außen unternahm die FSLN den Versuch, das Feministische Komitee für parteipolitische Interessen zu funktionalisieren. Die Bewertung dieses Wegbrechens eines Organisations- und Koordinationszusammenhangs hängt wohl vom jeweils vorhandenen Politikverständnis ab. Sind die vielen vereinzelt oder in kleinen Zusammenhängen arbeitenden Frauengruppen eine Bewegung, die in der Lage ist, politische und soziale Veränderungen für die Frauen herbeizuführen? Kann man erst dann von einer Bewegung sprechen, wenn sich die verschiedenen Gruppen organisieren, um – zumindest kurzfristig – gemeinsam für notwendige gesellschaftliche Veränderungen zu kämpfen? Oder sind die einzeln arbeitenden Frauengruppen gesellschaftsverändernd wirksam, auch ohne daß die vielfältigen Prozesse gebündelt werden?
Es bleibt festzuhalten, daß sich die Ansätze von Vernetzung in Nicaragua vervielfacht haben und im ganzen Land existieren, die inhaltliche Debatten wurden vertieft und um neue Themen erweitert.

Emanzipation hat viele Gesichter

1994 war eines der Themen in Nicaragua die Diskussion um Verfassungsreformen. Im Parlament stritten zwei Fraktionen – die einen verfochten die bestehende Verfassung, die anderen favorisierten Reformen. Frauen aus der Frauenbewegung gründeten die “Dritte Kolonne” (Tercera Columna), um den Erwartungen und Vorschlägen von Frauen in dieser Debatte über eine breit angelegte Medienkampagne Gehör zu verschaffen. 500 Frauen erarbeiteten vorher im Rahmen eines Kongresses Vorschläge dazu.
Im Vorfeld der “großen Konferenzen”, der Weltbevölkerungskonferenz in Kairo im September 1994 und der Weltfrauenkonferenz in Peking 1995 entstanden verschiedene Koordinationen, um die aktive Teilnahme nicaraguanischer Frauen vorzubereiten und Ergebnisse wieder in die Diskussionen in Nicaragua zurückzutragen. Für viele Frauen stellte sich der Vorberei-tungsprozeß als eine Möglichkeit dar, die Organisierung der Frauen voranzubringen. Es gab innerhalb der Frauenbewegung einen Reflektionsprozeß darüber, inwieweit die Teilnahme an den Konferenzen die Bewegung behindert oder bereichert. Am Ende stand, daß sich die Frauen in die politischen Debatten einmischen und Stellung zur offiziellen nicaraguanischen Regierungspolitik beziehen wollten.
Ein anderer thematischer Schwerpunkt der Frauenbewegung war und ist die Forderung nach Frauenmenschenrechten. Sie wurde erfolgreich in die Menschenrechtsarbeit in Nicaragua eingebracht.
Viele Projekte der Frauengruppen beziehen sich vor dem Hintergrund der sich immer weiter verschärfenden ökonomischen Krise Nicaraguas auf Möglichkeiten, das materielle Überleben von Frauen und Kindern zu sichern. Diese Produktionsorientierung wird kombiniert mit Seminaren zur Geschlechterfrage, zu Sexualität und Gesundheit, Ernährung, Rechte von Frauen sowie Selbstverwaltung und alternative Anbaumethoden. Ein Beispiel dafür ist die Arbeit des Landfrauen-Netzes. Dieser Zusammenschluß von sieben Landfrauenkollektiven organisiert einerseits einen technischen Austausch, diskutiert aber gleichzeitig auch über den Aufbau einer feministischen Landfrauenbewegung. Im Vorfeld der Wahlen 1996 mischte sich dieses Netz insofern in den Wahlkampf ein, als daß es Seminare für die Landfrauen organisierte, wo diese erstmals etwas über ihre Rechte als Staatsbürgerinnen erfuhren und die Wahlkampfpropaganda der verschiedenen Parteien einordnen lernten.

Neue Herausforderungen für die Frauenbewegung

Eine weitere Initiative im Vorfeld der Wahlen kam aus der autonomen Frauenbewegung: Sie regte eine Nationale Frauenkoalition an, einen Zusammenschluß von Frauen aller Parteien und unterschiedlicher Institutionen und Zusammenhänge. Die Frauenkoalition einigte sich auf einen Forderungskatalog die sogenannte Agenda Mínima, mit der die Politik der Parteien und Organisationen langfristig beeinflußt werden soll: In der Agenda wurden Frauenforderungen zusammengestellt, die sich auf Staat und Politik, Wahlen, sozio-kulturelle Räume, Erziehung, Kultur, Wirtschaft und Justiz und Gesetzgebung beziehen. Es wurde die Übereinkunft getroffen, diesen Forderungen in den politischen Räumen, in denen die verschiedenen Frauen tätig sind, Gehör zu verschaffen. Diese Allianz war allerdings in der Frauenbewegung auch umstritten – einige fanden den Energieaufwand für die ihrer Ansicht nach mageren Ergebnisse zu hoch. Strittige Themen wie z.B. Abtreibung waren aus der Agenda tatsächlich völlig ausgeklammert.
Aus einem internen Konflikt in der sandinistischen Industriegewerkschaft CST entstand 1995 das Movimiento de Mujeres Trabajadoras y Desempleadas, Maria Elena Cuadra (Bewegung von arbeitenden und arbeitslosen Frauen). Einer der Schwerpunkte dieser Organisation ist die Arbeit mit Industrienäherinnen in der Maquila-Industrie, wo die Frauen unter sklavenartigen Bedingungen arbeiten. Jenseits von klassischer gewerkschaftlicher Organisierung wurde ein Konzept für die Arbeit mit den Frauen entwickelt, das die gesamte Lebenssituation berücksichtigt. Die Frauen sollen die Möglichkeit haben zu lernen, sich zu wehren und die Verteidigung ihrer Rechte nicht den Männern zu überlassen. Das bezieht sich nicht nur auf die Arbeit in der Fabrik. So ist das Vertrauen der Arbeiterinnen in die Gewerkschaften nicht sehr groß. Die Verhandlungen werden in der Regel von Männern geführt, die sich nur schwer in die Lage einer Arbeiterin hineinversetzen können und denen oftmals ein ähnliches Verhalten wie den Vorarbeitern vorgeworfen wird – nämlich sexueller Mißbrauch.
Mittlerweile gibt es ein zentralamerikanisches Netz “von Frauen in Solidarität mit den Arbeiterinnen in der Maquila”, die kürzlich eine Kampagne starteten, um die Betreiber der Maquila-Industrien zur einer Unterschrift unter einen Ethikcode zu veranlassen. In diesem Ethikcode sind Mindestanforderungen an die Arbeitsbedingungen in der Maquila formuliert.
Nach dem Wahlsieg von Arnoldo Alemán im Oktober 1996 steht die Frauenbewegung vor neuen Anforderungen, weil viele ihrer Errungenschaften gefährdet sind. Eine der ersten Aktionen der neuen “neoliberalen” Regierung war die Vorlage eines Gesetzentwurfs für ein Familienministerium. Hinter der Bildung dieses Ministeriums steht der massive Versuch, die Arbeit der von unabhängigen Organisationen wie dem “Institut für die Frau” (INIM), dem “Nicaraguanischen Fonds für die Frau und Familie” (FONIF) und der “Nationalen Kommission zur Förderung und zum Schutz der Rechte der Kinder” schlichtweg abzuschaffen. Dabei geht es nicht nur um die Auflösung wichtiger staatlicher Institutionen, sondern um den Versuch, den Frauen ein erzkonservatives Frauenbild und Familienmuster aufzuzwingen.
Die Absicht der Regierung wird mit der Begründung der Notwendigkeit eines Familienministeriums deutlich. Arnoldo Alemán schreibt: “Die Basis der Familie ist das (Ehe-)Paar, der Mann und die Frau.” Die Mehrheit der nicaraguanischen Familien, nämlich 83% entsprechen nicht diesem Modell.
Auch der Einfluß der katholischen Kirche auf den vorgelegten Gesetzentwurf wird an folgender Passage deutlich: “Der Staat hat die Pflicht, die Familie vor jeder Agression, Situation oder Gefahr zu schützen, die bezweckt oder damit droht, ihre Aufgabe (die Fortpflanzung, G.S.) zu manipulieren oder sie von ihrer Aufgabe abzubringen”. Im Klartext bedeutet das ein Verbot von Verhütungsmitteln und damit eine starke Einschränkung der individuellen Entscheidung über Mutter- oder Vaterschaft.
Als eine “Aggression gegen den Auftrag der Familie” interpretiert die Regierung dann auch folgerichtig die Arbeit der Frauenzentren und -gruppen, die die Frauen in gesundheitlichen, rechtlichen und organisatorischen Fragen beraten und unterstützen und sie zum Beispiel über Verhütungsmittel informieren. Das Familienministerium soll staatliche und nicht-staatliche Organisationen kontrollieren und koordinieren und hätte damit das Recht, sich in Projekte, Politik und Arbeitsweise dieser Organisationen einzumischen. Flankiert wird dieser Gesetzentwurf durch einen anderen, der vor allem die Finanzierung von Nichtregierungsorganisationen kontrollieren will.
Gegen diese Vorhaben der neoliberalen Regierung gab es eine breite Welle des Protests. Vor allem Frauen gingen im April 1997 auf die Straße, um lautstark gegen die Einschränkung ihrer Rechte zu demonstrieren. Die langwierige Aufgabe der Frauenbewegung wird es sein, dieses “Frauenanliegen” auf breiter sozialer Ebene in Nicaragua zu diskutieren und einen Gesetzesentwurf zu lancieren.

Große Teile des Artikels, vor allem zur Geschichte der Frauenbewegung, sind dem Artikel “Holt die Revolution ins Haus” von Verena Mühlberger, WoZ Nr. 44, Nov. ’93 geringfügig bearbeitet und aktualisiert entnommen.

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