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Frauenpower gegen Biodiesel

Auf der Avenida Paulista, der Hauptstraße im modernen Zentrum von São Paulo, stießen etwa 20.000 DemonstrantInnen auf die Militärpolizei. Von den gewaltsamen Straßenkämpfen die folgten, bekamen die Adressaten der Proteste wenig mit. Lachend und scherzend zeigten sich US-Präsident George W. Bush und sein Gastgeber, Präsident Luis Inácio Lula da Silva, der Presse.
Während im Stadtzentrum die Polizei Tränengaskartuschen auf DemonstrantInnen schoss, zeigte Lula dem US-Präsidenten in der Vorstadt Guarulhos die Samen verschiedener Pflanzen, aus denen Biodiesel gewonnen werden kann, und deren Produkte. Beide schnupperten an den fetthaltigen Früchten, wobei Bush sein Gesicht
verzog. Er versuchte, einen portugiesischen Akzent nachzuahmen und sagte: „Riecht gar nicht mal schlecht.“

Im Zeichen der Biokraftstoffe

Dass die Biotreibstoffe, die Lula und Bush beschnupperten, tatsächlich einen Wohlgeruch verbreiten, ist unwahrscheinlich. Vermutlich rochen beide Präsidenten eher eine gute Chance, in Zukunft ihre Wirtschaft anzukurbeln und sich gleichzeitig als Umweltschützer zu zeigen.
„Wir wollen heute eine Partnerschaft für die Zukunft einweihen […], um Ethanol und Biodiesel endgültig in die Energiepolitik unserer beiden Länder zu integrieren“, sagte Lula in seiner offiziellen Begrüßungsrede. „Biotreibstoffe bieten eine ökonomisch sinnvollere und sauberere Alternative für die Zukunft.“
Präsident Bush gab seinem Kollegen Recht. Biokraftstoffe seien gut für die Umwelt und böten Entwicklungsmöglichkeiten für arme Länder in Afrika und Lateinamerika. „Sie sind eine Möglichkeit, den Reichtum in Zentralamerika zu verbreiten, dass diese Länder zu Energieproduzenten und unabhängig von Ölexporten anderer Länder werden.“

Aktionen im ganzen Land

Zur gleichen Zeit protestierten tausende von Frauen gegen die Behauptung, dass man mit Bio- treibstoffen die Umwelt schützen und Armut bekämpfen könne. Um den Weltfrauentag am 8. März herum, zeitgleich mit Bushs Besuch in Brasilien, organisierten Frauen der Landlosenorganisationen Via Campesina und MST koordinierte Aktionen in verschiedenen Bundesstaaten, um gegen die Agrarindustrie zu demonstrieren.
In Rio de Janeiro besetzten etwa 200 Frauen die Nationalbank für Ökonomische und Soziale Entwicklung BNDES. Sie wollten damit gegen die Politik der Kreditvergabe der staatlichen Institution protestieren. Die BNDES fördert mit ihrer Kreditvergabe vor allem die exportorientierte Agrarindustrie.
Im ganzen Land organisierten Frauen Besetzungen und Demonstrationen. Wie die Tageszeitung Folha de São Paulo berichtete, besetzten im Bundesstaat Ceará 500 Frauen eine Bundestraße. In Alagoas stürmten 200 Frauen das Büro des Staatssekretärs für Landwirtschaft. In Pernambuco besetzten 10 Frauen eine Farm. In Minas Gerais blockierten 300 Frauen die Eingangstore einer Eisenerzaufbereitungsanlage des Bergbauunternehmens CVRD. In Rio Grande do Sul, wo die Landlosenorganisation MST Ende der siebziger Jahre gegründet wurde, beteiligten sich 3.600 Frauen an der Besetzung von vier Farmen. In noch vielen anderen Staaten führten Frauen Protestaktionen und Besetzungen durch.
Die spektakulärste Aktion war wohl die Besetzung der größten Ethanolfabrik Brasiliens, Cevasa, in Riberão Preto im Bundesstaat São Paulo. Sie gehörte bis vor kurzem Blairo Maggi, dem größen Sojaproduzenten der Welt und Gouverneur von Mato Grosso. Er will aus „seinem“ Bundesstaat den größten Ethanolproduzenten der Welt machen – natürlich soll der Sprit aus Soja gewonnen werden. Inzwischen ist die Fabrik aber an das multinationale Unternehmen Cargill verkauft worden.
Die Frauen wählten die Fabrik Cevasa in Riberão Preto aus, weil sie ein Symbol für die wahren Auswirkungen der Ethanolproduktion ist. Erst während der letzten Jahrzehnte boomte in der Region der Zuckerrohranbau, inzwischen wird dort mehr als anderswo produziert. Seitdem hat die Landkonzentration dort massiv zugenommen, was vor allem Kleinbäuerinnen und -bauern betrifft. Immer wieder gab es Berichte von sklavereiähnlichen Arbeitsverhältnissen, unter denen Menschen auf den Plantagen in Riberão Preto das Zuckerrohr hätten ernten müssen. Der Internetzeitung Carta Maior zufolge sollen seit 2004 über 15 Menschen in der Region an Überarbeitung gestorben sein.
In 15 Omnibussen kamen am Morgen des 7. März 800 Frauen der Via Campesina und der MST vor den Werkstoren der Cevasa an. Dort blockierten sie die Eingangstore und besetzten anschließend friedlich das Werk, wie die Polizei mitteilte. Dort hielten sie bis zum nächsten Tag aus.

Die andere Seite des Biosprits

Ihre Proteste stellten die Frauen von Via Campesina und der MST explizit in den Kontext des Bush-Besuchs in Brasilien. „Im Februar 2007 haben die Regierungen Brasiliens und der USA beschlossen, in Zukunft stärker auf dem Feld der Biokraftstoffe zu kooperieren“, schrieben sie in einer Erklärung auf der Homepage von Via Campesina.
Außerdem verträten die Regierungen vor allem die Interessen von großen Agrar-, Automobil- und Chemieunternehmen. „Große Unternehmen ziehen ihren Vorteil aus der berechtigten Sorge um die Klimaerwärmung, und nehmen Biotreibstoffe vor allem als Möglichkeit der Kapitalakkumulation wahr.“ Die Argumente, dass mit den neuen Treibstoffen die Umwelt geschützt und Armut bekämpft würde, seien bewusst verfälscht.

Keine erneuerbare Energie

Marina dos Santos ist Koordenatorin der Bewegung der Landfrauen MMC, die auch in der Via Campesina organisiert ist. „Durch die Monokulturen der Agrarindustrie wird unsere Umwelt zerstört“, sagte sie der brasilianischen Internetzeitung Carta Maior. Tatsächlich würden durch die Produktion von Biotreibstoffen die negativen Folgen der Erderwärmung noch verstärkt. Die riesigen Zucker-, Palmöl- und Sojaplantagen, die zur Gewinnung der Treibstoffe nötig sind, entzögen dem Boden Nährstoffe und würden die Wasserreserven ganzer Regionen verbrauchen. Biotreibstoffe würden dadurch direkt die Desertifikation von Trockenregionen voran treiben. „In Wahrheit ist Biotreibstoff gar keine ‚erneuerbare‘ Energiequelle.“
Dass die Proteste hauptsächlich von Frauen organisiert und durchgeführt wurden, ist kein Zufall. Sie wollten mit den Aktionen für eine ökologische und vielfältige Landwirtschaft demonstrieren, die vor allem der armen Landbevölkerung nutzt.
Nach Daten der Via Campesina leben etwa 32 Prozent der brasilianischen Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze. In ländlichen Regionen seien aber 57 Prozent der Bevökerung arm. Wenn man diese Daten geschlechtsspezifisch entschlüssele, seien aber 70 Prozent dieser Armen Frauen und Kinder. Frauen müssen häufig ihre Familien alleine ernähren, bekommen aber durchschnittlich deutlich geringere Löhne. Sie sind am stärksten von den Folgen der Armut betroffen, die aus der Landkonzentration in Brasilien resultiert. Deshalb sei es gerade am Frauentag wichtig, gegen die Agrarindustrie und die Produktion von Biotreibstoffen zu protestieren, wie die Frauen von Via Campesina schreiben. Mit ihrem
Widerstand wehren sich die Frauen gegen die Zerstörung ihrer
Lebensgrundlage.

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