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„Für die Mörder darf es keine Straffreiheit geben“

Der Mord an Deinem Vater ist noch immer nicht aufgeklärt. Wie erklärst du Dir das?

Es liegt an den Streitkräften. Sie rücken nicht die Informationen heraus, die wir als Kläger von ihnen verlangen. Es dringt nichts nach außen. Mich überrascht das immer wieder. Es gibt in diesem Land Machtgebilde, an denen niemand rütteln kann. Obwohl die Streitkräfte von der Gesellschaft, also von uns allen, finanziert werden, sind sie praktisch unantastbar, wenn es um ihre Verbrechen geht.

Aber in den vergangenen Jahren hat die Heeresleitung doch immer betont, sie sei bereit an der Aufklärung mitzuwirken.

Von der Ankündigung bis zur Umsetzung ist es ein langer Weg. Präsidentin Michelle Bachelet hat in ihrer letzten Regierungserklärung von der Notwendigkeit gesprochen, die Opfer von Menschenrechtsverletzungen zu ehren. Die einzig richtige Form der Ehrung besteht jedoch darin, dass die Streitkräfte alle Informationen herausgeben, über die sie verfügen. Das haben sie bislang nicht getan, und sie werden es wohl auch in Zukunft nicht tun. Trotzdem muss man beharrlich bleiben. Man muss bohren, drängeln, auf die Nerven gehen.

Das Ermittlungsverfahren endete mit einem einzigen Schuldigen, der aber nur indirekt an dem Mord beteiligt war. Wie siehst Du dieses Ergebnis?

Der vorsitzende Richter, Eduardo Fuentes, hat sich nicht klargemacht, was es bedeutet, diesen Fall zu schließen. Die ganze Justiz ist doch hoffnungslos überfordert. Aber ich glaube ehrlich gesagt nicht an eine böse Absicht dieses einen Richters. Fuentes hat immer gesagt, dass er sich ausschließlich von der Suche nach der Wahrheit leiten lässt.

In den vergangenen Wochen sind viele Menschen auf die Straße gegangen, um die Wiederauf­nahme des Falles zu fordern – mit Erfolg. Warum bewegt die Menschen der Fall Víctor Jara nach wie vor so sehr?

Das Estadio Chile war ein Ort des Schreckens. Ich habe mir viele Augenzeugenberichte anhören müssen, die die Ereignisse dort schilderten. Es geht ja nicht nur um Víctor, sondern um all die Leute, die das erlitten haben. Für die Folterer und Mörder darf es keine Straffreiheit geben. Und Víctor ist dafür zum Symbol geworden. Ich sage immer el Víctor, so ein Unsinn. Er ist mein Vater.

Wie fühlst Du Dich, wenn Du siehst, wie die Zeit verstreicht und nichts vorangeht?

Ich verzweifle nicht mehr daran. Das habe ich mir abgewöhnt. Verzweifeln bedeutet altern, verbittert sein. Deshalb führe ich mein normales Leben quasi parallel zu diesen Dingen. Ein bisschen ist es aber schon so, dass mich gar nichts mehr überrascht, dass ich ein wenig resigniere. Dann ist es gut, dass die jungen Leute wieder auf die Straße gehen und dich ein bisschen anstupsen. Aber irgendwann muss diese Geschichte zu einem Ende kommen.

Im Jahr 2006 hast Du an einer Protestaktion gegen Edwin Dimter Bianchi teilgenommen. Glaubst Du, er war der „Prinz“, dieser sadistische blonde Offizier, der laut den Zeugenaussagen Deinen Vater getötet hat?

Ich weiß nicht, ob Dimter der „Prinz“ ist. Darum geht es auch nicht. Sondern darum, alle Offiziere des Heeres zu identifizieren, die für Morde und Folterungen im ehemaligen Estadio Chile verantwortlich waren. Dimter, Krassnoff, Souper, diese Namen sind bekannt. Zwei fehlen noch, und das Heer hat sie. Vielleicht hat er meinen Vater nicht umgebracht, aber er war zweifelsohne im Stadion und hat dort Menschen misshandelt.

Unabhängig von der wahren Identität des „Prinzen“ – welche Gefühle hast Du gegenüber dieser Person? Du weißt, was sie Deinem Vater angetan hat.

Ich habe nicht alle entsprechenden Aussagen gelesen, aber ich muss das irgendwann tun. Das Schockierendste war für mich das Zeugnis eines Mitgefangenen. Danach konnte ich tatsächlich drei Tage lang nicht schlafen, sonst passiert mir so etwas nicht. Meiner Mutter ist es dagegen die ganzen Jahre so gegangen. Sie hat mit eigenen Augen gesehen, wie mein Vater zugerichtet war. Jede Zeugenaussage ruft bei ihr dieses Bild wieder hervor. Ich versuche in diesem Menschen nicht meinen Vater zu sehen, sondern eines von vielen Opfern.

Das dürfte nicht einfach sein.

Ist es auch nicht. Aber mit der Zeit habe ich gelernt, Víctors Tochter zu sein und mein eigenes Leben von dem abzutrennen, was geschehen ist. Auf eine gewisse Weise habe ich meinen Vater ganz für mich, zusammen mit meiner Schwester und meiner Mutter. Alles andere trenne ich ab. Das war schon ganz früh so. Nur ein einziges Mal habe ich diese Dinge durcheinander gebracht, 1983, bei den ersten Protestaktionen gegen die Diktatur. Da war ich mit den anderen auf der Straße und habe „Víctor Jara, presente!“ gerufen. Und bin auf einmal regelrecht zusammengebrochen. Ich habe dann aber akzeptiert, dass mein Vater nicht nur für die Mord- und Folteropfer stand, sondern auch einer Jugend als Symbol diente, die ein besseres Leben wollte.

Du hast einmal gesagt, dass Du lange wütend auf deinen Vater warst. Warum?

Weil er an jenem 11. September zur Arbeit gegangen ist, weil er uns allein gelassen hat. Das war eine Kleine-Mädchen-Wut. Warum musste er in die Universität gehen? Warum konnte er nicht zu Hause bleiben? Inzwischen habe ich begriffen, dass er genau das tun musste. Allende hatte die Menschen dazu aufgerufen, an ihrem Arbeitsplatz zu erscheinen, und er tat genau das. Er hätte gar nicht anders handeln können, er wäre sonst nicht Víctor Jara gewesen.

Wie sind deine Erinnerungen an Deinen Vater, an Deine Kindheit?

Wie ein Nest. Ich habe nie wahrgenommen, dass meine Eltern nicht für uns da waren. Dabei hatten sie während der Unidad Popular alle Hände voll zu tun. Da war keine Leere, ganz im Gegenteil. Unser Haus war voller Leben, voller Gefühle, voller Freunde. Immer wurde geprobt, gefeiert, gegrillt, immer war es laut. Und dann die Ferien. Da sind wir rausgefahren, nach Isla Negra oder anderswohin, immer in der renoleta, unserem Renault 4, und mein Vater hat beim Fahren gesungen. Immer. Meine Beziehung zu ihm war unglaublich eng, ich habe seine Hand praktisch nie losgelassen.

Kannst Du Dich an den 11. September 1973 erinnern, an das letzte Mal, dass Du Deinen Vater gesehen hast? Du warst damals gerade acht.

Früher konnte ich mich nicht an diesen Tag erinnern, jetzt ja. Der Fernseher lief, die Sender zeigten Militärparaden. Im Radio lief Allendes Ansprache. Allen stand der Schrecken ins Gesicht geschrieben, nur meinem Vater nicht. Der war total ruhig. Daran, wie er meine Mutter umarmte, habe ich aber schon gemerkt, dass es nicht gut für uns aussah. Von uns verabschiedete er sich mit einem strahlenden Lächeln: Passt auf euch auf, ich rufe an, macht euch keine Sorgen. Es war ein grauer Tag, ohne jedes Licht.

Und dann hörtet ihr nichts mehr von ihm.

Das Haus ist regelrecht zusammengeschrumpft in diesen Tagen. Alle liefen herum, ohne etwas zu sagen. Ich hatte den Eindruck, dass sie etwas vor mir verbargen, so eine Beklemmung überträgt sich ja. Allende wohnte ganz in unserer Nähe, auch über sein Haus flogen die Jets. Dann kamen diese Fragen: Was machen wir mit all den Sachen? Verbrennen, aufheben? Ich kann mich erinnern, dass ich mich im Bad eingeschlossen habe um zu beten. Ich hatte damit gar nichts am Hut, ich war nicht getauft und nie zur Kirche gegangen. Aber da habe ich plötzlich gebetet. Die Antwort, die ich von Gott bekommen habe, ist ja bekannt. Und ich spürte, dass etwas nicht stimmte. Meine Schwester schaute Bilder von unserem Vater in Zeitschriften an und weinte. Dann saß meine Mutter da, ganz steif und bleich. Als sie mich sah, hat sie durchgeatmet, mich in mein Zimmer gebracht und gesagt, dass mein Vater nicht mehr zurückkommen würde. Ich habe nur geschrien.

Stimmt es, dass Du jahrelang keine Musik von Deinem Vater gehört hast?

Ja. Ich hatte damals eben meinen Stolz. Ich wollte den Schmerz nicht zulassen, und deswegen habe ich die Lieder nicht gehört. Mir gegenüber eingestanden habe ich das natürlich nicht. So etwas begreift man erst später. Heute höre ich viel Musik von ihm, und ich habe überhaupt kein Problem damit.

Warum bist Du aus dem Londoner Exil nach Chile zurückgekommen?

Als ich 1983 mit der Schule fertig wurde, hatte ich ein freies Jahr. Meine Chile-Reise sollte eigentlich eine kurze Episode bleiben. Aber dann kam ich in dieses Land, und es war der Wahnsinn für mich: Ein Land voller Chilenen, voller Geschwister! Außerdem fingen damals die Proteste an, die Jugend wollte etwas verändern, für etwas kämpfen. Das alles hat mich bewogen zu bleiben.

Warum hast Du Dich wider aller Erwartungen nie in einer Partei engagiert?

Das war nicht mein Ding. Die Parteien waren derart in Misskredit geraten, da bedurfte es anderer Formen der Mitwirkung. Ich habe bei vielen kollektiven Aktionen mitgemacht. Jetzt aber lebe ich nicht mehr in Santiago und habe mich weitgehend ausgeklinkt. Bei der Víctor-Jara-Stiftung mache ich aber noch mit, denn da geht es nicht um Víctors Tod, sondern um sein Leben. Da ziehe ich den Hut vor meiner Mutter, das ist alles ihr Verdienst.

Hast Du auch viele Erwartungen enttäuscht, weil Du weder singst noch Gitarre spielst?

Ich habe schon früh gemerkt, dass ich für die Bühne nicht tauge. Dazu musst du berufen sein, dafür brauchst du viel Talent. Irgendwann habe ich mit der Malerei angefangen, wahrscheinlich weil ich schon ein Bedürfnis hatte, mich auszudrücken. Manchmal sehen Leute meine Bilder und sagen: Das ist ja völlig unpolitisch, was du da malst! Und sie haben Recht. Ich weiß manchmal selbst nicht genau, ob ich damit nicht doch Dinge transportieren sollte, die mir mein Vater mit auf den Weg gegeben hat. Vielleicht ist es ein bisschen egoistisch, aber ich habe mich dagegen entschieden, weil es mir keinen Spaß macht. Ich bin gern allein, und die Malerei ist eine sehr einsame Beschäftigung.

Was regt Dich heute in Chile auf?

Dass es zwei Chiles gibt. In den Reden der Politiker heißt es immer, es gebe keine Bürger zweiter Klasse, aber es gibt sie. Es gibt auch Bürger dritter Klasse. Ich ärgere mich über die Justiz, und nicht nur, was den Fall meines Vaters angeht. Mich regt auf, dass es privat betriebene Gefängnisse gibt, die voll sind, und die Leute trotzdem rufen: Alle ab in den Knast! Was ist mit der Bildung, mit den Chancen für die Jugend­lichen? Darüber wird ohne Ende geredet, aber es passiert nichts. Das ist eine riesige Frustration. Gut, dass ich male, sonst wäre ich den ganzen Tag nur noch wütend.

Erschienen in „The Clinic“ am 5. Juni 2008

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