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GEFANGEN IM SCHLEIER AUS BLUT

Das Motiv der Blindheit spielt schon seit der Antike eine bedeutende Rolle in Kunst und Literatur. Homer war angeblich blind. Bei Max Frisch, Ingeborg Bachmann, Peter Handke und vielen anderen deutschen Nachkriegsautor*innen spielen blinde Figuren wichtige Rollen. Jorge Luis Borges malte nach seiner Erblindung gar ein Selbstportrait. In vielen Büchern sind Blinde geradezu mythologische Figuren, die ein Hauch von Weisheit, Heldenhaftigkeit und überirdischer Kraft umweht. Lina Meruane, geboren 1970 in Santiago de Chile, zerschmettert diesen Mythos mit derselben Kraft und Geschwindigkeit, mit der das Blut in die Augen der Protagonistin ihres Romans Rot vor Augen schießt.

Meruane, die momentan im Rahmen des Künstlerprogramms des DAAD in Berlin lebt, ist für die spanische Originalversion, Sangre en el ojo, bereits 2011 mit dem Anna-Seghers-Preis ausgezeich-net worden. Es ist ihr erster Roman, der nun ins Deutsche übersetzt wurde.

Eines Abends, inmitten einer Par-ty in New York, geschieht es: Die Protagonistin Lina, die genauso heißt wie ihre Autorin – nur einer von vielen autobiographischen Zügen des Romans –, erblindet. Ihr Augenarzt, ein grummeliger, älterer Herr namens Lekz, hatte sie aufgrund ihrer Diabetes schon lange davor gewarnt. Linas Verhalten nach ihrer Erblindung ist alles andere als heldenhaft. Mit medizinischer Präzision beschreibt Meruane die Besuche bei Lekz, die plötzliche Tollpatschigkeit Linas, die Verletzungen, die sie sich in der eigenen Wohnung zuzieht, weil sie sich nicht mehr zurechtfinden kann. Ihre Blindheit hat nichts Metaphorisches, wie wir es aus anderen Büchern vielleicht gewöhnt sind. Sie ist geradezu unheimlich real.
Ihrem Partner Ignacio begegnet sie bisweilen mit Boshaftigkeit, fordert ihn ständig heraus und ist vor allen Dingen besitzergreifend. „Ignacio, flüsterte ich und blies dir ins Gesicht, wiederholte deinen Namen dann lauter und drückte deinen Arm. Aber du hast nicht geantwortet, dein Wille war betäubt, du warst wie ein Toter, aber ein Toter, der ganz und gar mir gehörte.” Lina ist in ihrer Verzweiflung unberechenbar, doch sie ist auch liebevoll und verletzlich. Sie, eine Schriftstellerin, kann nun weder schreiben noch lesen, und damit kann und will sie nicht zurechtkommen. Sie ist bereit alles zu tun, um ihr Augenlicht zurück zu erlangen und erwartet, dass die Leute um sie herum, allen voran Ignacio, ebenso alles dafür tun.

Die kurzen Kapitel prasseln mit spitzer und vernichtender Sprache auf uns ein und rechnen knallhart mit einer Gesellschaft ab, in der versucht wird, Krankheit zur Privatsache zu machen. Manchmal ironisch und manchmal bitterernst konfrontiert uns Rot vor Augen mit einer Sackgasse, in der kein Raum für Neuverhandlungen der Identität geschaffen werden kann, obwohl der Versuch, genau dies zu tun für Lina die einzige Chance ist zu überleben. Sprache und Gefühle der Protagonistin sind in Meruanes Prosa eins. Ist Lina unbeholfen, ist es auch ihre Sprache, ist sie berechnend und kalt, treffen uns ihre Worte messerscharf. Nicht zuletzt deswegen ist Meruanes Stil unverkennbar und einzigartig, und das Leseerlebnis, insbesondere das fulminante Ende, eine schonungslose Konfrontation mit den dunkelsten Tiefen des menschlichen Körpers und seiner Psyche.

 

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