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Gegen das gewaltsame Schweigen

Eine knappe halbe Stunde dauert die Fahrt vom Bahnhof Retiro nach Suárez, Endstation der Nahverkehrsbahn „Mitre“. Die meisten Fahrgäste steigen hier aus und bahnen sich im Chaos der Menschenmenge den Weg nach Hause. Für Sonia Sánchez sind es keine zehn Minuten Fußmarsch dorthin. Nach dem Bahnübergang biegt sie rechts in die Villa Vicente Catalano ein, über den schlammigen Weg den Fluss entlang. Fluss? Eher eine zähe, violette Brühe, an deren Uferböschungen sich Abfälle türmen: Plastikkanister, Möbelreste, verrostete Karosserien ganzer Autos.
Zu allem Überfluss leitet die nahegelegene Textilfirma ihre Färbemittel ein. „Es gibt sicherlich eine gesetzliche Grundlage, die das Vorgehen dieser Fabrik verbietet. Und auch die Müllabfuhr müsste hier regelmäßiger vorbei schauen,“ seufzt Sonia. „Allerdings,“ fügt sie hinzu, „werfen auch die Bewohner ihren Müll einfach da hin. Sie haben kein Bewusstsein für Hygiene und Sauberkeit, sie sehen die Verschmutzung gar nicht.“
Sonia aber will ein anderes Umfeld für ihre beiden Jungen und das dritte Kind, das im Anmarsch ist. „Ein Mädchen“, hofft sie. Noch muss sie ihre Söhne vom Ufer des Flusses fernhalten. Bald aber soll alles anders sein, das Viertel und mit ihm das Bewusstsein seiner BewohnerInnen sich verändern.
Sonia ist hier geboren, ihre Eltern waren, wie so viele, vor der Armut aus den nordargentinischen Provinzen hierher geflohen, um ein besseres Leben zu finden. Sie arbeiten hier nahe der Hauptstadt Buenos Aires als cartoneros, als Rohstoffsammler, die Karton, Glas oder Blech an große Recyclingfirmen verkaufen, oder verdingen sich als Putzkräfte. Es geht ihnen besser als zuvor, doch Sonia ist das zu wenig.
Schon seit vielen Jahren zerbricht sie sich den Kopf, wie man dem Elend in dieser Gegend beikommen könnte. Sie gab den Kindern Nachhilfe, sprach mit den Müttern über Erziehung, wollte etwas bewirken in ihrem Viertel. Doch ihr fehlte das Konzept, die Unterstützung von außen und, als ihr Sohn vor acht Jahren auf die Welt kam, auch die Zeit. Doch auch andere sahen und beklagten die Verhältnisse. Nach und nach schlossen sich Mütter zusammen und träumten von einem Ort, an dem sie einander helfen, ihre Probleme gemeinsam benennen und lösen konnten.
Durch einen Zufall hört Renate Stein von den Bemühungen der Frauen. Seit Jahren schon ist die gebürtige Münchnerin Mitglied im Selbsthilfeverein, mine – mother centers international network, der rund 800 Zentren in bislang 20 Ländern der Welt umfasst. Sie hilft bei der Organisation, beschafft Gelder und unterstützt den Austausch der verschiedenen Mütterzentren weltweit. Das Konzept ist denkbar einfach: „Das, was jede Mutter bewegt, sei es in Polen, in China oder in Argentinien: Wie sollen wir unsere Kinder erziehen?“ Und indem diese Frage diskutiert wird, entwickelt sich der Plan zum Handeln von ganz alleine. Dabei liefern die Frauen selbst die Antworten, sie bringen ihre eigenen Fähigkeiten und Erfahrungen mit ein. Manche können nähen, andere sind gelernte Friseurinnen. Wieder andere betreuen die Kinder bei den Schularbeiten oder kochen für alle.
Nach hartem Kampf schafften die Frauen aus der Villa Vicente Catalano den ersten, schwierigen Schritt: Am 22. September eröffnete das „Zentrum für Mütter und junge Familien“. Der kleine Häuserkomplex bietet neben Unterrichtsräumen eine Küche, ein Zimmer für medizinische und soziale Betreuung und einen großen Veranstaltungsraum. Hier beraten sich die Frauen, junge Familien kommen und lernen: wie sie vitaminreiches Essen zubereiten, ihre Säuglinge pflegen und Regeln zum Zusammenleben aufstellen. Jeden Freitag finden Infoveranstaltungen statt. Schulungen und Workshops, Feste und Kaffeetreffs werden geplant. Auch einen Anwalt gibt es, der für wenig Geld in Rechtsfragen berät, und eine Psychologin, die nicht weit von hier eine Praxis hat und dann und wann vorbei schaut.
Das Haus konnte gebaut werden dank der Unterstützung der deutschen Botschaft in Argentinien und einiger Privatspenden, meist aus Deutschland und Österreich, und nicht zuletzt mit Hilfe der vielen ArbeiterInnen aus der Nachbarschaft. Das Gelände gehört der Kirche, die sich in der Gegend schon seit längerem engagiert. Bruder Graciano vom Franziskanerorden ist besorgt über die Zustände in dem Viertel. „Drogen, Gewalt und Kriminalität haben sich in den letzten Jahren verschlimmert.“ Die Strom- und Trinkwasserversorgung sei mehr als mangelhaft. Zudem gebe es das weit verbreitete Problem der Kindsmütter. „Viele Mädchen bekommen bereits mit elf, zwölf Jahren ihr erstes Kind. Zuhause ist dann oftmals kein Platz mehr für sie. Doch wie sollen diese Kinder für sich und ihre Babys sorgen?“ fragt Bruder Graciano. „Die Regierung kümmert sich nicht um die Menschen hier. Aber sie brauchen Hilfe!“ Bisher haben die Einrichtungen der Kirche das Elend und die Verwahrlosung nicht eindämmen können. Mut zusprechen und in Tagesstätten die Kinder betreuen, damit die Eltern einer Arbeit nachgehen können – so werden Einzelne aufgefangen. Aber grundsätzlich verändert wird nicht viel.
„Die haben ja nicht mal ärztliche Versorgung in ihrem Viertel“ erklärt Manuela Stein. „Wenn eines der Kinder krank wird, muss es erst mal rausgebracht werden.“ Ärzte trauen sich wegen der fehlenden Sicherheit nicht hierher. Eine Zahnarztpraxis, die bis vor eine Weile noch hier existierte, war ausgeraubt worden. „Seitdem“, so die 25-jährige Deutsche, „geht niemand mehr ein Risiko ein.“
Die junge Frau ist vor einem Jahr nach Argentinien gekommen. Sie wollte helfen. Nach einer Tanzausbildung und inspiriert von dem integrativen Tanz-Projekt „Rhythm is it!“ beschloss sie, einen Versuch zu wagen. „Am Anfang dachte ich, als Deutsche könne ich die Not der Bewohner sowieso nicht begreifen. Die Kinder, mit denen ich tanzen wollte, würden mich sicher nicht annehmen. Aber das Gegenteil war der Fall!“
Innerhalb kürzester Zeit strömten an die 30 Kinder in die Tanzgruppe, die Manuela mit Hilfe ihrer Freundinnen Belén und Sol gegründet hatte. Das Projekt „Danza Aire Libre“ (Tanzen unter freiem Himmel) hatte sich zur Aufgabe gemacht, mit den Kindern Choreographien einzuüben, um einen bewussteren Umgang mit dem eigenen Körper sowie mit den anderen Kindern zu fördern. Kreativität und Disziplin sollten ihnen beigebracht, aber auch ganz einfache Dinge gezeigt werden, wie Freude am Leben, Erfolgsmomente, Zukunftsträume. „Auf diese Weise können wir positiv auf das soziale Verhalten der Kinder einwirken.“
Auch der deutsche Botschafter Rolf Schumacher, der sich bei der Eröffnungsfeier von den Fortschritten des Tanzprojektes und der Einrichtung überzeugen wollte, zeigte sich begeistert vom Optimismus der Menschen in Vicente Catalano. „Die Energie und der Wille zur Veränderung überzeugen mich gewaltig!“ Gegenüber der Tanztruppe verkündete er feierlich die volle Unterstützung bei der geplanten Erstaufführung am 13. und 14. Dezember im Goethe-Institut in Buenos Aires. Bis dahin aber muss noch viel gearbeitet werden. Etliche Helfer werden noch gebraucht.
Erste Erfolge zeichnen sich schon ab. Es wird weniger geprügelt, geschrien und mit Steinen geschmissen, als früher. Manuela und ihre Freundin Belén haben sich während der inzwischen ein Jahr dauernden Arbeit mit den Kindern einfache Methoden erdacht, mit denen sie diese Veränderungen erreichen konnten. Minutenlanges Stillschweigen und Ruhigsitzen war eine der Übungen. Sie lösten bei den Kindern zunächst totale Verstörung bis hin zu Weinkrämpfen und danach einige Verwirrung aus. Doch schließlich lernten sie, die Ruhe zu genießen.
Die Kinder sind heute wesentlich entspannter und gehen bewusster miteinander um. Auch eine Theatergruppe, betreut von Manuelas Freundin Sol, ist entstanden. Die Arbeit mit den meist älteren Kindern ist jedoch ungleich schwieriger. Sol stellt mit den Kindern Konfliktszenen nach und berät dann gemeinsam mit ihnen, wie man sich in solchen Situationen verhalten soll. Das wichtigste dabei ist die Kommunikation, die Thematisierung von Gefühlen und Schwierigkeiten, denn das Schweigen ist einer der Hauptgründe, warum es zu Gewalt kommt.
Das Vertrauen darauf, dass wirklich etwas bewegt werden kann, ist bei den meisten Bewohnern noch gering. Zu oft wurden die Menschen in Vicente Catalano von Regierungsversprechungen oder anderen Hilfsprojekten enttäuscht. Gerade mal 15 Mütter und so gut wie kein Vater finden sich regelmäßig hier ein, um sich an weiteren Konzepten zu beteiligen. Über die Kinder erfahren sie von den Tanz- und Musikkursen, sie spüren den Enthusiasmus und die Motivation und sind dankbar für die kostenlose Betreuung der Kleinen. Sonia besucht viele Familien regelmäßig, erkundigt sich danach, wie es ihnen geht. Und sie lädt die Kinder, die noch nicht regelmäßig kommen, zum Nachhilfeunterricht ein.
Sonia ist glücklich, dass etwas passiert. Sie glaubt fest an den Erfolg des Zentrums. „Nach und nach werden die Menschen hier sehen, dass wir etwas bewegen können. Die vielen Kinder hier können so viel geben. Es ist unsere Pflicht, ihnen etwas zurückzugeben, ihnen ein besseres Leben zu ermöglichen.“ Nachdenklich streicht die junge Mutter sich über den Bauch. Die Hoffnung in ihrem Blick ist nicht zu übersehen.

Für die Kinder im „Centro de Madres y Familias“ können Patenschaften, also verbindliche monatliche Zahlungen für bereits 5,-€ erworben werden (www.centro-madres-aires.org). Weitere Spenden auf das Konto der Evangelischen Kirchengemeinde in Poing mit dem entsprechenden Verwendungszweck werden an das Zentrum weitergeleitet: Stadtsparkasse München, Kto-Nr. 14 118 954, BLZ 701 500 00.

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