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„Geh doch nach Haiti“

Der dominikanische Staat sagt, dass Sie Ausländer_innen seien. Verstehen Sie sich eher als Haitianer_innen oder Dominikaner_innen?
Eliuda Osacar Seda: Ich bin Dominikanerin, denn ich habe eine Geburtsurkunde des Landes. Ich wurde hier geboren und bin in dem Land aufgewachsen, zur Schule und Universität gegangen. Meine Eltern sind Haitianer, die offiziell von der Regierung als Erntearbeiter ins Land geholt wurden. Mit seiner Arbeitserlaubnis hat mein Vater mich damals angemeldet, wie es die Mehrheit der Staatsbürger macht.

Denis Jean Luis: Ich wurde auch offiziell nach der Geburt registriert. Wie es alle Dominikaner machen müssen, hat es mein Vater gemacht, ein Zuckerrohrarbeiter. Kurz nach der Geburt präsentierten mich meine Eltern dem Standesbeamten. Wenn alle Papiere in Ordnung sind, wirst du ins Geburtsregister eingetragen. Und du bist dominikanischer Staatsbürger.

Zeneida Wendel Jean: Ich bin auch offiziell registriert und damals gab es keine Probleme. Meine Eltern sind zur Wahlbehörde gegangen und dort wurde ich wie vorgeschrieben als Dominikanerin registriert.

Carlixto Luis: Bei mir war das auch so. Mein Vater war zum Glück sehr ordentlich.

Joselin Clevil: Ich habe meinen Personalausweis und eine Geburtsurkunde. Ich wurde in Grenznähe, aber in der Dominikanischen Republik geboren.

Luz Maria Feliz: Meine Mutter hat die Geburtsurkunde von „jemand besorgen lassen“, wie man hier sagt. Sich hier im Land Unterlagen besorgen zu lassen, ist ja durchaus üblich. Meine Mutter hat überhaupt keine Papiere. Als ich studieren wollte, hat man festgestellt, dass ich nicht offiziell registriert bin. Ein Beamter sagte mir: „Wenn du eine Geburtsurkunde haben willst, dann geh mit deiner Hautfarbe doch nach Haiti.“ Das war 2007, seitdem habe ich keine Papiere mehr.

Denis: Es gibt viele Dominikaner, die ihre Kinder nicht direkt nach der Geburt registrieren lassen, weil ihnen das Geld für die Einschreibung fehlt oder es ihnen einfach egal ist. Bei mir war das nicht der Fall. In der Akte steht: „Wurde den zeitlichen Vorschriften entsprechend eingeschrieben“, bei anderen steht dann „verzögert registriert“.

Haben Sie denn Ihre Kinder auch direkt nach der Geburt registrieren lassen?
Denis: Mit den beiden ersten Kindern gab es keine Probleme, das war vor 2007 und das neue Gesetz noch nicht beschlossen. Meine Frau ist außerdem Dominikanerin. Als wir das dritte dann einschreiben lassen wollten, habe ich erfahren, dass mein Fall wegen des haitianischen Namens untersucht wird. Um das Kind nicht als Ausländer zu registrieren, wie sie wollten, hat es meine Frau als vaterlos eingeschrieben.

Carlixto: Als ich meine Kinder ins Geburtsregister eingetragen habe, gab es überhaupt keine Schwierigkeiten. 2004 habe ich das letzte Kind eingetragen. Ich frage mich nur, was passiert, wenn sie ihre Geburtsurkunde beantragen, um sich einen Personalausweis ausstellen zu lassen. Als ich meinen Reisepass verlängern lassen wollte, wurde mir dies verweigert, da mein Fall aufgrund des Nachnamens Gegenstand einer Untersuchung über meine wirkliche Nationalität sei. Stell dir mal vor: Meine Frau ist Dominikanerin, aber weil meine Nationalität infrage gestellt wird, wird auch die meiner Kinder infrage gestellt.

Joselin: Unser Kind ist nicht offiziell registriert, obwohl mein Lebensgefährte einen haitianischen Pass und ein dominikanisches Visum hat. Aber da ich keine neue Geburtsurkunde bekomme (Geburtsurkunden müssen in der Dominikanischen Republik regelmäßig neu beantragt werden; Anm. der Red.), kann ich das Kind nicht offiziell anmelden, obwohl es hier geboren ist.

Wie regeln Sie dann Ihr tägliches Leben unter diesen Bedingungen? Hier kann man ja noch nicht einmal die Rabattmärkchen des Kaufhauses einlösen, ohne seinen Personalausweis vorzulegen…
Luz Maria: Ich habe dann einen Kosmetikerinnenkurs gemacht und mein eigenes inoffizielles Geschäft für die Nachbarschaft eröffnet. Schecks kann ich nicht einlösen, weil man dazu einen Ausweis braucht. Das müssen Freunde erledigen oder ich muss an andere eine Gebühr bezahlen.

Eliuda: Ich fand eine Arbeit als Sprachlehrerin, aber als ich dafür eine Geburtsurkunde beantragt habe, wurde mir mitgeteilt, dass mein Fall „irregulär“ sei und untersucht werde, da meine Eltern Ausländer seien. Ich solle alle Unterlagen meiner Eltern, Arbeitserlaubnis, Kopie der Heiratsurkunde und die Aussage von fünf Zeugen vorlegen, die belegen könnten, dass ich dort geboren wurde. Das habe ich alles gemacht. Jedes Mal aber, wenn ich Auskunft über den Stand haben will, erklären sie mir, der Fall werde geprüft – seit sieben Jahren.

Joselin: Ich habe Abitur gemacht, aber das Studium nicht abgeschlossen, weil ich schwanger wurde. Als ich dann mein Studium wieder aufnehmen wollte, haben sie von mir Papiere verlangt und gesagt, meine Nationalität werde untersucht.

Zeneida: Ich wollte mich für die nationalen Prüfungen zur Beendigung der Sekundarstufe anmelden. Dafür brauchte ich eine Geburtsurkunde und als ich diese beantragt habe, wurde sie mir verweigert. Zum Glück hat mich die Direktorin trotzdem zugelassen. Aber jetzt steht die Hochschulreife an, und da geht es nicht ohne. Weil ich keinen Personalausweis habe, stellt mich aber niemand offiziell ein. So bin ich gezwungen, als Hausmädchen zu arbeiten, aber auch da akzeptieren dich nicht alle ohne Papiere.

Luz Maria: Krankenversicherung gibt es für uns nicht. Wer versichert dich denn, wenn du keinen Ausweis hast? Entweder hast du Geld und dann kannst du die Krankenhausbehandlung bezahlen oder nicht, und dann stirbst du halt, wenn du Pech hast.
Carlixto: Autokauf, Anmeldung und Versicherung – alles geht nur mit offiziellen Papieren. Das lässt du andere für dich regeln, aber die musst du bezahlen. Als Taxifahrer brauche ich eine Lizenz und einen Führerschein. In den abgeschlossenen Wohnbereichen lassen sie dich auch als Taxifahrer nicht rein, wenn du dich nicht mit einem Ausweis identifizieren kannst. Für einen Mietvertrag brauchst du deinen Ausweis, weil er notariell beglaubigt werden muss. Handyvertrag, Strom, Wasseranschluss, Licht – ohne Ausweis geht nichts.

Denis: Wenn Du jemanden in einer Wohnung besuchen willst und dich nicht ausweisen kannst, kommst du normalerweise am Pförtner nicht vorbei. Um ein öffentliches Gebäude zu betreten, brauchst du einen Ausweis. Den tauschst du gegen einen Besucherausweis ein und bekommst ihn beim Verlassen des Gebäudes wieder.

Joselin: Ich habe ein Bankkonto. Um Geld abzuheben, musst du deinen Originalausweis vorlegen. Als ich Geld vom Konto abheben wollte, haben sie mir gesagt, dass meine Papiere wegen der neuen Gesetze Gegenstand einer Untersuchung seien. Letztendlich haben sie mir dann doch das Geld gegeben. Jetzt habe ich zwar noch ein Konto, aber es ist kein Geld mehr drauf und ich habe Angst, dort noch was zu deponieren. Wenn du keine Kontobewegungen hast, zahlst du Strafgebühren und ohne Originalpersonalausweis kannst du das Konto nicht kündigen. Mein Personalausweis ist abgelaufen, jetzt bin ich ohne gültige Papiere.

Trauen Sie sich denn ohne Papiere noch auf die Straße?
Eliuda: Ich habe zwar noch immer meinen Originalpersonalausweis, aber auf die Straße gehe ich nur mit einer Kopie, damit ihn mir niemand wegnehmen kann.

Zeneida: Wenn die Migrationsbehörde mich schnappt, dann werden sie mich wohl nach Haiti schicken. Aber ich wüsste gar nicht, was ich da soll. Da war ich noch nie in meinem Leben. Ich kenne dort niemanden.

Eliuda: Allein schon wegen deiner Hautfarbe, fragen sie dich öfter nach deinem Ausweis als andere Menschen. Ständig gibt es Polizeikontrollen und eines der wichtigsten Kriterien für sie ist die Hautfarbe.

Zeneida: Letztes Jahr habe ich Kinder bei einem Schulausflug hier in der Stadt begleitet. „Morena, zeig mir deinen Pass“, verlangten Polizisten von mir.

Luz Maria: So was ist normal, das ist mir auch schon passiert.

Denis: Mir ist das passiert mit Beamten der Migrationsbehörde, die mit einem Bus unterwegs waren und Leute ohne Papiere direkt eingesammelt haben. Sie haben mich umzingelt und gesagt: „Rück deinen Pass raus!“ Wenn ich meinen Ausweis nicht gehabt hätte, hätten sie mich mitgenommen. Und das offensichtlich nur wegen meiner Hautfarbe. Ich kam gerade von der Arbeit.

Luz Maria: Ich habe einen Studienkollegen, Dominikaner, aber so dunkelhäutig, dass sie ihn in der Familie sogar haitianito mit Spitznamen rufen. Er wurde von der Migrationsbehörde angehalten und sollte abtransportiert werden. Als sie seinen dominikanischen Akzent hörten und seinen Ausweis sahen, haben sie sich entschuldigt und sind weitergefahren.

Waren Sie schon mal in Haiti?
Denis: Ich tanze Bachata und Merengue wie meine Nachbarn und nicht Kompa. Haiti kenne ich dem Namen nach – sonst nichts, ich bin noch nie dagewesen.

Joselin: Ich habe immer Verwandte in Haiti zu Weihnachten besucht. Man kommt ja einfach ohne Kontrolle und Visagebühren über die Grenze. Heute traue ich mich das nicht mehr aus Angst, dass sie mich nicht mehr nach Hause in die Dominikanische Republik zurücklassen.

Eliuda: Direkt nach dem Erdbeben war ich als Übersetzerin in Haiti, aber das Klima dort ist mir gar nicht bekommen. Alles war völlig anders, sogar eine andere Uhrzeit haben sie. Alles war ungewohnt, sogar wie sie kochen, so kochen wir nicht. Meine Kultur unterscheidet sich völlig von denen, obwohl meine Eltern aus Haiti kommen.

Und wenn man ohne Papiere stirbt?
Denis: Hier braucht man für alles einen Ausweis, noch nicht mal sterben kannst du ohne Ausweispapiere!

Luz Maria: Ich kenne einen konkreten Fall aus meiner Nachbarschaft. Ein junger Mann, ein haitiano, starb nach einem Unfall. Er hatte keine Papiere. Als die Familie ihn aus dem Krankenhaus abholen wollte, um ihn beizusetzen, haben sie ihn nicht rausgerückt, weil es keine Papiere für ihn gab.

Joselin: Von einer Nachbarin ist das Kind im Krankenhaus gestorben. Weil sie als Haitianerin keine Papiere vorweisen konnte wurde sie sogar festgenommen und saß drei Tage in Haft deswegen. Das Kind wurde ihr nicht zur Beerdigung übergeben.

Eliuda: Ohne Papiere wirst du nicht beerdigt. Um die Besetzungserlaubnis auf dem Friedhof zu erhalten: Ausweis. Um die Todeserklärung abzugeben: Ausweis. Um den Toten vom Krankenhaus freigegeben zu bekommen: Ausweis.

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