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Gewalt begreifen

TerrorZones_END.inddDer Fall Ayotzinapa bildet den Ausgangspunkt des Bandes TerrorZones. Als markantes Beispiel beschreibt er die eskalierte Gewalt in Mexiko, der mit der banalen Formel vom Drogenkrieg längst nicht mehr beizukommen sei. Wie wird sie begreifbar? Einen ersten Einblick gibt die mexikanische Journalistin Marcela Turati. Sie nimmt uns mit zu Bernardo, einem Lehramtsstudenten in Ayotzinapa, der weiterhin in seinem alten Gruppenschlafsaal wohnt. Allein. Seine sieben ehemaligen Zimmergenossen verschwanden in jener Nacht im September 2014. „Ich warte darauf, dass sie kommen“, rechtfertigt er sein Ausharren. „Deshalb bin ich nicht weggegangen. Ich weiß, dass sie dasselbe tun würden, wenn ich verschwunden wäre.“
Auf die erste Annäherung folgt eine sorgfältig ausgewählte Sammlung unterschiedlicher Texte, die das Phänomen extremer Gewalt in Mexiko und Lateinamerika erforscht. TerrorZones wirkt aber nicht zusammengestückelt, sondern aufeinanderfolgende Beiträge gruppieren sich zu größeren Themenbereichen wie bewaffnetem Widerstand, Erinnerungsarbeit oder Migration.
„Das Mexiko der Waffen fürchtet diejenigen, die anderen Lesen und Schreiben beibringen“, konstatiert Juan Villoro am Ende seines Beitrags „Hölle im Paradies“. Der über Mexiko hinaus bekannte Autor reflektiert die fortwährende Geschichte von Gewalt und Widerstand und führt das Beispiel des früheren Lehrers und Guerilleros Lucio Cabañas im Bundesstaat Guerrero an. Das Massaker von Atoyac 1967 hatte ihn in die Militanz getrieben. 1974 starb er im Feuergefecht der Armee. Jahre später, 2014, verschwinden 43 Lehramtsstudenten, die dem Massaker von Tlatelolco 1968 gedenken wollten – wieder in Guerrero. Doch der bewaffnete Widerstand ist in Mexiko nach wie vor brandaktuell. Gerade in den vergangenen Jahren erregten die selbstorganisierten Bürgerwehren, die autodefensas, im Bundesstaat Michoacan und anderen Gebieten international Aufmerksamkeit (siehe LN 476). Teils mit schweren Kriegswaffen gingen hier Zivilist*innen gegen lokale Drogenkartelle vor, enttäuscht von der Ohnmacht des Staates. Oder nicht? Der vorschnellen Romantisierung der bewaffneten Gruppen setzt Wolf-Dieter Vogel eine dezidierte Analyse entgegen. Das Ergebnis ist ambivalent. Aber: „Wo keine rechtsstaatlichen Verhältnisse bestehen und Verbrechen nicht verfolgt werden, wird sich Selbstjustiz notwendigerweise immer mehr durchsetzen.“ Alke Jenss hingegen stellt dar, welche Parallelen und Unterschiede die autodefensas zu den berüchtigten Paramilitärs in Kolumbien haben.
Die Systematik, mit der die Gewalt in Mexiko herrscht, lässt Mariana Berlanga Gayón die Frage aufwerfen, „ob wir es in Mexiko mit einer gezielten Politik der Angst zu tun haben.“ Hinweise darauf gäbe es, so die Dozentin der Universidad Autónoma de la Ciudad de México. Aus der allumfassenden Gewalterfahrung geht die Frage nach dem Umgang mit ihr hervor. Besonders memoria (Erinnerung) ist in Lateinamerika spätestens seit den Militärdiktaturen ein wichtiges Konzept des Widerstandes. So ist es keine Überraschung, dass ausgerechnet argentinische Spezialist*innen der Forensischen Anthropologie nun auch in Mexiko helfen, anonymisierten Toten ihre Namen zurückzugeben. Wie Anne Huffschmid verdeutlicht, konnten die Wissenschaftler*innen auch die Zweifel an der offiziellen Version der Verbrennung der 43 Studenten auf einer lokalen Müllhalde bestärken. Die Möglichkeit ihres Auffindens – lebend oder ermordet – besteht noch. Die Forensische Anthropologie wird zur subversiven Praxis gegen das Vergessen und die Anonymität der Opfer der Gewalt.
In berichtender als auch literarischer Form verdeutlichen weitere Beiträge die Bedeutung von memoria. Da ist die Angst lokaler Organisationen vor einem nationalen Museum der Erinnerung in Bogotá, denn ihre eigenen Narrative könnten neben der offiziellen Erzählung an den Rand gedrängt werden. „Für uns ist das nicht der Moment, ein Museum zu schaffen. Es hat in der Vergangenheit Massaker in unseren Gemeinden gegeben“, lautet eine weitere Kritik an dem Projekt. Was für Kolumbien gilt, ist in Mexiko noch aktueller: Wie kann man über Erinnerung und sogar Versöhnung nachdenken, wenn die Gewalt andauert? Das Projekt RECO in Tijuana im nördlichen Mexiko versucht das Unmögliche durch Kunst. Die lokale Gemeinde eignete sich ein Narco-Massengrab als Ort des Erinnerns und des Widerstandes an. Wo vorher Menschen in Säure aufgelöst wurden und nach wie vor tausende Liter menschlicher Überreste im Boden lagern, ist ein Gemeinschaftszentrum entstanden. Die Wände der Anlage sind von Kunstwerken bedeckt.
Die Journalist*innen Marcela Turati, Ginna Morelo und Óscar Martínez berichten in Mexiko, Kolumbien und El Salvador über Opfer und Täter*innen. Aber wie sagt man das Unsagbare? Wie bleibt menschliches Leben betrauerbar, wird die Darstellung von Gewalt nicht zum Voyeurismus? Und wie sich selbst vor Gefahr und Depression schützen? Interviews mit den Journalist*innen offenbaren, wie individuell der Umgang mit der eigenen Tätigkeit ist. Doch alle sind sich ihrer Verantwortung bewusst. Oder wie Óscar Martínez es ausdrückt: „Es macht nicht viel Sinn, ein Weinen zu beschreiben, wenn damit kein Ziel verbunden ist.“
In El Salvador fragt sich Roberto Valencia, ob es in Acajutla wirklich der staatliche Friedensprozess war, welcher die Mordrate extrem sinken ließ. Oder war es doch die vorausgehende Liquidierung der verfeindeten Gang Mara 18 durch die Mara Salvatrucha? Denn die Gesetze der Salvatrucha gelten weiterhin – nur begehrt niemand mehr gegen sie auf. José Luis Sanz hingegen beschreibt die bemerkenswerte Parallelwelt eines Gefängnisses in San Pedro Sula, Honduras. Nach der Übernahme der Herrschaft durch die Tötung des bisherigen „Anführers“, hat der Inhaftierte „Chepe“ ein Sozialsystem im Gefängnis aufgebaut. Mit Ausnahmen: „Wenn einer den Frieden bricht, machen sie mit ihm auf der Stelle kurzen Prozess“, erklärt er seinen Führungsstil. Die offizielle Gefängnisleitung scheint wenn überhaupt noch die Außenmauern zu verwalten. Wirklich eingegriffen wird nur im Falle medialer Aufmerksamkeit.
Weitere Beiträge zum Protest im Web 2.0 im Fall Ayotzinapa sowie der Migration durch Mexiko verdeutlichen die Handlungsstrategien der Betroffenen als auch die Verflechtungen staatlicher Institutionen in die Gewalt. Wie schon der erste Band „NarcoZones“ (siehe LN 455), besticht TerrorZones durch die Diversität der Autor*innen, Textformen und die Vielzahl der betrachteten Länder. Der Sammelband kreiert ein umfassendes Bild der verstörenden Gewaltkontexte Lateinamerikas, ohne jedoch bloße Opfer darzustellen. Damit ist den Herausgeber*innen ein facetten- wie aufschlussreicher Einblick in Politik, Recht, Alltagskultur und Widerstand inmitten extremer Gewalt gelungen. Die abschließende Betrachtung der Möglichkeiten und Verantwortung Europas in juristischer Praxis, Wissenschaftsdiskursen sowie illegalen Waffenlieferungen schließt den Bogen über die Kontinente.

 

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