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Mit Siebenmeilenstiefeln durch die karibische Geschichte

Der Titel mutet auf den ersten Blick ein wenig gewagt an: „Karibik. Geschichte und Gesellschaft von 1492 – 2000“. 500 Jahre Geschichte und Gesellschaft auf etwas mehr als 200 Seiten?
Natürlich handelt es sich bei dem Buch um eine Aufsatzsammlung, die in ihren einzelnen Texten bestimmte Aspekte der karibischen Geschichte einführend behandelt. Dennoch stellt sich die Frage, ob die getroffene Auswahl nicht zu willkürlich ist, ob nicht zu große Leerstellen in der Darstellung bleiben.
Dies ist glücklicherweise nicht der Fall. Trotz des geringen Umfangs des Buches schlägt es doch einen umfassenden Bogen, ohne große thematische Sprünge vollziehen zu müssen. Dabei bauen die einzelnen Beiträge so aufeinander auf, dass es sich tatsächlich auch gut an einem Stück lesen lässt.

Aller Anfang ist schwer

Leider deutet der erste Beitrag von René Tebel nicht unbedingt darauf hin. Er schreibt über die nautischen Geräte, die Kolumbus bei seiner ersten Fahrt zur Verfügung standen, sowie über seine geographischen Vorstellungen von der Welt. Er versucht so zu erklären, weshalb Kolumbus die Karibik für die Inselwelt Ostasiens hielt. Ohne tiefere nautische Interessen droht einem allerdings das Buch vor Langeweile aus der Hand zu fallen.
Doch nach dieser kurzen Durststrecke geht es bergauf. Im nächsten Beitrag führt Mitherausgeber Bernd Hausberger die LeserInnen in das Thema der Piraterie in der Karibik ein. Zudem geht er auf die Projektionen und Sehnsüchte ein, die vor allem über das Kino mit diesem Phänomen assoziiert werden. Man merkt dem Text an, dass der Autor von seinem Forschungsthema begeistert ist.
Der zweite Herausgeber, Gerhard Pfeisinger, schreibt über die Funtkionsmechanismen der Plantagenökonomie und des „Dreieckhandels“. Exemplarisch stellt er diese anhand der dänisch-hamburgischen Kaufmannsfamilie Schimmelmann dar, die viele Plantagen in der dänischen Karibik besaß.
Nikolaus Böttcher schließt daran an, indem er die langfristige Entwicklung des Sklavenhandels zwischen der Karibik und Afrika bis zu seinem Ende erklärt. Dabei stellt er die Frage, inwieweit der Sklavenhandel der britischen Bourgeoisie die notwendigen finanziellen Mittel für die beginnende Industrialisierung im 18. Jahrhundert einbrachte.
Die Auswirkungen des Sklavenhandels auf die karibischen Gesellschaften stellt Oliver Gliech in seinem Beitrag anhand der Sklavenrevolution in Haiti dar, dem mit Sicherheit exponiertesten Beispiel für den Widerstand der SklavInnen. Dabei liegt der Schwerpunkt des Autors auf der Untersuchung der internationalen Auswirkungen der haitianischen Revolution. Etwas schade dabei ist, dass Gliech die Tatsache vernachlässigt, dass das napoleonische Heer, das die Sklaverei in Haiti wieder einführen sollte und dabei scheiterte, auf der Insel eigentlich nur eine Zwischenstation eingeplant hatte. Danach sollte es das kurz zuvor an die jungen USA verkaufte Lousiana für Frankreich zurückerobern. Somit hat die Revolution in Haiti den damals sehr schwachen USA das Leben indirekt erleichtert.
Im Beitrag von Thomas Fischer geht es verstärkt um die USA. Er stellt die Entwicklung des US-amerikanischen Interventionismus in der Karibikregion und seine Legitimationsstrategien zusammenfassend dar. Dabei untersucht er besonders US-amerikanische Karikaturen und die darin dargestellten rassistischen und paternalistischen Stereotypen zur Karibik.
Die Reaktion auf diesen Interventionismus untersucht Christine Hatzky in ihrem Text. Sie schreibt darüber, wie der karibische Antiimperialismus zu einem identitätsstiftenden Mythos wurde. Dieser Revolutionsmythos bildet so eine karibische Identität in Abgrenzung zu US-amerikanischen Interventionen, insbesondere auf Kuba.

Wegekreuzung der Kulturen

Bei all diesen Beiträgen wird deutlich, dass die Karibik eine kosmopolitische Region ist. Schon immer war sie eine Zwischenstation, ein Ort, wo sich Wege kreuzen. Dies zeigt sich auch in der Demographie dieser Region, wie sie Norbert Ortmeyer in seinem Text beschreibt. Er untersucht die Einwanderungsbewegungen aus Asien in die Karibik und ihre Auswirkungen auf die dortigen Gesellschaften.
Die linguistischen Resultate dieser kosmopolitischen Demographien stellt Ulrich Fleischmann in seinem Beitrag dar, indem er die Forschungen zu Kreolsprachen in der Karibik vorstellt. Dabei wendet er sich gegen gängige Ansichten von der „Hybridität“ kreolischer Sprachen, da dies die Vorstellung von „zwei (oder mehr) reinen Wurzeln“ der kreolischen Sprachen verstärken würde. Er verteidigt vielmehr, dass Kreolisierung eine anthropologische Konstante ist. Das heißt, dass Kreolisierung von Sprache immer stattfindet, wenn Menschen unterschiedlicher kultureller Hintergründe in einer Gesellschaft zusammenleben. Damit wendet er sich auch gegen Vorstellungen, die kreolische Sprachen als defizitär ansehen und verteidigt den Eigensinn und die Originalität dieser Sprachen.
Auf religionswissenschaftlicher Ebene stellen die Afro-Karibischen Religionen den Gegenpart der kreolischen Sprachen dar. Sie und ihre afrikanischen „Ursprünge“ beschreibt Manfred Kremser in seinem Artikel. Doch auch er betont die Eigenständigkeit in der Entwicklung dieser Religionen. Sie sind eben nicht als „Kopien“ afrikanischer Religionen zu sehen, sondern entsprechen den jeweiligen Situationen, denen sie auf den Karibikinseln unterworfen waren.
Der Bezug zu Afrika ist in allen karibischen Gesellschaften deutlich. Dabei repräsentieren die Nachkommen der SklavInnen fast immer die untersten Schichten dieser Gesellschaften. Vor diesem Hintergrund stellt Werner Zips die verschiedenen „Back to Africa“-Bewegungen dar, die sich in den USA und der Karibik im beginnenden 20. Jahrhundert gebildet hatten. Er geht auch auf den gegenseitigen Einfluss ein, der zwischen diesen Bewegungen in der Karibik und dem anti-kolonialen Kampf in Afrika stattgefunden hat. Zips stellt sich in diesem Text gegen die gängige Meinung, dass derartige Repatriierungsforderungen utopisch und somit illegitim seien. Er verändert den Blick auf diese Bewegungen, indem er die Forderung nach Repatriierung als eine legitime Forderung nach Entschädigung darstellt.
Im letzten Artikel beschreibt Ingrid Kummels wie karibische Musik von einem regionalen Phänomen zu einem globalen Produkt wurde. Auch hier zeigt sich, wie die Karibik eine Wegkreuzung bildet, einen Kulturkreis, der nicht abzugrenzen ist von anderen Regionen. Denn der globale Erfolg karibischer Musik ist nicht ohne die zahlreichen migrant communities in Europa und Nordamerika zu erklären. Die Karibik hat eben keine lokal zu verortende Essenz, keine Wurzel.
So stellt die Karibik die wohl globalisierteste Region der Welt dar und zeigt, dass Globalisierung, jenseits von kapitalistischer Verwertung, als Chance begreifbar ist, als Emanzipation von scheinbar „natürlichen“ Gesellschaftszusammenhängen.
Insgesamt handelt es sich um ein Buch, das in die jeweiligen Themen gut einführt und mit seinen ausführlichen Bibliographien zudem gute Tipps für weitere Lektüre bietet.

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