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gez. P. Gonzalo

Die Vermutungen, wie der Brief von Guzmán und Iparraguirre zustandegekommen sein kann, haben eines gemeinsam: niemand weiß Genaues außer denen, die daran beteiligt waren. Und die schweigen.
Eine beliebte Interpretation bei Fujimori-Fans ist die vom durch Einzelhaft psychisch gebrochenen Guzmán. Besonders die Zeitung Expreso vertritt offen triumphalistisch die spöttische These, ein Jahr Gefängnis hätten wohl ausgereicht, um den großen Führer zur völligen Kapitulation zu bewegen. Die AnhängerInnen Senderos dagegen hatten schon nach den Gerüchten vom Juli vorsorglich die Version verbreitet, Guzmán werde unter Drogen und Folter gegen seinen Willen zu solchen Äußerungen gezwungen, eine Meinung, die zum Teil auch außerhalb des Sendero-Spektrums ernstgenommen wird.
Andere suchen nach Gründen, die Guzmán zum Verfassen der Briefe bewegt haben könnten. Bei der Betrachtung des Wortlautes lassen sich dafür Indizien finden, wenn auch die Einschätzung zum jetzigen Zeitpunkt notwendigerweise spekulativ bleibt.
Die Briefe enthalten eine militärische Kapitulation, aber keine ideologische Kapitulation. Mit derselben wissenschaftlich-analytischen Kühle, mit der Guzmán die Notwendigkeit von einer Million Toten im Volkskrieg vertritt, stellt er fest, daß die Regierung es geschafft hat, militärisch entscheidende Erfolge zu erzielen. In seinem Brief vom 6. Oktober schreibt er: “Wir denken, daß sich die Kommunistische Partei Perus (Sendero Luminoso) in letzter Zeit mit neuen, ernsten und sehr komplexen Problemen bezüglich ihrer Führung konfrontiert sieht, und in diesem Bereich hat unsere Partei ihre schwerste Niederlage erlitten. Die Führungsfrage ist … entscheidend und wird in unserem Fall auf längere Sicht nicht zu lösen sein, was vor allem auf den weiteren Verlauf des Volkskrieges Auswirkungen hat.” Guzmán kommt nicht umhin, die Kohärenz der Strategie Fujimoris anzuerkennen: ” …seit diesem Datum (dem 5.April 1992, dem Selbstputsch Fujimoris) haben Sie unter ihrer politischen Führung eine systematische, kohärente Strategie auf verschiedenen Ebenen entwickelt, besonders auf dem Gebiet der geheimdienstlichen Tätigkeit und konnten reale Erfolge erzielen… Auf diese Weise haben Sie den Weg, der von ihnen vorgeschlagen wurde und unter Ihrer Führung vorangetrieben wird, gangbarer gemacht.”
Der Intellektuelle Guzmán analysiert die Situation und kommt zu dem Schluß, daß Fujimori sein Projekt in jeder Hinsicht mit großem Geschick in die Tat umgesetzt habe, militärisch, geheimdienstlich und politisch, aber auch, was die öffentliche Zustimmung angehe. Daraus kann allerdings nicht geschlossen werden, Guzmán habe seine Überzeugungen aufgegeben – im Gegenteil. Die Wortwahl zeigt lediglich, daß ihn im Gegensatz zu vielen seiner AnhängerInnen die Fähigkeit zum klaren Nachdenken über die Realität nicht verlassen hat.
Wenn Guzmán auf der Grundlage solcher Gedankengänge Friedensverhandlungen vorschlägt, versucht er zu retten, was zu retten ist. Wenn der Volkskrieg Senderos wieder eine Chance haben soll, und von seiner Notwendigkeit ist Guzmán weiterhin überzeugt, braucht die Partei Zeit, um die eigenen Kader und das sogenannte Volksheer wieder aufzubauen. Ein Friedensabkommen könnte den notwendigen Raum schaffen. Guzmán kann dabei nur von der Hoffnung ausgehen, daß für einen Wiederaufbau der Strukturen Senderos unter anderer Führung noch genügend Kader in Freiheit sind. Vorausgesetzt, seine Isolation im Gefängnis ist effektiv, kann er über diese Hoffnung hinaus kein konkretes Bild über den aktuellen Zustand der Partei haben. Aber er ist offenbar entschlossen, diesen möglicherweise letzten Weg zur Rettung des Projektes Sendero zu gehen.
Die Gelegenheit dazu war günstig, denn Fujimori brauchte im Vorfeld des Referendums dringend die wahlkampfwirksamen Briefe aus dem Gefängnis von Callao. Daß Fujimori sie der Öffentlichkeit als völlige Kapitulation präsentieren würde, muß Guzmán nicht stören. In seinem geschlossenen ideologischen Konzept ist es nur logisch, daß die Gegensätze sich zuspitzen. Daß der seit dreizehn Jahren geführte Krieg gescheitert ist, wird in dieser Denkweise zu einer Etappe, ohne den Gedanken aufzugeben, daß sich weiterhin die Weltgeschichte mit zwangsläufiger Notwendigkeit auf die Revolution zubewegt. Die Gewißheit des Endsieges auf Seiten der Regierung und im öffentlichen Bewußtsein könnte die Bedingung dafür darstellen, den nächsten Anlauf zum revolutionären Kampf zu unternehmen.
Daß Fujimori als halb-demokratisch legitimierter Diktator de facto weiterregiert, paßt in das Bild. Ein erfolgreicherer Schlag gegen die ideologische Gewißheit der Senderisten wäre es, würde sich in Peru nach den Jahren des Krieges nicht ein autoritäres Präsidialregime, sondern eine leidlich funktionierende zivile Demokratie entwicklen. Guzmán weiß, daß das nicht die Vorstellungen Alberto Fujimoris sind. Und so unterzeichnet er seine Briefe weiter mit “Presidente Gonzalo”.

Kasten:

Der erste Brief Guzmáns im Wortlaut

Señor Presidente:
Acudimos a Usted en su condición de jefe del Estado Peruano para solicitarle celebrar conversaciones que conduzcan a un Acuerdo de Paz cuya aplicación lleve a concluir la guerra que por más de trece años vive el país. Damos este paso de gran transcendencia partiendo de nuestra ideología y principios de clase, cabalmente seguros de la necesidad histórica insoslayable del mismo y con la clara comprensión de que refleja lo que ha devenido una necesidad del pueblo, la nación y la sociedad peruana en su conjunto.
Sírvase, Señor Presidente, prestar atención a nuestra solicitud y acceder a ella.

Penal militar naval del Callao, 15 de setiembre de 1993
Abimael Guzmán Reinoso (P.Gonzalo)
Elena Albertina Iparraguirre Revoredo (C.Miriam)

Herr Präsident,
wir wenden uns an Sie in Ihrer Eigenschaft als Staatschef Perus, um Ihnen Gespräche hinsichtlich eines Friedensabkommens vorzuschlagen, dessen Anwendung den seit mehr als dreizehn Jahre dauernden Krieg beenden würde. Wir unternehmen diesen Schritt von großer Transzendenz ausgehend von unserer Ideologie und unseren Klasseninteressen, in fester Überzeugung seiner historischen Unausweichlichkeit und in völliger Klarheit darüber, daß er ein Bedürfnis des Volkes, der Nation und des peruanischen Staates in seiner Gesamtheit widerspiegelt.
Wir überlassen es Ihnen, sich mit unserem Vorschlag zu beschäftigen und auf ihn einzugehen.

Marinegefängnis Callao, 15. September

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