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Go slow!

Die meisten Tourist_innen kommen mit dem Boot auf die Karibikinsel Caye Caulker. Von Belize City aus dauert die Fahrt eine Stunde. Am Anlegesteg werden die Neuankömmlinge von strahlendem Sonnenschein und weißen Möwen begrüßt. Keine hundert Meter entfernt stehen die ersten Hotels, viele sind einfache Holzhäuser, vor denen Gäste in Hängematten unter Palmen liegen. Selbst das Wasser am Ufer macht einen gelassenen Eindruck. Gemächlich rollen die Wellen an den Strand. Nicht weit entfernt haben einige Händler_innen ihre Stände aufgebaut.
Der Rasta Alfred verkauft Kunst. Von neun Uhr morgens bis spät abends sitzt er vor einer Holzhütte voller Ölgemälde. Seine Haarpracht hält er unter einer Wollmütze in den panafrikanischen Farben versteckt: grün, gelb und rot. Alfred ist in Belize geboren, doch als seine eigentliche Heimat bezeichnet er Afrika: „Wir leben in einer guten Zeit, um Rasta zu sein. Heute ist Rastafari groß, international. Alle lieben Rasta. Es ist eine der am schnellsten wachsenden spirituellen Bewegungen auf dem Planeten“, erklärt er. „Früher“, so sagt er, „früher war das anders. Da haben die Leute negativ reagiert, wenn du in einem Laden aufgetaucht bist, oder in einem Krankenhaus. In Jamaica wurden die Hütten der Rastas zerstört, ihre Felder und Marihuanaernte. Alles wurde niedergebrannt.“
Rastafari entstand zu Beginn der dreißiger Jahre in den Armenvierteln der jamaicanischen Hauptstadt Kingston, wo der schwarze Aktivist Marcus Garvey vom Ursprung allen menschlichen Lebens in Afrika predigte (siehe Fire pon Babylon! in dieser Ausgabe). Garvey prophezeite, dass die schwarze Rasse – die erste und einstmals mächtigste Rasse der Welt – eines Tages ihre Unterdrückung überwinden und wieder Gottes auserwähltes Volk sein werde. Dem Jamaicaner Garvey wird auch die messianische Prophezeiung zugeschrieben: „Schaut nach Afrika, wo ein schwarzer König gekrönt werden wird.“
Damals träumten die Rastas davon, nach Afrika zurückzukehren. Sie glaubten, es sei ein besserer Ort, das Mutterland. Viele wollten nach Äthiopien ziehen. Als 1930 in Äthiopien Prinz Ras Tafari, der sich als direkter Nachkomme König Salomons bezeichnete, zum „König der Könige, Löwe aus dem Stamm Juda, auserwählter Gottes“ gekrönt wurde und sich den Namen „Haile Selassie“ gab, sahen viele amerikanische Schwarze in ihm den prophezeiten göttlichen Führer, der sie aus der Diaspora zurück nach Afrika bringen werde. Doch es kam nie zu einer massiven Rückkehr. Stattdessen haben sich im Laufe der Jahrzehnte äußerliche Merkmale der Rastabewegung wie Reggaemusik, Kunst und Haartracht weiter verbreitet als die religiösen Glaubensinhalte. Rasta ist zu einem modischen Stil geworden.
Als Religion gründet sich Rastafari auf einer Auslegung der Bibel aus afrikanischer Sicht, nach der die Schwarzen in Amerika in Verbannung leben, genauso wie die Hebräer_innen nach der Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier_innen. Im Wortschatz der Rastas steht „Babylon“ für Sklaverei, für Unterdrückung und Rassismus. Ihre Gottesdienste sind informelle Zusammenkünfte, in denen die Anwesenden über Werte, Wahrheit und ihre Geschichtsinterpretation diskutieren. Dabei wird ganja geraucht, Marihuana, um Geist und Seele zu öffnen.
Der wohl bekannteste Rasta und einer der erfolgreichsten Musiker seiner Zeit war Bob Marley. Schon in den siebziger Jahren waren auch junge Weiße fasziniert von seiner ethnisch-politischen Botschaft und dem pulsierenden Reggae-Beat. In seiner Heimat Jamaica war Marley sowohl Rockstar als auch Volksheld. Er schaffte es, der Ghettojugend von Kingston ein schwarzes Selbstbewusstsein zu geben. Und rund um die Welt – von den Metropolen Japans bis zu kleinen Dörfern in Afrika – haben Millionen Menschen ihre eigenen, besonderen Gründe, Bob Marley als Magier des Reggae oder als Propheten Rastafaris zu verehren. „Als ich das erste Mal Bob Marley hörte, wusste ich: Das ist genau mein Ding“, erinnert sich Ras Alfred. „Der Glaube an die Liebe, an die gesunde Nahrung, die Weisheit und die Botschaft, sein eigenes Essen anzubauen, kein Fleisch zu essen, kein Salz. Es war eine wunderbare Zeit – es war aber auch eine harte Zeit.“
Bob Marley selbst kam im Jahr 1978 zum ersten Mal nach Afrika. Dort sah er die gleichen Slums und hungrigen Gesichter, wie er sie aus Jamaica kannte. Er sah die gleiche korrupte Führungsschicht, die über das Elend thronte. Es war das Afrika, in dem bis dahin nicht ein einziger moderner Führer friedlich und demokratisch vom Volk abgewählt worden war. Als Marley auch Äthiopien besuchte, erfuhr er, dass Haile Selassie drei Jahre zuvor wenig glorreich gestorben war. Der Leichnam des Mannes, der die göttliche Verehrung durch die Rastafaris selbst immer zurückgewiesen hatte, lag verscharrt in einem Grab ohne Namen. Kein einziges Denkmal erinnerte an den Diktator, der ein Leben in dekadentem Reichtum geführt hatte. Viele Äthiopier_innen erinnerten sich mit offenem Zorn an ihren verstorbenen Herrscher. In Afrika konnte die Botschaft der Rasta-Religion nicht überzeugen. In Amerika aber bezeichnen sich bis heute hunderttausende Schwarze als Rastas, als Anhänger_innen von Haile Selassie. So auch der junge Mann Ras Kent: „König David ist der wahrhaftige Vorfahre von Haile Selassie und Selassie ist der letzte König, der auf dem Thron von Äthiopien saß. Er ist der König aller Könige, der Herr über alle Herrn.“
Ras Ket hält sich an die Gebote der Rastareligion. Er wäscht sein Haar täglich, schneidet es aber nie. Und er kämmt es auch nicht. So entstehen die langen, wilden Zöpfe seiner Rastamähne, Symbol für Naturverbundenheit und gegen Materialismus. „Es geht darum, sich gegenseitig zu helfen. Rasta ist Liebe. Die Frage ist nicht, wer mehr besitzt, denn heute bist du noch hier und morgen schon bist du gestorben. Hier auf Caye Caulker müssen wir den Kindern ein Beispiel sein, denn viele von ihnen sind Rastas.“
Ras Ket sitzt im Schneidersitz am Strand, wenige Meter entfernt von einer Bar, in der ein Dutzend junger Tourist_innen ihren Durst mit Bier und Cocktails löschen. Ras Ket selbst trinkt keinen Alkohol. Er hält die Botschaft Rastafaris für eine wertvolle Orientierungshilfe für schwarze Jugendliche: „Einige von ihnen fangen schon an, die Menschen aus Belize nicht mehr zu respektieren. Sie lassen sich mit den Touristen ein, weil die Geld haben. Diese jungen Leute haben keine Liebe mehr für die Menschen, die in diesem Land geboren wurden. Sie schauen nur auf das Geld. Solch ein Verhalten hat nichts mit Rastafari zu tun. Deshalb brauchen wir mehr Rastas auf Caye Caulker. Menschen, die lieben, die anderen helfen, die den Zusammenhalt und Frieden auf der Insel stärken.“
Rastafari weht über die Küsten der Karibik – als Lebensstil, als Religion, als Ausdruck schwarzen Selbstbewusstseins. Die Rastabewegung ist ein Erbe der Sklaverei. Ihre ursprünglichen Pionier_innen haben gepredigt, Gott habe für jede Rasse einen eigenen Kontinent vorgesehen. Doch die weiße Rasse hat Leid und Elend über die Völker gebracht, indem sie Menschen anderer Hautfarben versklavt und unterdrückt hat. Die schwarzen Völker würden erst dann Frieden finden, wenn sie nach Afrika zurückkehrten. Doch mit der Zeit ist Rastafari global geworden, mit Anhänger_innen aller Hautfarben. Auf Caye Caulker trifft man auch junge Europäer_innen mit blonden Rastalocken. Die Schwedin Ida Bjornsdotter ist 26 Jahre alt: „Für mich sind die Rastalocken eine Möglichkeit zu zeigen, dass ich dieses System des Kommerzes nicht unterstütze. Ich will nicht sagen, dass ich außerhalb dieses Systems lebe, aber ich bemühe mich, es nicht zu unterstützen. Ich glaube, der Materialismus hat keine Zukunft.“
Der Afroamerikaner Ras Dante freut sich, wenn er blonde Rastalocken sieht. Er glaubt, die Rasta-Botschaft gelte für alle Menschen, nicht nur für Schwarze: „Liebe, nichts als Liebe. Darauf basiert Rastafari. Es ist auf Liebe gebaut, während die Gesellschaft des Menschen auf Hass und Abgrenzung basiert. Wir hören immer von der schwarzen Rasse, der weißen Rasse, dieser Rasse, jener Rasse, aber die Wahrheit ist: Es gibt nur eine Rasse auf dieser Welt, die menschliche Rasse. Dieser aberwitzige Scheiß von unterschiedlichen Rassen, das ist falsch. Wir alle sind Menschen und gemeinsam sind wir die Rasse der Menschen.“
Es gibt viele Auslegungen der Bedeutung von Rastafari. Ist es eine Religion? Eine soziale Bewegung, eine Lebenseinstellung, eine Ideologie? Oder doch nur eine Mode? Ras Dante zumindest ist sich sicher, dass die Welt ohne Rastafari ein schlechterer Ort wäre: „Rastafari hat die Kraft, einen Menschen zu verändern. Wer früher ein Idiot war, oder eine bösartige Person, der kann zu einem verständnisvollen Menschen werden, der sein Leben in Frieden lebt, mit Liebe im Herzen.“
Seit einigen Jahren erlebt die belizische Gesellschaft eine Welle der Jugendkriminalität. Besonders unter den Schwarzen wachsen viele Kinder ohne ihre Eltern auf, die in die USA gezogen sind, auf der Suche nach einer besseren Zukunft. Belize hat 350.000 Einwohner_innen. Weitere fünfzigtausend Belizer_innen leben in Los Angeles und New York. Teile der jungen Generation, die in Belize zurückgeblieben sind und mit der Konsumbotschaft der Medien bombardiert werden, schließen sich organisierten Banden an, die von Drogenhändler_innen kontrolliert werden. Selbst der anglikanische Pastor Snyders glaubt, dass Rastafari in dieser Situation eine wertvolle Alternative darstellt. Snyders ist vor 33 Jahren aus Schottland nach Belize gekommen: „Die Rastas nehmen das Leben wie es kommt. Es geht ihnen nicht darum, viel zu besitzen. Ihre Spiritualität hat etwas Wunderschönes. Ich habe den Eindruck, dass sie sich gegen den Kern des Materialismus auflehnen, verbunden mit einem tiefen Respekt gegenüber Gott. Das gefällt mir, besonders deshalb, weil sie ihre Botschaft wirklich umsetzen. Ich sehe nicht, dass sie sich auf die Welt der Gier einlassen, so wie viele Christen es tun.“

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