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Gold und Wasser

Cochabamba im Jahr 2000. Die komplette Wasserversorgung der Stadt im Hochland Boliviens wurde privatisiert und an eine britisch-US-amerikanische Firma verkauft. Die Preise steigen täglich, für die meisten der armen BewohnerInnen unerschwinglich. Doch diese lassen sich den Ausverkauf des wichtigsten Grundnahrungsmittels nicht so einfach gefallen. Widerstand formiert sich.
Mitten in die sich schnell radikalisierenden Proteste gegen die Wasserprivatisierung kommen Regisseur Sebastián (Gael García Bernal) und sein Team, um einen Film über Kolumbus zu drehen. Für den statistenreichen Historienschinken hat sich der spanische Produzent Costa (Luis Tosar) extra das „indianischste und billigste“ Land Lateinamerikas ausgesucht. Unterschiede zwischen dem Hochland Boliviens und der Karibik werden da zugunsten der Finanzierung achtlos beiseite gewischt.
Die spanische Filmemacherin Icíar Bollaín benutzt in ihrem neuen Spielilm También la lluvia diese Film-im-Film-Konstruktion, um alte und neue Ausbeutung geschickt aufeinander prallen zu lassen. Denn die hehren Ansprüche von Sebastiáns Team, eine kritische Gegendarstellung des „Entdeckers“ Columbus zu schaffen und den unmenschlichen Umgang der Conquista mit der indigenen Bevölkerung zu zeigen, kollidiert mit den Vorurteilen und der Überheblichkeit der FilemacherInnen.
Am deutlichsten wird diese Überheblichkeit, als Costa auf englisch mit einem der Geldgeber telefoniert. Daniel (Juan Carlos Aduviri), einer der bolivianischen Darsteller steht neben ihm und Costa geht wie selbstverständlich davon aus, dass dieser ihn nicht versteht. Er schwärmt dem US-amerikanischen Finanzier vor, wie billig die Produktionsbedingungen in Bolivien seien: „Alles super, zwei Dollar am Tag und die Leute hier sind glücklich!“ Als Costa sich wieder Daniel zuwendet, hat der nur kalte Verachtung für ihn übrig. „Nach zwei Jahren auf dem Bau in den USA“, hat er die Schnauze voll von „dieser Abzocke“.
In der Einstiegsszene des Films, werden Costa und Sebastián bei ihrer Ankunft in Bolivien von Kilometer langen Schlangen wartender BewohnerInnen der Armenviertel empfangen. Sie alle erhoffen sich beim ersten „offenen Casting“ eine Rolle in dem Film zu bekommen. Costa entscheidet, dass nicht alle vorsprechen können, und will den Großteil der Leute sofort wieder nach Hause schicken. Doch einer in der Schlange protestiert heftig dagegen – damit seine Tochter ihre Chance bekommt, legt er sich sogar mit dem privaten Sicherheitsmann an. Sebastián ist begeistert und gibt dem Mann eine der Hauptrollen: Daniel soll im Kolumbus-Film einen Indigenen spielen, der die Spanier voller Wut und Stolz bekämpft.
Im wahren Leben ist Daniel einer der Anführer der Widerstandsbewegung gegen die Wasserprivatisierung. Anfangs beobachtet das Filmteam noch beeindruckt-verständnisvoll das radikale Vorgehen der BewohnerInnen der Armenviertel. Sebastiáns Kamerafrau will am liebsten einen Dokumentarfilm über die Proteste drehen. Bei einem Treffen mit dem Bürgermeister der Stadt, der sich nur rassistisch über „die Indios“ äußert, die „wenn man ihnen den kleinen Finger reicht, immer gleich die ganze Hand wollen“, solidarisiert sich Sebastián verbal zaghaft mit den Protestierenden.
Doch die Unterstützung hält nur so lange, wie die Proteste der Realisierung des Films nicht im Wege stehen. Dass es „im Leben auch wichtigeres gibt, als seinen Film“, wie Daniel zu ihm sagt, als ein paar indigene Darstellerinnen sich weigern, eine Szene zu drehen, in denen sie auf der Flucht vor den Spaniern ihre Kinder töten sollen, kann Sebastián einfach nicht verstehen. Als Daniel wiederholt verhaftet und von der Polizei zusammen geschlagen wird, drohen die Dreharbeiten zu platzen
Die größte, Sebastiáns Entwicklung genau entgegengesetzte Wandlung durchläuft in También la lluvia jedoch Produzent Costa. Er kommt als versnobt-überheblicher Europäer nach Bolivien, der nur eines will: möglichst schnell und möglichst billig den Film fertig bekommen. Dafür ist er bereit, einen ziemlich hohen Preis zu zahlen: Daniel bietet er beispielsweise 5.000 Dollar, damit dieser zu keiner Demonstration mehr geht. Doch mit der Zeit beginnt Daniels unbeirrter Einsatz für das, an was er glaubt, Spuren in ihm zu hinterlassen. Als Daniels Tochter Belém verletzt wird, muss er eine Entscheidung treffen.
Icíar Bollaín hat mit También la lluvia einen bildgewaltigen Film mit internationaler Starbesetzung geschaffen. Die einfühlsame Art, mit der sie die Entwicklungen ihrer Charaktere, von denen keiner ohne Schwächen ist, inszeniert, vergrößert das Kinovergnügen zusätzlich.

También la lluvia („Sogar den Regen“) // Icíar Bollaín // 104 Min. // Spanien/Frankreich/Mexiko 2010 // Auf der 61. Berlinale zu sehen im Panorama und im Kulinarischen Kino

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