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Gottes Geschenke bringen Geld

Nicaragua und Guatemala haben den Kampf gegen den Drogenhandel so gut wie verloren. Zu diesem pessimistischen Schluss kommt ein kürzlich veröffentlichter Bericht des in Washington ansässigen Rates für Angelegenheiten der Hemisphäre.
Das trifft besonders auf Nicaraguas Atlantikküste zu. Einerseits sehen sich mangelhaft ausgestattete PolizistInnen und Militärs nicht in der Lage, das gesamte Küstengebiet zu überwachen. Andererseits haben die extrem hohe Arbeitslosigkeit und deren Folgeerscheinungen wie Hunger und soziale Verelendung dazu beigetragen, dass die Bevölkerung den Drogenschmuggel akzeptiert.
In der nicaraguanischen Presse ist häufig zu lesen, dass es den Behörden zwar gelingen würde, die von DrogenschmugglerInnen eingesetzten Schnellboote oder Flugzeuge zu orten und die Verfolgung aufzunehmen. Zu Festnahmen käme es aber meist nicht, da die narcos aufgrund ihrer finanziellen Möglichkeiten über besseres Equipment verfügen. Die Behörden betonen zwar, dass sie für Ausbildung und Ausstattung in den letzten acht Jahren von den USA insgesamt drei Millionen US-Dollar Unterstützung erhalten haben. Trotzdem kommt es wöchentlich zu zwei bis drei Drogentransporten im karibischen Teil Nicaraguas.
Pro Woche werden dabei circa 3.000 Kilogramm Kokain an den Behörden vorbeigeschmuggelt. Im gesamten Jahr 2004 beschlagnahmte die Küstenwache gerade mal knapp 6.000 Kilogramm Kokain – Schmuggelware von zwei Wochen. Ein Ermittler der US-amerikanischen Drogenbehörde DEA bringt es auf den Punkt: Der Kampf gegen den Drogenschmuggel ist mit einem Fußballspiel vergleichbar, bei dem eine unerfahrene Schülermannschaft auf die weltbesten Profispieler trifft.
Der Rat für Angelegenheiten der Hemisphäre meint, dass der US-amerikanischen Regierung das Problem zwar bekannt sei, diese aber andere Prioritäten gesetzt habe. Insbesondere dem zentralamerikanischen Freihandelsabkommen CAFTA würde mehr Gewicht eingeräumt als der Bekämpfung des Drogenschmuggels.

Die Polizei macht mit

Allerdings hat sich der Drogenschmuggel in der Region nicht erst während der Verhandlungen zur genannten Freihandelszone etabliert. Der Ursprung ist auf das Jahr 1990 zu datieren: Nach Einstellung der Kampfhandlungen und formalen Beendigung des Bürgerkrieges wurde die permanente See- und Küstenüberwachung eingestellt. Fast zeitgleich vergab die von Violeta Chamorro geführte Koalitionsregierung U.N.O. Fanglizenzen an nordamerikanische, koreanische, panamesische und honduranische Fischfangflotten. Diese in nicaraguanischen Hoheitsgewässern operierenden Flotten haben es den – insbesondere kolumbianischen – Drogenkartellen erleichtert neue Transportrouten zu erschließen, und diese immer weiterergehender auszubauen.
Höchstwahrscheinlich ist die Polizei selbst in den Drogenhandel verstrickt. Oft wissen BewohnerInnen eines Hauses, in dem ErmittlerInnen eine größere Menge Drogen vermuten und eine Razzia durchführen wollen, bereits vor deren Ankunft von der geplanten Durchsuchungsaktion. Bei einigen Razzien kam es sogar vor, dass Beamte mit den Worten „Herzlich Willkommen Freunde, treten Sie näher, wir haben Sie schon erwartet!“ begrüßt wurden.

Geldgierige Kirchenmänner

Auch andere KüstenbewohnerInnen sind in das Drogengeschäft verwickelt. Insbesondere die indigene Bevölkerung, die zu rund 90 Prozent ohne formelle Beschäftigung ist, in extremer Armut lebt und über keinen befriedigenden Zugang zu medizinischer Grundversorgung und Bildung verfügt, ist für die Drogen-Ersatzökonomie empfänglich. Werden narcotraficantes bei Schmuggelaktivitäten entdeckt, werfen sie ihre Drogenpakete über Bord. Diese werden durch die Strömung an die Küste gespült und von BewohnerInnen gefunden. Insbesondere die Miskito, die in der nördlichen Atlantikküstenregion zahlenmäßig die größte Ethnie stellen, betrachten alle gefundenen Gegenstände als ein „Geschenk Gottes“. Die „geschenkten“ Drogenpakete werden sogleich in Bares umgesetzt.
Der oder die FinderIn sucht einen kleineren Drogenschmuggler in der jeweiligen Gemeinde, wo das Kokain angeschwemmt wurde. Der verkauft es dann auf regionaler Ebene an den nächsten Zwischenhändler weiter, der es meist auf dem Landweg nach Norden transportiert. Ab der Grenze zu Honduras wird das Koks in Richtung USA verschifft.
Je nach Menge wird der Erlös in der Gemeinde für Reparaturen an Gebäuden verwendet beziehungsweise ein Teil an die traditionellen Autoritäten und den Pastor der Mährischen Kirche weitergegeben.
In der Gemeinde Tuara, die rund 28 km westlich von Puerto Cabezas liegt, übergaben zwei Männer, die einen Drogenfund gemacht hatten, dem ansässigen Pastor als Gabe 30.000 Cordoba. Kurze Zeit später verlangte er jedoch auf Grundlage des in der Bibel genannten Zehnten den entsprechenden Anteil am Gesamterlös. Während die Kirchenoberen von der Kanzel herab den Drogenschmuggel geißeln, profitieren die auf lokaler Ebene agierenden Pastoren vom Drogengeschäft.

Ökonomische Abhängigkeit

Die KüstenbewohnerInnen sind gerne bereit, die DrogenschmugglerInnen zu unterstützen. Als vor ein paar Jahren ein Flugzeug in der Nähe der am Rio Coco gelegenen Gemeinde Wasla abstürzte, sammelten die BewohnerInnen das an Bord befindliche Kokain ein und verhalfen den FlugzeuginsassInnen zur Flucht. Als die Polizei vor Ort eintraf, entführten die BewohnerInnen die Beamten, um sie von einer Beschlagnahmung der Drogen abzuhalten.
In einem anderen Fall verhalf die Besatzung eines Langustenfangbootes mehreren KolumbianerInnen zur Flucht, indem sie deren defektes Boot in kolumbianische Gewässer zurückschleppten. Als Gegenleistung erhielt die Mannschaft das geladene Kokain, circa 1.500 Kilogramm. Trotz des Wissens der Behörden um diesen Vorfall gelangte die gesamte Drogenmenge nach Puerto Cabezas, ohne dass irgendeine Untersuchung geschweige denn eine Verhaftung vorgenommen worden wäre.
Dass die Behörden schweigen, liegt an der ökonomischen Abhängigkeit vom Kokain, mit der sich die KüstenbewohnerInnen mittlerweile konfrontiert sehen. Die lokale Fischindustrie leidet an der Überfischung der karibischen See und mangels Alternativen erfreuen sich Geschäftsleute, TaxifahrerInnen oder BarbesitzerInnen an den gesteigerten Umsätzen, die durch das Hereinspülen von Drogendollars erzeugt werden.

Gefahr für die Demokratie

Die politische Situation im Land hat wesentlich zu dieser Situation beigetragen. Trotz massiver Kritik von Nichtregierungsorganisationen, die den Drogenschmuggel als permanente Bedrohung für das Wohlergehen der Menschen ansehen, scheinen sich die politischen Eliten um Daniel Ortega und Arnoldo Alemán lieber mit Parteiausschlussverfahren, Intrigen und Pakten zu beschäftigen (siehe LN 371 und Artikel in dieser Ausgabe).
Der Drogenschmuggel unterminiert die institutionellen Strukturen. Zwischen 1990 und September 1998 wurden Drogen im Wert von 151 Millionen US-Dollar beschlagnahmt. Diese Summe liegt fast fünfmal höher als der Haushalt des Regierungsministeriums für 1998, der mit einem Gesamtvolumen von knapp 32 Millionen US-Dollar veranschlagt wurde. Die Verfügbarkeit solcher Geldsummen korrumpiert demokratische Institutionen und wird so zur Gefahr für die nationale Sicherheit.
Dies gilt auch für die soziale Entwicklung: Ein Teil des geschmuggelten Kokains wird dazu verwendet, Drogenabhängigkeiten zu erzeugen, um AnwohnerInnen der Transportrouten für die Belange der narcos gefügig zu machen.

„Gottesgeschenke“ bringen Macht…

Die Tatsache, dass den Bedürfnissen der AtlantikküstenbewohnerInnen nach Arbeit, Ernährung und medizinischer Versorgung kaum Rechnung getragen wird, trägt zu Veränderungen der Sozialorganisation in den indigenen Dorfgemeinschaften bei. Bereits Ende der 1990er Jahre wurde in einer Untersuchung des Instituts für Autonomiestudien an der regionalen Universität URACCAN (Universidad de las Regiones Autónomas de la Costa Caribe Nicaragüense) auf signifikante sozio-kulturelle Veränderungen hingewiesen. Der Konsum von Crack und Kokain führe demnach zu einem sukzessiven Verlust kultureller Werte, der sich auf verschiedenen Ebenen äußere. Der Respekt gegenüber traditionellen Autoritäten wie Ältestenräte habe sichtbar abgenommen. Dies habe dazu geführt, dass Autoritätspersonen in der sozialen Hierarchie von denjenigen, die durch Drogenfunde oder aktive Beteiligung am Schmuggel ökonomisch aufgestiegen sind, herabgesetzt und in ihrer Macht beschnitten werden.
Andererseits sind die Autoritäten selbst in Drogengeschäfte verwickelt. Ihre soziale Stellung wird daher von anderen DorfbewohnerInnen – insbesondere bei denjenigen, die bisher nicht das Glück hatten ein so genanntes „Gottesgeschenk“ zu finden – in Frage gestellt und bezweifelt. Die Autoritäten wiederum argumentieren, dass diese Glücklosen bei entsprechenden Drogenfunden eben nicht in der Reichweite der Segnungen Gottes gewesen seien.

… und Wohlstand…

In einer indigenen Gemeinschaft etwa 20 km südostlich von Puerto Cabezas in der nördlichen Atlantikküstenregion haben die „Gottesgeschenke“ das Leben der DorfbewohnerInnen schon verändert.
Die aus dem Drogenschmuggel erzielten Gewinne lassen sich an ihrem Lebensstandard ablesen. Geographisch in einer Region gelegen, die nur mit dem Boot erreichbar ist, haben sich die BewohnerInnen trotz einer unzureichenden Stromversorgung in den letzten Jahren eine Vielzahl von Gebrauchsgegenständen zugelegt: Fernseher, Satellitenschüsseln für internationalen TV-Empfang, Videorecorder, Kühlschränke, moderne Gasherde, unterschiedlichste Küchenutensilien, Handys, Glasfiberboote, leistungsstarke Außenbordmotoren, etc. Sofern das während der Regierungszeit Alemáns installierte Dieselstromaggregat nicht funktioniert, wird auf die häusliche Stromversorgung mittels Notstromaggregat umgestellt.
Ein Teil der BewohnerInnen aber bleibt von diesen Annehmlichkeiten ausgeschlossen. Im Gegensatz zu den „Beschenkten“ leben sie in einfachen und ungestrichenen zusammengenagelten, windschiefen Bretterhütten, vor denen mit Brennholz gekocht wird. Diese Gegensätzlichkeiten und die konsumorientierten Haltung verändern die soziale Struktur nachhaltig. So leiden etwa die gegenseitigen Austauschbeziehungen. Insbesondere die gemeinschaftliche Bearbeitung der Felder im Rahmen der traditionellen Subsistenzwirtschaft verliert immer mehr an Bedeutung. Die Konsumorientierung hat zur Folge, dass die Beteiligten immer mehr dazu getrieben werden, den eigenen Lebensunterhalt durch Drogenschmuggel zu finanzieren. Damit einher geht ein Prozess der sozialen Vereinzelung. So partizipiert nur noch ein kleiner Teil der BewohnerInnen an Dorfversammlungen. Auch das Begehen gemeinsamer Feste zu Weihnachten und Neujahr oder die Teilnahme an regional ausgerichteten Tanzwettkämpfen verlieren an Bedeutung.

…und Kriminalität

In diesem Zusammenhang häufen sich Diebstähle unter den BewohnerInnen. Des Nachts werden alle tragbaren Utensilien in die Häuser geschafft und dort bis zum nächsten Tag verwahrt. Neue Rituale entstehen: In der Karwoche ist es mittlerweile Brauch, dass sich die männlichen Bewohner abends in Gruppen zusammenfinden, um gemeinsam durch die Gemeinde zu streifen und Gebrauchsgegenstände der Bewohner zu stehlen. Das Diebesgut wird am nächsten Tag den Betroffenen lachend und scherzend wieder ausgehändigt.
Don Pedro, einer der traditionellen Autoritäten in der kleinen Gemeinde, zieht sogar das 1987 verabschiedete Autonomiestatut als Rechtfertigung heran. Es erleichtere den Drogenschmuggel, weil die erlassenen Gesetze in der nördlichen Atlantikküstenregion nicht so strikt wie in der südlichen Atlantikküstenregion wären, respektive die nationalen Antidrogengesetze nicht ohne weiteres zur Anwendung kommen könnten, meint er.
Solange der Bevölkerung keine Alternativen hinsichtlich Beschäftigung sowie Bildung geboten und ihnen Grundlegendes wie eine umfassende Gesundheitsversorgung vorenthalten werden, wird der Drogenschmuggel weiterhin zum gesellschaftlichen Wandel an der Atlantikküste beitragen.

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