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Katastrophen fallen nicht vom Himmel

„Seine Heiligkeit hat tief betrübt die traurige Nachricht über die vielen Opfer und die materiellen Schäden erhalten, die der Hurrikan verursacht hat.“ So zitiert die nicaraguanische Tageszeitung El Nuevo Diário am 9. September Kardinal Tarcisio Bertone vom Sekretariat des Heiligen Stuhls in Rom. Solche recht gelassen ausgesprochenen Mitgefühlsbekundungen sind keine ungewöhnliche Reaktion aus dem reichen und sicheren Norden. Zumindest, solange nicht geklärt ist, worin die Ursache für die rasante Zunahme der Hurrikane in Zahl und Intensität seit den 70er Jahren besteht.
Die Frage, inwieweit die globale Erderwärmung hierfür verantwortlich ist, wird derzeit zum Gegenstand handfester Interessen in internationalen Verhandlungen zum Klimaschutz. Anzuerkennen, dass es einen Zusammenhang von Treibhausgasen, Erderwärmung, Wassererwärmung und der Zunahme von Hurrikanen gibt, könnte schwerwiegende politische Folgen haben: Mit welchem Recht könnte man den hurrikangebeutelten Ländern Mittelamerikas und der Karibik zum Beispiel den Anspruch auf Entschädigungszahlungen verweigern?
Solche Gelder wären in Nicaragua dieser Tage bitte nötig: Am Morgen des 4. September traf der Hurrikan Félix auf die nördliche Atlantikküste Nicaraguas. Er wurde mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 300 km/h in die höchste Kategorie Fünf eingestuft. In der Hafenstadt Bilwi (Puerto Cabezas) wurden 90 Prozent der Gebäude zerstört. Selbst der Kontrollturm des Flughafens stürzte ein. Die landeinwärts gelegenen, größtenteils von Indígenas bewohnten Gemeinden traf es noch schlimmer. Viele waren über längere Zeit von der Außenwelt abgeschnitten. Das gesamte Ausmaß der Schäden wurde somit erst nach und nach deutlich.
Laut offiziellen Statistiken sind circa 200.000 Menschen von den Folgen des Hurrikans betroffen. Bisher wurden 102 Tote und weitere 133 Vermisste gemeldet. Der größte Teil der Infrastruktur in den betroffenen Städten und Gemeinden wie Straßen, Stromnetz, Telefonkabel, Funktürme und Hafenanlagen wurde ganz oder teilweise zerstört. Außerdem wurden 90 bis 100 Prozent der erwarteten Ernten in den betroffenen Gebieten vernichtet. Das Trinkwasser in den Brunnen ist kontaminiert. Ebenfalls schwer beschädigt sind die Fischerei-Ausrüstungen der KüstenbewohnerInnen. Laut Umweltministerin Juana Argeñal wurde auch das Bosawas-Biosphärenreservat, das 1997 von der UNESCO zum Schutzgebiet der Menschheit erklärt worden war, vom Hurrikan Felix verwüstet. Bosawas, das zehn Prozent der Biodiversität der Welt enthält, gilt als das wichtigste Naturschutzgebiet in Mittelamerika.
Der staatlichen Katastrophenschutzbehörde Nicaraguas (SINAPRED) zufolge werden 30 Millionen US-Dollar Soforthilfe benötigt, um dem unmittelbaren Bedarf für die Wiederherstellung der grundlegenden Infrastruktur für die Betroffenen zu decken. Nahrungsmittelhilfe wird mindestens für die nächsten fünf Monate notwendig sein.
Unterdessen wurden national und international viele Hilfeleistungen eingeleitet. Innerhalb Nicaraguas gab es große Spendenkampagnen und viele Freiwillige beteiligten sich an den Aufräumarbeiten. Das nicaraguanische Militär leistete Nothilfe, ebenso Teams kubanischer Ärzte. Etliche internationale Organisationen sowie lateinamerikanische und europäische Regierungen beteiligten sich mit Spenden und Hilfsleistungen.
Und auch die Regierung Ortega reagierte schnell: Zwei Wochen nach dem Hurrikan legte sie einen Plan zur Wiederherstellung der Region vor. Verglichen mit dem Verhalten seines Vorgängers Arnoldo Alemán beim Hurrikan Mitch 1998 stellten die nicaraguanischen Medien der jetzigen Regierung gute Kritiken aus. Ihr Katastrophenmanagement hebt sich wohltuend vom damaligen ab: Alemán ließ die Betroffenen weitgehend allein und bereicherte sich an den Hilfsleistungen.
Es gibt jedoch auch Kritik am Verhalten der Regierung Ortega. So fehlte es an einer funktionierenden Katastrophenprävention, wie sie zum Beispiel 1989 bestanden hatte, als im Südosten des Landes bereits vor dem Eintreffen des Hurrikans Juana der sandinistische Zivilschutz die Bevölkerung vorausschauend evakuierte. Und so beklagen Familienangehörige der Opfer des Hurrikans Félix vor der Ständigen Menschenrechtskommission (CPDH), dass viele Tode hätten verhindert werden können, wenn ein funktionierender Katastrophenplan bestanden hätte. Fischer seien ohne Warnung ausgefahren, obwohl das Eintreffen des Hurrikans bereits bekannt war. Noch Tage nach dem Unwetter warteten Tausende von Überlebenden Tag und Nacht am Kai von Bilwi in der Hoffnung auf die Rückkehr ihrer im Sturm verschwundenen Familienmitglieder.
Doch es sollte nicht bei einer Naturkatastrophe bleiben: In den 52 Tagen nach dem Hurrikan kam es in vielen Gegenden Nicaraguas zu sintflutartigen Regenfällen. Ursache waren der Hurrikan selbst sowie zwei weitere tropische Tiefdruckgebiete. Die Niederschlagswerte lagen über denen, die im Jahr 1998 beim Hurrikan Mitch gemessen wurden. Am schlimmsten betroffen sind die Regionen Chinandega und Leon im Nordwesten sowie Matagalpa im Norden. Es kam zu Erdrutschen, Überschwemmungen, Ernteverlusten und Zerstörungen wichtiger Verkehrswege. Landesweit sind rund 40.000 Familien von den Folgen der Überschwemmungen betroffen. In Matagalpa trat am 17. Oktober der Rio Grande de Matagalpa über die Ufer und richtete verheerende Schäden an. In den Notunterkünften wurden mehr als 1.000 Menschen gezählt.
Unterdessen hat die Regierung Ortega für das ganze Land den Katastrophenzustand ausgerufen. Sie kündigte an, Reis und Bohnen zu säen, um einer Hungersnot durch weitere Ernteausfälle vorzubeugen. Allerdings ohne zu konkretisieren, wie diese Maßnahme vonstatten gehen soll. Weiterhin wurde vorübergehend die Streichung des Einfuhrzolls auf Bohnen angeordnet. Das Grundnahrungsmittel wird durch die aktuellen Ernteausfälle im Land bereits knapp. Zudem steht Ortega in Verhandlungen mit den nationalen Banken, angesichts des akuten Mittelbedarfs die Rückzahlung der internen Staatsschulden zu stunden.
Trotz aller Notfallpläne kann nichts darüber hinwegtäuschen, dass dies wohl nicht die letzte Katastrophe dieser Art war. Neben den menschlichen Verlusten und den volkswirtschaftlichen und ökologischen Schäden ist es besonders die hohe Wahrscheinlichkeit weiterer Katastrophen, die die BewohnerInnen der Region belastet. Dabei fallen diese ja nicht vom Himmel und es muss gefragt werden, ob die Länder mit hohem Schadstoffausstoß nicht für den Ausgleich solch enormer Schäden stärker in die Verantwortung genommen werden müssten. Ist doch ihre Beteiligung an deren Ursache kaum noch von der Hand zu weisen.
Staatsregierungen wie die von Daniel Ortega sind indessen weit entfernt davon, diese Zusammenhänge beim Namen zu nennen. Für ihn sind die Naturkatastrophen „unberechenbar“.

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