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Handel in Grenzzonen der Legalität

Die Schweiz gehört weltweit zu den führenden Handelsplätzen für Rohstoffe. Egal, ob Energieträger, Metalle oder Agrargüter – in der Schweiz angesiedelte Firmen mischen kräftig mit. Dabei berühren mit Ausnahme von Gold die meisten Rohstoffe niemals schweizerischen Boden. Während andere Länder aufgrund von wichtigen Häfen, Ölraffinerien oder Börsen eine Verbindung zum Rohstoffhandel aufweisen, gibt es an sich „nichts, was das kleine Binnenland zum Handelszentrum prädestinieren würde”. Laut der schweizerischen Nichtregierungsorganisation Erklärung von Bern (EvB) liegt das Geheimnis in einer Kombination aus laschen Kontrollen, steuerlichen Sonderregeln und einem starken Finanzplatz mit großen Banken. Nicht zuletzt konnten Unternehmen aufgrund der langen Nicht-Mitgliedschaft in der UNO und einem wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Klima, das beinahe jegliches Geschäft zulässt, selbst bei Boykotten dank des Standorts Schweiz blendend verdienen.
In dem Buch Rohstoff. Das gefährlichste Geschäft der Schweiz geht die EvB dem intransparenten Rohstoffsektor der Landes auf die Spur. Die Autorinnen und Autoren beleuchten viele Aspekte des komplexen Themas wie Spekulation, Korruption und Verteilungsgerechtigkeit. Mit dem weltgrößten Rohstoffhändler Glencore und dem viertgrößten Bergbaukonzern der Welt, Xstrata, werden die maßgeblichen schweizerischen Player im Geschäft porträtiert und deren teils zwielichtige Geschäftspraxen vorgestellt. Aber auch auf legale Art und Weise bietet der Rohstoffsektor beste Verdienstmöglichkeiten für die beteiligten Unternehmen. Durch ein bestehendes Netz an Tochterfirmen ist es Firmen auf dem Papier möglich, aus einem Förderland beispielsweise Rohstoffe zu einem niedrigen Preis in eine Steueroase zu exportieren und von dort dann den tatsächlichen Verkauf an den Endkunden zu tätigen. Dadurch sind im Förderland selbst weniger Einnahmen zu versteuern. Dieses so genannte transfer pricing ist aufgrund fehlender Regulierung in der Regel vollkommen legal. In vielen Ländern fällt das Kleinrechnen von Gewinnen durch großzügige Abschreibungsmöglichkeiten zusätzlich leicht. So beleuchtet eine Reportage den Fall einer Tochter von Glencore, die in Sambia eine lukrative Kupfermine betreibt, aber auf wundersame Weise Jahr für Jahr rote Zahlen schreibt. Damit auch die Förderländer von den Rohstoffen profitieren, muss allerdings sowohl die Verteilung zwischen transnationalen Unternehmen und Regierungen, als auch die interne Verteilung der Einnahmen zugunsten der jeweiligen Bevölkerung ausfallen.
Doch die Probleme gehen darüber hinaus. Neben ungerechten Handelsstrukturen weist die Rohstoffförderung eine verheerende Menschenrechts-, Sozial- und Umweltbilanz auf. Die negativen externen Effekte fallen ausschließlich in den Förderländern an, die überwiegend im globalen Süden liegen. Im Preis eines Rohstoffes spiegeln sich die Schäden jedoch nicht wider. Am Ende des Buches werden einige aktuelle Ansätze für mehr Regulierung und Transparenz im Rohstoffsektor vorgestellt, an denen die Schweiz jedoch deutlich weniger Interesse zeigt als die USA oder die EU. Die in dem Buch aufbereiteten Fakten zeigen eindrucksvoll auf, wie groß der politische Handlungsbedarf im undurchsichtigen Rohstoff-Business ist und das ein „weiter so“ nicht gangbar ist. Weder in der Schweiz noch anderswo.

Erklärung von Bern (Hg.) // Rohstoff. Das gefährlichste Geschäft der Schweiz // Salis Verlag // Zürich // 24,90 Euro

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