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Keynesianismus verzweifelt gesucht

Die Linke Lateinamerikas hat im 20. Jahrhundert viele heroische Geschichten geschrieben. Meist jedoch wurden die Versuche, dem Kapitalismus eine Alternative entgegen zu setzen, durch die USA niedergeschlagen. Die Geschichte der Linken, der sich nun Romeo Rey angenommen hat, verlief alles andere als homogen, es gibt aber dennoch einige Gemeinsamkeiten. Wie eben den ständigen Einfluss der Hegemonialmacht im Norden. Und hier ist schon eines der größten Versäumnisse des Autors zu nennen. Er arbeitet zwar die einzelnen historischen Etappen heraus, bei einer der der wichtigsten Gemeinsamkeiten vieler hoffnungsvoller Aufbrüche, dem Scheitern nach Intervention der USA, bleibt er phänomenologisch.
Sicher, die Supermacht kommt fast in jedem Kapitel vor. Ihr konterrevolutionäres Wesen arbeitet Rey nicht heraus, die Politik erscheint so ohne Zusammenhang. Und so kommt er dazu, den USA gegenüber Kuba ein „kurzsichtiges, ausschließlich repressiv orientiertes Verhalten“ vorzuwerfen. Hat das denn keine Methode? Die Frage wäre zu stellen. Dass Rey sich ihr nicht widmet, ist aber wohl auch damit zu erklären, dass der Internationalismus fast gänzlich unter den Tisch fällt. Fast immer stellt der Autor die revolutionären Entwicklungen in den einzelnen Ländern als singuläre Phänomene dar. War das so, agierten die RevolutionärInnen wirklich für sich alleine? Falls ja, böte dies einen Ansatzpunkt für die Analyse ihres Scheiterns. So weit geht der Autor aber auch nicht.
Dass Rey den Internationalismus nicht übersieht, sondern vermutlich bewusst ignoriert, zeigt sich bei seiner Darstellung Che Guevaras. Denn in Reys Augen ist „der Che“ komplett gescheitert. Allein. Dabei lässt er weg, dass Guevara sich immer international verortete, dass das Scheitern der RevolutionärInnen in den Metropolen mit dem Guevaras eng verknüpft ist. Es scheint Rey hier vielmehr darum zu gehen, jeglichen Versuch der fundamentalen Veränderung der Gesellschaft als unmöglich zu geißeln. Guevaras Forderung eines neuen Menschen, nach Selbstveränderung, ist für Rey in letzter Instanz „Gleichmacherei“, die der menschlichen Natur zuwiderlaufe. Verschiedene soziale Schichtungen seien in einer freien Gesellschaft notwendig. Sein politischer Vorschlag, der sich aus seiner Zusammenfassung und dem ständigen Verweis auf nebulöse „ökonomische Grundgesetze“ herauslesen lässt, ist nicht mehr als ein Aufwärmen des in Europa gescheiterten keynesianischen Staatsinterventionismus.
Keine Frage, es ist ein Verdienst, dass der ehemalige Lateinamerika-Korrespondent von Frankfurter Rundschau und Schweizer Tages-Anzeiger sich der Geschichte der Linken einmal als Ganzes (seit der Mexikanischen Revolution) angenommen hat. Man sollte das Buch aber gegen den Strich lesen. Dann kommt man zur Erkenntnis, dass Hugo Chávez und die anderen VertreterInnen der „Neuen Linken“ Lateinamerikas aus der Geschichte einiges gelernt haben. Der praktische Internationalismus der Bolivarischen Alternative für Lateinamerika ALBA wäre ebenso zu nennen wie die strikte Einhaltung des Realitätsprinzips. Ideologische, ultralinke Politik hat noch jeder Revolution geschadet, das zeigen die Beispiele Chiles und Nicaraguas auf ihre Weise.
Für den Erfolg der Linken war und ist die Verwurzelung in der Bevölkerung ebenso unerlässlich wie der Fokus auf die Basisbewegungen, die anders als im Staatssozialismus nicht zentral gesteuert werden. Darin ist Rey zuzustimmen. Warum er die aktuellen Entwicklungen, bei denen selbstverständlich nicht alles perfekt läuft, nicht positiver darstellt, ist wohl nur mit seinem Keynesianismus zu erklären. Denn die Politik von Chávez, Morales und Co. geht darüber hinaus.
// Helge Buttkereit

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