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Hartnäckige Erinnerung

Auf einer einsamen Landstraße an Uruguays Küste treffen der Mittfünfziger Arturo und die junge Camboya aufeinander. Er flieht vor seinem Leben in die Einsamkeit einer Hütte am Strand, wo er sich endlich seiner Vergangenheit stellen will. Auf dem Weg dorthin nimmt er die junge Frau mit, die von zu Hause weggelaufen ist. Und will sie so schnell wie möglich wieder loswerden. Doch Camboya taucht immer wieder auf. Auch sie befindet sich auf der Flucht – vor dem Gespenst ihrer verschwundenen Tante und den Erwartungen ihres Vaters, die Ideale seiner angebeteten und idealisierten Schwester Cecilia verkörpern zu sollen.
Während sich ein tosendes Unwetter über ihnen zusammenbraut, entdecken Arturo und Camboya, dass ihre Geschichten miteinander verschränkt sind. Die Natur fungiert in Carlos María Domínguez‘ Roman Die blinde Küste stets als Spiegel der Gefühle. Durch die Nachfragen und Kommentare der alten Ema, die strickend einem unbekannten Erzähler in einem Restaurant an der Landstraße lauscht, erfahren wir die Verwicklungen und Wendungen der Lebensgeschichten der beiden ProtagonistInnen. Es ist ebenfalls Ema, die als erste entdeckt, dass die Frau, die seit Jahrzehnten in Arturos und Camboyas Leben herumspukt, ein und dieselbe verschwundene Cecilia ist.
Beide versuchen verzweifelt, sich von der Last der Vergangenheit freizustrampeln – versinnbildlicht in einer Szene während des Gewitters, als das Meer plötzlich eine riesige Masse an Schaum über die Küste spuckt. Am Ende ist es die junge Camboya, die es schafft, sich aus dem Labyrinth aus Meeresgeifer zu befreien.
Neben dieser Rahmenhandlung verwebt Domínguez eine zweite Geschichte in den Roman – die aber ebenso mit der gewaltsamen Vergangenheit Argentiniens und Uruguays verknüpft ist. Und zwar die der Töchter des aktuellen Arbeitgebers von Arturo. Doghram ist ein verschrobener Engländer, der zurück gezogen mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern Sarah und Rosie hinter einer dichten Hecke lebt, die seine Töchter vor der Welt draußen abschirmen soll. Arturo arbeitet für Doghram als Gärtner und verliebt sich in Rosie, die ältere der beiden. Doch Doghram wacht eifersüchtig über seine Tochter.
Als Arturo während des Sturms in der Hütte am Strand Camboya diese Geschichte erzählt, beginnt Arturo zu verstehen, dass Doghram nicht die Welt vor seinen Töchtern versteckt, sondern die beiden Mädchen vor Welt. Und mit ihnen ein dunkles Geheimnis über ihre Herkunft. Hier klingt eins der grausamsten Verbrechen der argentinischen Militärs an: die illegale Aneignung der Kinder von Verschwundenen.
Die Auswirkungen der letzten Militärdiktatur in Argentinien auf das Heute – das scheint eines der beherrschenden Themen der argentinischen Neuerscheinungen anlässlich der Frankfurter Buchmesse zu sein. Auch wenn die deutschsprachigen Verlage insgesamt ein recht großes Themenspektrum bei ihren Übersetzungen argentinischer Literatur anbieten, scheinen Erinnerung und die Schicksale im Folterkeller geborener Kinder die Themen zu sein, die gut auf dem Buchmarkt platziert werden können.
So erschienen auf Deutsch neben den hier besprochenen Büchern beispielsweise noch Sara Rosenbergs Gegenlicht, Sittenlehre von Martin Kohan oder Purgatorio des im Januar dieses Jahres verstorbenen Tomás Eloy Martínez, über eine Frau, die versucht, ihren während der Diktatur verschwundenen Mann herbeizulieben. Auch Alle Menschen lügen von Alberto Manguel, Die unterirdische Schlacht von Rodolfo Enrique Fogwill sowie Norma Huidobros Der verlorene Ort drehen sich um die Zeit der Diktatur. Das Buch Paula, Du bist Laura! präsentiert acht Einzelschicksale von Kindern Verschwundener.
Heute sind diese Kinder, die während der Diktatur aufwuchsen oder geboren wurden, Mitte dreißig und erheben selbst das Wort. In den 1990er und den frühen 2000er Jahren hatte die „Generation der Kinder“ vor allem mit filmischen und audiovisuellen Mitteln ihre Versionen der Vergangenheit präsentiert. Seit einigen Jahren widmen sich junge SchriftstellerInnen nun auch verstärkt der literarischen Verarbeitung ihrer Erinnerung.
Eine von ihnen ist Laura Alcoba, die nach der Flucht ihrer Mutter im Exil in Frankreich aufgewachsen ist, wo sie bis heute lebt. In ihrer autobiographischen Erzählung Das Kaninchenhaus schildert sie ihre Erinnerungen an ihre „argentinische Kindheit“ im La Plata der 1970er Jahre. 1975 gingen Lauras Eltern, beide Mitglieder in der linksperonistischen Vereinigung Montoneros, in der sich zuspitzenden politischen Situation in den Untergrund.
Als ihr Vater verhaftet wird, zieht sie zusammen mit ihrer Mutter, Cacho und seiner schwangeren Frau Diana, zwei weiteren Mitgliedern der Organisation, in ein Haus, in dem eine geheime Druckerei der Montoneros untergebracht werden soll. Zur Tarnung wird eine Kaninchenzucht eingerichtet und hinter einer doppelten Wand die Druckerpresse untergebracht.
Der Alltag des damals siebenjährigen Mädchens verändert sich schlagartig. Sie muss lernen, wichtige Sicherheitsvorkehrungen einzuhalten, zum Beispiel nicht ihren richtigen Namen oder ihre Adresse zu nennen. Gewissenhaft und ernst bleut sich das kleine Mädchen diese neuen Regeln der Erwachsenenwelt ein. Nur keinen Fehler machen, der alle verraten könnte.
In dem von Angelica Ammar hervorragend übersetzten Buch – Laura Alcoba verfasste es auf Französisch unter dem Originaltitel Manèges. Petite histoire argentine –, schildert Alcoba diese Sicht durch Kinderaugen und den Versuch, trotz der allseits herrschenden Angst eine Art Normalität aufzubauen. In ihrem Bericht, der an den dokumentarischen Stil eines Erich Hackl erinnert, sind es vor allem die kleinen Details und Anekdoten, die verdeutlichen, was es für ein Kind bedeutete, in den Jahren der Diktatur groß zu werden.
Zum Beispiel folgende Szene: Nach einigen Monaten im Untergrund kommt Laura zu ihren Großeltern väterlicherseits, um mit ihnen ihren Vater im Gefängnis zu besuchen. Ihre Hündin Tula begrüßt sie stürmisch, voller Freude, sie wieder zu sehen. Laura bemerkt mehr trocken als verwundert: „Es ist komisch, aber sie hat mich wiedererkannt. Als wäre ich immer noch dieselbe.“
Der Autorin gelingt es, den LeserInnen viel vom Schrecken der Zeit nahe zu bringen, ohne direkt einen Roman über Gewalt, Folter, Verschwindenlassen und Mord verfasst zu haben. Und zu zeigen, dass eben nichts mehr normal war, in dieser Zeit, sondern alles anders – vor allem für ein Kind.
Im neuen Roman von María Teresa Andruetto geht es hingegen um die Perspektive einer Mutter. Der Roman Wer war Eva Mondino? ist die Annäherung an eine Frau, die während der Militärdiktatur inhaftiert, gefoltert und ihres Kindes beraubt wurde. Er ist das Porträt einer gebrochenen Frau, die viel erlitten hat, aber auch nicht nur Opfer war und die trotzdem oder gerade deswegen überlebt hat.
Einige Zeit nachdem Evas erster Mann Aldo Banegas verschwand, wurde auch sie verhaftet und in das geheime Folterzentrum Campo de la Ribera gebracht. Auf Druck eines angesehenen Professors, der sich für sie einsetzt, wird sie jedoch wieder frei gelassen. Eine zweifelhafte Freiheit, denn im Gegenzug darf sie ihr Haus nicht mehr verlassen und wird gezwungen, mit den Militärs zu kollaborieren.
Wer war Eva Mondino? ist in Form eines Tatsachenberichts geschrieben, den der Erzähler für einen unbekannten Auftraggeber verfasst. Der Verfasser trägt darin die Aussagen verschiedener InterviewpartnerInnen über „besagte Frau“ zusammen, um ein möglichst wahrheitsgetreues, objektives Bild von ihr zu zeichnen. Doch was die Vergangenheit der titelgebenden Person aufhellen soll, verwischt die Fakten immer mehr. In den Worten des Verfassers: „Das größte Hindernis, mit dem ich mich konfrontiert sehe, ist die Feststellung, dass eine Person in Wirklichkeit viele ist […], sodass der Eindruck entstehen könnte, es wäre nicht die Rede von ein und derselben Person. Mehr noch, der Verfasser dieses Berichts tendiert zu der Aussage, dass es so viele Evas wie Zeugen gibt […].“ Und natürlich ist auch der Verfasser selber nicht objektiv.
Jeder und jede Befragte hat ihre ganz eigene Sicht auf die Dinge, und doch entsteht aus diesem Kaleidoskop der Erinnerungen das Bild einer sehr menschlichen, mutigen Frau. Deutlich wird aber auch, wie Erinnerung funktioniert – dass sie eben nicht die Wahrheit von etwas Vergangenem wiedergibt, sondern aus der Gegenwart heraus konstruiert und dem Vergangenem neue Bedeutungen verleiht.
Das, was Eva wirklich tat und was sich tatsächlich ereignete, bleibt in dem Bericht meist im Nebel. Welche Rolle beispielsweise ihr zweiter Mann – den Eva noch während der Diktatur kennen lernt, heiratet und von dem sie sich wieder scheiden lässt – in eben jenem Campo de la Ribera gespielt hat, wird nur angedeutet. Klar ist nur, dass Eva nach dem Ende der Diktatur für diese Ehe als Verräterin verachtet wird. Und auch ob und warum sie zuvor mit dem Professor, der sie gerettet hat, geschlafen hatte, wird nie ganz deutlich – je nachdem, wer befragt wird, tat sie es, weil sie sich immer die Männer nahm, die sie wollte, weil ihr nichts anderes übrig blieb, der Professor sie bedrängte oder um etwas über ihren verschwundenen Mann herauszufinden.
Genauso gibt es diejenigen, die sich sicher sind, dass das Kind, das sie erwartete, von eben jenem Professor war und nicht von Aldo Banegas. Und es gibt auch die, die sogar bezweifeln, ob sie überhaupt schwanger war. In diesem Reigen aus Verachtung, übler Nachrede, glühender Verehrung und treuer Verbundenheit entfaltet sich das Bild einer Gesellschaft zwischen sozialem Engagement und Kollaboration, zwischen Mitläufertum, Verrat und Standhaftigkeit. Eva selbst thront derweil über all diesen Dingen. Sie ist trotz allem, was ihr widerfahren ist, ein glücklicher Mensch, froh, „diese Hölle lebend verlassen“ zu haben.
Um einen Überlebenden geht es auch in Martín Caparrós‘ Roman Wir haben uns geirrt. Doch anders als Eva plagt den Protagonisten Carlos hier das schlechte Gewissen überlebt zu haben. Caparrós setzt sich in seinem Roman mit dem bewaffneten Kampf der 1970er Jahre auseinander. Ich-Erzähler Carlos rechnet scharfzüngig mit der Vergangenheit – seiner eigenen, der seiner Generation und der des Landes – ab.
Zunächst nimmt sich Carlos im Gespräch mit seinem alten Freund Juanjo, später auch mit weiteren Mitstreitern von früher, die Ideale seiner Generation vor – große Themen wie Scheitern, Niederlage, bewaffneter Kampf, Märtyrer, Heldentum werden dabei abgehandelt. Kühl und sarkastisch stellt Carlos fest, dass sie „blind“ gewesen seien und ihr Aktionismus zum Scheitern verurteilt. Schlimmer noch, ihr Kampf habe ein ärmeres und gespalteneres Argentinien hinterlassen als das, für das sie gekämpft hätten.
Gleichzeitig äußert sich Carlos abfällig über die neuen Generationen, denen in seinen Augen jeglicher Glaube an Veränderung fehlt. Anstatt etwas Mut aufzubringen, wollten die jungen Leute seiner Ansicht nach nur konsumieren und dem schönen Leben frönen. Hieraus spricht, wie sehr Carlos entgegen seinen Beteuerungen noch mit den Idealen von früher verbunden ist. Und wie sehr er mit sich selbst hadert, zu denjenigen zu gehören, die überlebt haben.
Jeden Donnerstag streitet Carlos mit Valeria, seiner 30 Jahre jüngeren Geliebten, über den bewaffneten Kampf und das Töten. Valeria stellt Fragen, und Carlos gibt keine oder nur unwillig Antworten. Er belächelt Valeria überheblich als Teil der oben beschriebenen Generation; und doch weiß er, dass ihre Fragen wie feine Nadelstiche an den richtigen Stellen ansetzen. Im Grunde sind es genau diese Machtkämpfe, die er sich mit ihr liefert, in denen er wie durch einen Spiegel am meisten über sich selbst herausfindet.
Sein Leben wurde in den letzten dreißig Jahren von der Erinnerung an seine verschwundene Frau und dem Versuch beherrscht, sie zu vergessen. Carlos hat sich sein Nicht-Wissen-Wollen hart erarbeitet, um die eigene Niederlage, den eigenen Irrtum – zu glauben, das Land retten zu können – zu verkraften. Durch die Konfrontation mit dem eigenen Tod, der durch eine unheilbare Krankheit in unmittelbare Nähe rückt, reift in Carlos schließlich der Entschluss, doch noch wissen zu wollen, was damals wirklich mit Estela geschah.
Juanjo, der inzwischen für die Regierung arbeitet und dort einen einflussreichen Posten inne hat, vermittelt ihm ein Gespräch mit einem bereuenden Schergen der Diktatur. Dadurch nimmt Carlos die Spur von Pater Augusto auf, der als Geistlicher in dem geheimen Folterzentrum, in dem sich Estelas Spur verliert, das Quälen und Töten der Gefangenen absegnete. Da er eh nichts mehr zu verlieren hat, beschließt Carlos, dass der Priester in Vertretung für all die anderen Verantwortlichen sterben muss.
Doch das Gedankenspiel mit der Rache wird für Carlos wichtiger als die Rache selbst. Immer wieder stellt er sich vor, wie und wo er ihn töten könnte und ersinnt so den perfekten Mord. Bis hierin sprachlich brilliant und bissig erzählt, stolpert Wir haben uns geirrt gegen Ende etwas unbeholfen in das Format eines Kriminalromans hinein. Und wird dabei ein wenig ausschweifend und langatmig. Im Großen und Ganzen jedoch gelingt es Martín Caparrós auf vortreffliche Weise, sich der eigenen Vergangenheit zu stellen und 36 Jahre „danach“ nicht nur über die Verbrechen der anderen, sondern auch die eigenen Fehler zu reflektieren.
Die vier hier besprochenen Romane über die Diktatur unterscheiden sich sehr in Form und Inhalt. Auch die Ausgangspunkte der Annäherung an die Vergangenheit sind verschieden. Und doch zeigen alle, wie nachhaltig die kollektive Gewalterfahrung der letzten Militärdiktatur die argentinische Gesellschaft beeinflusst.

Laura Alcoba // Das Kaninchenhaus // Roman // Aus dem Französischen von Angelica Ammar // Insel Verlag // Berlin 2010 // 118 Seiten // 14,90 Euro // www.suhrkamp.de
María Teresa Andruetto // Wer war Eva Mondino? // Roman // Aus dem Spanischen von Susanna Mende // Rotpunktverlag // Zürich 2010 // 140 Seiten // 16 Euro // www.rotpunktverlag.ch
Martín Caparrós // Wir haben uns geirrt // Roman // Aus dem Spanischen von Susanne Giersberg // Berlin Verlag // Berlin 2010 // 336 Seiten // 22 Euro // www.berlinverlag.de
Carlos María Domínguez // Die Blinde Küste // Roman // Aus dem Spanischen von Susanne Lange // Suhrkamp Verlag // Berlin 2010 // 137 Seiten // 15,90 Euro // www.suhrkamp.de

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