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Havanna mi amor

Auf einer Schubkarre wird ein frisch reparierter Fernseher sowjetischer Bauart durch die Straßen von Havanna gekarrt. Die Techniker der Reparaturwerkstatt im Herzen der Altstadt bringen sie alle wieder zum Laufen. Die Kamera blickt ihnen über die Schultern, wie sie am offenen Gehäuse operieren, während über die Mattscheiben schon wieder in weißgesprenkelten Bildern das staatliche Fernsehprogramm flimmert. Gerade wird der Start einer neuen kubanischen Telenovela angekündigt. Nebenbei tröstet der Mechaniker eine besorgte Kundin: „Jetzt läuft er, bis er wieder kaputt geht.“
„Havanna mi amor“ von Uli Gaulke ist ein Film über Liebe, Sex und Telenovelas im heutigen Kuba – und über das alltägliche Durchwurschteln im realexistierenden Sozialismus. Gaulke weiß, wovon er redet, denn er ist in der DDR aufgewachsen. Den jungen Regisseur, der bereits vorher auf Kuba einen Dokumentarfilm mit dem Titel „Wer ist der Letzte?“ gedreht hat, fasziniert es, daß auf der Karibikinsel bestimmte Dinge ganz ähnlich laufen wie früher im Osten: „Diese kleinen Kämpfe ums Glück; die Improvisation, all diese Dinge, die mit den Fernsehern zu tun hatten, die kannte ich ja – zum Beispiel das Ringen um die letzten technischen Geräte, weil es ja keine neuen gibt. Auch wenn es sehr weit weg ist und die Mentalität sehr anders, fühlte ich mich dort ein Stück weit wieder zu Hause“, meint Gaulke in einem Interview.
Leider findet „Havanna, mi amor“ auf der Suche nach den alltäglichen Details nie seinen Fokus, sondern schwenkt etwas konzeptlos zwischen verschiedenen Schauplätzen und Personen hin und her. Mal wird minutenlang über die Tücken der klapprigen Fernseher gesprochen. Dann wieder legt eine auf elegant getrimmte Friseuse inmitten der Spiegel und Drehstühle ihres Salons einen Tanz aufs Parkett. Oder zwei junge Frauen wirbeln zuhause herum. Da wippen die Hüften, da funkeln die Augen unter einem Haupt voller Lockenwickler.– so spontan und lebenslustig sind sie wohl, die Cubanas.
Das verbindende Element der verschiedenen Geschichten ist die Telenovela kubanischer Bauart. Immer wieder sehen wir Sequenzen über die Mattscheiben verschiedener Haushalte flimmern. Oft werden die Leute dann aus dem Off nach ihrer Meinung gefragt. Nein, für besonders realistisch halten sie die Telenovela nicht, meint ein jüngeres Paar, das vom Bett aus in die Röhre schaut. Trotzdem zieht es sie immer wieder abends vor die Glotze… Sie erzählen vom Leben und von der Liebe in Havanna, den Leuten, denen Uli Gaulke und sein Team zu Leibe rücken. Da meinen mehrere interviewte Frauen, sie würden lieber auf einen Mann verzichten, als einen auf der Pelle zu haben, den sie dann noch mit versorgen müssen. „Das wichtigste ist, daß sie einen nicht mißhandeln“, meint die junge Frau und erzählt davon, wie sehr ihr Ex-Freund sich immer verändert, wenn er zu viel Rum gesoffen hat…
Einerseits ist das Bild, das „Havanna mi amor“ von den real existierenden Geschlechterverhältnissen zeichnet, schonungslos realistisch. Den süßlichen Bildern der Seifenopern werden Geschichten aus dem wirklichen Leben entgegen gehalten, die alles andere als geschönt sind. Und neben der morbid-romantischen Altstadt Habana Vieja kommt auch die eine oder andere schnöde Plattenbausiedlung ins Bild. So weit, so gut von der Grundidee her, die schöne neue Welt der Telenovelas mit den Schlaglöchern des Alltags zu konfrontieren. Trotzdem entsteht, von wenigen Momenten abgesehen, keine erzählerische Dichte. Liegt es daran, daß Gaulke, des Spanischen offenbar nicht mächtig, nur über eine Übersetzerin mit den Leuten kommuniziert und deshalb an entscheidenden Stellen nicht nachhaken und in die Tiefe gehen kann? Jedenfalls hören wir permanent eine Frauenstimme, die aus dem Off die Fragen stellt. Hat der Regisseur vor Ort nur die Mikrophonangel gehalten?
Es ist tatsächlich nicht leicht, über ganz alltägliche Leute Geschichten zu erzählen, die unspektakulär und nicht voyeuristisch, aber trotzdem berührend und spannend sind. Dafür braucht man eine gewisse Mischung aus Fingerspitzengefühl und der Unverfrorenheit, an entscheidenen Punkten nachzuhaken und den Interviewten auch innerlich nahe zu treten. Und man braucht eine innere Leidenschaft oder zumindest ein präzises Erkenntnisinteresse, um zu wissen, worauf man mit dem ganzen Film hinaus will. Eine, die dies zum Beispiel wundervoll beherrscht, ist die gebürtige Peruanerin Heddy Honigmann: Ihr Dokumentarfilm „Metal y melancolía“ (Metall und Melancholie) ist ein packendes Gruppenporträt der unterschiedlichsten Leute, die sich in den Zeiten der Wirtschaftsmisere und der politischen Agonie als Taxifahrer in Lima durchs Leben schlagen. In „Amor natural“ bringt sie alte und uralte Leute in Rio de Janeiro dazu, über Liebe und Sex und die erotischen Verse des Nationaldichters Carlos Drummond de Andrade zu plaudern (Vgl. LN 284) Ganz gleich, ob Telenovelas, Taxifahrten oder Gedichtbände der Aufhänger sind: entscheidend ist immer, ob es gelingt, sich nicht zu sehr ans jeweilige Vehikel zu klammern und eine Nähe zu den Interviewten herzustellen.
In „Havanna mi amor“ wird immer, wenn mal wieder der rote Faden entgleitet, ein Mann mit ‘ner Glotze auf einer Schubkarre oder einem Fahrrad losgeschickt. Unterlegt von den alten kubanischen Boleros, die zur Zeit so in sind, werden dieselben Strecken in Havanna abgefahren, die wir schon aus diversen anderen Filmen zu kennen glauben. „Havanna mi amor“ krankt an dem, was man in Anspielung auf „Buena Vista Social Club“ als das Wim Wenders- und Ry Cooder-Syndrom bezeichnen könnte: Da fliegen Musiker und Regisseure ein und halten, ohne die Sprache zu können oder sich halbwegs akklimatisiert zu haben, die Kamera drauf. Der Erfolg von Filmen wie „Buena Vista Social Club“ scheint ihnen recht zu geben in der Annahme, daß der morbide Schauwert der Altstadt von Havanna und ihrer quirligen BewohnerInnen derzeit offenbar ausreicht, um in Deutschland die Kassen klingen zu lassen. Erstaundlich ist allerdings, daß das ansonsten eher progressive und auf neue Ideen ausgerichtete „Internationale Forum des Jungen Films“ der Berlinale einen solchen Streifen akzeptiert.
Kinder, die mit Schrottteilen spielen, Friseusen in Shorts und Lockenwicklern, Fernsehmechaniker, die nach Feierabend ihren Beziehungsfrust mit einer Ladung Alk am Kneipentresen begießen: Es wäre interessant zu wissen, ob das Drehteam von „Havanna mi amor“ sich mit der gleichen Begeisterung aufmachen würde, um ähnliche Leute in Berlin-Neukölln, Marzahn, Castrop-Rauxel oder Gera zu interviewen. Und ob ein ähnlich oberflächlicher Film über das Leben und Treiben in diesen Städten auch bei der Berlinale akzeptiert würde. – Obwohl: „Neukölln mi amor“ oder „Marzahn para siempre“ – klingt eigentlich nicht schlecht.

„Havann mi amor“; Regie: Uli Gaulke; Deutschland 2000; Farbe, 80 Minuten

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