«

»

Artikel drucken

„Ich habe hart dafür gekämpft, nicht ‘die Frau von…’ zu sein.“

Mit dem formalen Friedensschluß im Dezember 1996 beendete die Guerilla URNG den bewaffneten Kampf, ließ ihre Einheiten entwaffnen und transformierte sich zu einer politischen Partei. Ihre Stiftung Guillermo Toriello unterstützt die Wiedereingliederung der ehemaligen KämpferInnen ins zivile Leben. Die „Gender-Abteilung“ der Stiftung fördert vor allem Frauenkooperativen demobilisierter Guerilla-Aktivistinnen. Die Frauen und insbesondere die indigenen weiblichen ex-combatientes sind heute mit den größten Schwierigkeiten bei ihrer „Rückkehr ins zivile Leben“ konfrontiert.
Die vagen und sporadischen Ansätze zur Aufhebung der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung und der ethnischen Hierarchisierung, die sich innerhalb der Guerilla-Einheiten in der Situation des Krieges entwickelten, drohen im aktuellen „Demokratisierungs- und Friedensprozeß“ in einer nach wie vor extrem patriarchal und rassistisch strukturierten Gesellschaft wieder in Vergessenheit zu geraten. Auch mehr als zwei Jahre nach dem Friedensschluß ist die Bereitschaft vieler ehemaliger URNG-Kämpferinnen begrenzt, offen über ihre persönlichen oder kollektiven Lebenserfahrungen zu sprechen. Noch immer drohen ihnen politische – vor allem sexistische – Ressentiments. Indigene Frauen, die feministische Aspekte in die erstarkende indigene Mobilisierung – die Mayabewegung – einbringen, werden häufig als „verwestlichte“ Verräterinnen angesehen. Zudem prägt ein tiefsitzendes gegenseitiges Mißtrauen das Verhältnis zwischen den Frauen innerhalb der URNG und Feministinnen, von denen viele die bewaffneten Bewegungen verlassen haben.

Welchen Platz nehmen die Frauen ein?

Die Soziologin Norma Chinchilla umschreibt in einem Text über „Frauen im revolutionären Prozeß Guatemalas“ die politischen Grundpfeiler der guatemaltekischen Guerilla: „Das revolutionäre Projekt in Guatemala teilte mit anderen revolutionären Bewegungen der Region den theoretischen und politischen Einfluß des Marxismus, des Guevarismus und der Theologie der Befreiung.“ Dem entsprechend dominierte die Klassenfrage den theoretischen Überbau und die politische Praxis. Für andere Widersprüche, wie Patriarchat und Ethnizität blieb sehr wenig Raum. Die URNG wies sich, Chinchilla zufolge, außerdem durch eine hartnäckige Homophobie aus. Auch zur Mutterschaft habe sie keine kohärente Politik entwickelt.
Der Widerstand der herrschenden rigide-konservativen Agraroligarchie gegen jedwede Reform verstärkte den Radikalismus der guatemaltekischen Revolutionäre. Die URNG versteifte sich zunehmend auf die Notwendigkeit einer Revolution des Proletariats und des „verarmten Bauern“. Ein Revolutionsgedanke, der keinen Raum für Bündnisse mit der Mittelschicht ließ. Diese Vision erschwerte alle Gedanken an die Unterdrückung der Frau als klassenübergreifendes Phänomen.

Flucht aus dem Patriarchat

Amanda Carrera, die seit Ende der 70er Jahre in der URNG aktiv ist und heute die Gender-Abteilung der Stiftung Guillermo Toriello leitet, ist der Ansicht, daß die Mehrheit der Frauen, die sich dem bewaffneten Kampf anschlossen, bereits über ein Geschlechterbewußtsein verfügten: „Auch wenn die erste Idee vieler Genossinnen war ‘Geh kämpfen und tu, was du kannst, für dein Volk’, fühlten sie sich in der extrem patriarchal geprägten guatemaltekischen Gesellschaft so unterdrückt, daß sie in den revolutionären Organisationen erstmals die Möglichkeit zu einer gleichberechtigteren Diskussion und Partizipation sahen.“ Eine ehemalige Guerillera stellt rückblickend fest: „Es war das erste Mal, daß ich auf gleichberechtigter Ebene direkt mit Männern reden konnte….“ Viele indigene Frauen flohen wegen erlittener sexueller Gewalt, einer Zwangsehe oder erdrückender staatlicher beziehungsweise paramilitärischer Repression aus ihren Familien und schlossen sich der Guerilla an.
Carrera reflektiert die unterschiedlichen sozialen Ausgangssituationen der mestizischen und indigenen Genossinnen: „Ich hatte immer ein sehr unabhängiges Leben und konnte studieren. Deshalb hat mich die Entscheidung, zur Guerilla zu gehen, persönlich nicht so sehr in meinem Leben beeinflußt. Aber für die meisten indigenen Frauen bedeutete diese Entscheidung einen Bruch mit ihrem bisherigen Leben. Viele der indigenen Frauen haben diesen Schritt deshalb nicht getan. Nicht weil sie nicht wollten, sondern weil sie nicht konnten. Die meisten indigenen Frauen waren sehr jung und konnten weder lesen noch schreiben noch Spanisch sprechen, als sie zu uns kamen. Keine einzige indigene Frau meines Alters kam zum bewaffneten Kampf. Die meisten von ihnen waren zwischen 15 und 17 Jahre alt.“

Kampf um Gleichberechtigung

Viele Frauen sprechen von einer anderen Art der sozialen Hierarchie, die sich innerhalb der Guerilla formierte. Diese Hierarchie basierte nicht notwendigerweise auf der realen sozialen Hierarchie in der Gesellschaft, sondern auf der Tatsache, daß einige Frauen zu Geliebten von Funktionären wurden und deshalb bestimmte Privilegien genossen. Diese Privilegien wurden vor allem im Falle einer Schwangerschaft sichtbar. Kämpferinnen, die ihre Kinder in einem Guerilla-Lager zur Welt brachten, konnten sofort das Land verlassen und verbrachten ihre Mutterschaft aufgrund der Unterstützung durch die Organisation mit mehr Annehmlichkeiten, als andere Frauen. Diese fühlten sich zudem im Stich gelassen, wenn sie die Berge verlassen mußten, um ihre Kinder zu versorgen. Oft ließ die Organisation sie nicht mehr in die kämpfenden Einheiten zurückkehren.
Eine Aktivistin erklärt verbittert: „Ich habe sehr hart dafür gekämpft, nicht wie früher die ‘Frau von…’ zu sein. In der Guerilla der 60er Jahre waren alle Frauen ‘die Frau von…’, aber ich dachte, daß es in dieser Revolution möglich sei, für meinen persönlichen Wert anerkannt zu werden“.
Insgesamt ist das Thema Sexualität in der Guerilla nach wie vor ein Tabu. Chinchilla, die seit mehr als zehn Jahren mit guatemaltekischen Frauengruppen zusammen arbeitet und Dutzende von Gesprächen mit ehemaligen Kämpferinnen führte, schreibt jedoch, daß vor allem einige der jüngeren Frauen es als sehr angenehm empfanden, eine Minderheit in der Guerilla darzustellen. Eine der interviewten Frauen berichtet: „Ich hatte verschiedene Männer, im Gegensatz zu früher, als einer meinen Vater um meine Hand bitten mußte. Ich konnte mit den Männern spielen und entscheiden, wann ich mit wem zusammen sein wollte.“

Guerilleros an den Herd

Chinchilla befragte die Guerilleras auch zum Problem der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung und kommt zu dem Schluß: „Die meisten Frauen bestehen auf der Feststellung, daß alle anfallenden Arbeiten in den Lager der Guerilla unterschiedslos von Männern und Frauen ausgeführt wurden: die Männer mußten beispielsweise kochen lernen.
Die Situation in den klandestinen Wohnungen der Stadt stellte sich hingegen anders dar. Hier war eine gleichberechtigte Arbeitsteilung schwerer durchzusetzen. Legitimiert durch das Argument der Sicherheit war es beispielsweise üblich, die traditionellen Geschlechterrollen beim Auftreten in der Öffentlichkeit, im Haus und in der Organisation zumindest als Fassade aufrecht zu erhalten, um nicht aufzufallen. „Eine Aktivistin, die vielleicht einen höheren Rang einnahm, als der Mann, mußte als seine Ehefrau auftreten, die Einkäufe und die ganzen anderen Hausarbeiten erledigen, weil man nicht auffallen wollte.“ Aber auch die ethnische Hierarchisierung mußte in der Stadt, laut Chinchilla, aus „Schutz“ aufrecht erhalten werden: „Eine indigene Frau mußte sich wie eine Bedienstete verhalten, auch wenn eigentlich sie für das Haus verantwortlich war.“

Solidarität unter Frauen

Verläßliche Informationen über den Anteil von Frauen in Leitungsfunktionen der Guerillaorganisationen gibt es nicht. Chinchilla nimmt an, daß Frauen proportional weniger in höheren Positionen der Organisationen vertreten waren, als im Falle der salvadorenischen FMLN. Fest steht allerdings, daß die Mutterschaft für die Frauen das größte Hindernis darstellte, um in die höheren Ebenen der Guerilla-Hierarchie vorzudringen. Die ethnische Komplexität der guatemaltekischen Gesellschaft erschwert auch heute noch eine Solidarisierung unter Frauen. Die revolutionären Organisationen bieten die eingeschränkte Möglichkeit bestimmte Formen der Solidarität zwischen Frauen verschiedener Klassen, zwischen mestizischen und indigenen Frauen und zwischen indigenen Frauen verschiedener Sprachgemeinschaften aufzubauen. Für viele indigene Frauen war es beispielsweise ein unglaubliches Erlebnis, im Guerillalager Frauen anderer ethnischer Gruppen zu entdecken, mit denen sie nie zuvor gesprochen hatten.

Permanentlink zu diesem Beitrag: https://lateinamerika-nachrichten.de/artikel/ich-habe-hart-dafuer-gekaempft-nicht-die-frau-von-zu-sein/