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„ICH HOLE MIR DIE STRASSEN ZURÜCK“

Porträt des ermordeten Komikers Jaime Garzón Das Wandbild der M.A.L. Crew ist an einer der wichtigsten Straßen Bogotás (Fotos: M.A.L. Crew)

Sie haben beide an der Kunsthochschule in Bogotá studiert und beherrschen verschiedene Kunsttechniken. Wodurch zeichnet sich Streetart im Vergleich zu anderen Techniken aus?

Ángela Atuesta: Als Künstlerin im urbanen Raum lernst du Orte und Menschen und ihre Lebensumstände kennen. Der kreative Prozess, der eigentlich etwas sehr intimes ist, wird in die Öffentlichkeit gebracht und alle können Teil davon werden. Du kannst zum Beispiel mit Kindern zusammenarbeiten, denen sonst der Zugang zu künstlerischer Arbeit verschlossen bliebe. Streetart ist weniger elitär als die Kunst aus Museen und Galerien. Nicht alle haben die Möglichkeit, dort Cocktails zu schlürfen. Wenn du möchtest, kannst du im Schlafanzug an einem Wandbild vorbeigehen und es dir ansehen.
Camilo Alfonso: Für mich bedeutet Streetart auch immer „Reclaim your City“, ich hole mir die Straßen zurück, weil sie auch mir gehören. Vielleicht bin ich gezwungen, an einem Ort zu leben, aber ich kann ihn durch mich verändern. Das ist ein ziemlich starker Prozess, der auch mit etwas sehr kleinem anfangen kann. Außerdem ermöglicht dir Streetart, Orte kennenzulernen, die du sonst nie kennenlernen würdest. Besonders nicht in einer so fragmentierten Gesellschaft wie der kolumbianischen. Es gibt Viertel oder auch Dörfer, in die du niemals gehen würdest, wenn du nicht auf der Suche nach einer Wand wärst. Das Schöne an der Malerei ist auch, dass du nicht als Tourist kommst, in gewisser Hinsicht bist du ebenso bei der Arbeit, wie alle anderen Menschen aus der Gegend. Damit hast du einen anderen Zugang zu den Menschen, die vorbeikommen und zusehen, was du gerade tust.

Ist Streetart für Sie immer politisch, ganz unabhängig von dem, was auf der Wand künstlerisch thematisiert wird?

Ángela Atuesta: Ja, auf jeden Fall.
Camilo Alfonso: Ich denke, jede Kunst ist im Kern politisch. Wenn du dich für ein bestimmtes Bild entscheidest, schließt du alle anderen möglichen Bilder aus. Ich könnte ein iPhone malen und den Menschen weismachen, dass alles gut sei. Oder ich male ein Mädchen, das stirbt. Diese Entscheidung ist sehr politisch.

Bogotá gilt als ein Zentrum der globalen Streetart-Szene. Ist es dort möglich, ohne Repression zu sprayen oder zu malen?

Ángela Atuesta: In Bogotá haben Streetart-Künstler*innen eine sehr privilegierte Stimme, vor allem, wenn es um sozialen oder politischen Protest geht.
Camilo Alfonso: Das hat seinen Ursprung 2011. In dem Jahr wurde Diego Felipe Becerra ermordet, ein 16- jähriger Sprayer. Die Polizei hat ihn beim Sprayen erwischt, er wollte fliehen und sie haben ihm in den Rücken geschossen, als ob er ein Dieb wäre. Einige Monate später kam der Popstar Justin Bieber um ein Konzert zu geben. Anschließend ist er losgezogen, um in einer der Hauptstraßen Bogotás ein Graffiti zu malen. Die Polizei hat ihm dafür Polizeischutz gegeben. Das hat einen riesigen Protest ausgelöst und 24 Stunden lang haben hunderte Leute in den Straßen von Bogotá Graffitis gemalt. Der damalige Bürgermeister Gustavo Petro musste reagieren. Er hat mehr legale Möglichkeiten geschaffen, Finanzierungsoptionen, Ausschreibungen und vieles mehr. Dabei wird aber immer noch unterschieden zwischen Streetart und vermeintlichem Graffiti-Vandalismus. Ich finde diese Trennung totalen Mist.

Ángela Atuesta, wie ist es für Sie als Frau, Kunst im urbanen Raum zu machen? Merken Sie einen Unterschied zu den männlichen Künstlern?

Ángela Atuesta: Auf jeden Fall macht es einen Unterschied, aber das zieht sich durch alle gesellschaftlichen Bereiche. Camilo zum Beispiel kann super entspannt nach drei Uhr nachts in den Straßen unterwegs sein und malen, für Frauen ist das viel gefährlicher. Er hat sehr viele Freiheiten, dafür hasse ich ihn (lacht).

Die Wand, das Viertel und Jaime Das Wandbild wurde seit 2012 mehrmals umgestaltet

Sie haben gemeinsam in dem Künstler*innenkollektiv M.A.L. Crew gemalt, aber auch unabhängig voneinander. Sie waren auch schon in verschiedenen Regionen der Welt. Welches war das Projekt, das Ihnen am meisten bedeutet hat?

Ángela Atuesta: Das Wandbild von Jaime Garzón, einem Komiker, der 1999 in Kolumbien ermordet wurde, war das beste, was wir bisher gemacht haben.
Camilo Alfonso: Ja, definitiv. Die erste Version des Wandbildes haben wir 2012 in zwei Tagen gemalt, an einer 300 Meter langen Wand, an der Calle 26, einer der wichtigsten Straßen von Bogotá. Wir hatten keine Genehmigung. Neben das Porträt von Jaime Garzón haben wir „País de mierda” (Scheißland) geschrieben. Das hatte ein Nachrichtensprecher im Fernsehen gesagt, nachdem er über die Ermordung von Jaime informierte.
Ángela Atuesta: Über die Jahre wurde das Bild von der M.A.L Crew mehrmals umgestaltet und Jaime in verschiedenen Facetten gezeigt. 2017 das bisher letzte Mal. Ich habe dieses Projekt koordiniert.

Warum haben Sie sich gerade mit Jaime Garzón so intensiv beschäftigt?

Camilo Alfonso: Jaime Garzón war eine wichtige politische Person in Kolumbien. Er hatte verschiedene politische Ämter inne, hat dann aber beschlossen, als Komiker aktiv zu werden.
Ángela Atuesta: Verkleidet interviewte er Politiker und konfrontierte sie direkt. Er sagte die Wahrheit. Er wurde in Bogotá ermordet, nachdem er mehrere Morddrohungen erhalten hatte. Er wusste, dass er sterben würde.

Camilo Alfonso: Wir waren damals noch Kinder und verstanden nicht alle seiner Witze und Anspielungen. Aber wir haben gemerkt, dass er etwas zu sagen hatte, etwas, was die Menschen bewegte.
Ángela Atuesta: Über der Wand war inzwischen eine riesige Werbetafel der Partei Centro Democrático, darauf stand: „El Centro Democrático es confianza“ („Das Centro Democrático bedeutet Vertrauen“). Die Partei sieht sich in der Tradition des ultra-rechten Ex-Präsidenten Álvaro Uribe. Viele werfen Mitgliedern der Partei vor, den Mord an Jaime Garzón in Auftrag gegeben zu haben. Wir haben erst überlegt, ob wir es irgendwie übermalen können, denn es befand sich direkt über dem Gesicht von Jaime Garzón, mit einem Gesichtsausdruck, der sagen könnte: „Das ist eine Lüge“. Wir haben überlegt, woher wir die längste Teleskopstange der Welt bekommen, um die Werbetafel zu übermalen. Dann kam ein Freund und hat mit einer Drohne ein Foto vom Plakat und dem Wandbild gemacht…

Camilo Alfonso: Das Foto ging ziemlich viral. Alle möglichen Medien wollten mit uns sprechen, es war ein echter medialer Knall und hat viele Diskussionen angestoßen.
Ángela Atuesta: Aber das Schönste und Überraschendste war…
Camilo Alfonso: …dass nach zwei Tagen das Centro Democrático die Werbetafel entfernen ließ, weil sie festgestellt haben, dass sie dort definitiv keine gute Werbung für sich machen.
Ángela Atuesta: Damit mussten wir auch nicht mehr die längste Teleskopstange der Welt finden. Es ist einfach nur zynisch, dass eine Partei, die absolut nicht vertrauenswürdig ist, sich ein solches Motto gibt. Die sollen uns nicht verarschen. Wir haben aber etwas Metaphorisches und Poetisches daraus gemacht. Es war eine ziemlich krasse Aktion, und das ganz ohne Gewalt.

Sie haben aktuell in Berlin gemeinsam ein Wandbild gestaltet, das Berta Cáceres und Marielle Franco gedenkt…

Camilo Alfonso: Ángela und ich haben das Wandbild gemeinsam mit Soma, einer anderen kolumbianischen Künstlerin, gestaltet. Zusammen haben wir eine visuelle Sprache entwickelt, die das komplexe Thema in ein Bild bringt. Es ist eine Collage, die aus mehreren Schichten besteht und verschiedene Facetten zeigt: Den Kampf der beiden Frauen und die Interessen, die sich ihnen entgegenstellen. Die gemeinsame Reflexion hat uns ermöglicht etwas zu entwickeln, was wir alleine niemals hinbekommen hätten.
Ángela Atuesta: Ich hatte das Glück, mit einer Gruppe Wandbild-Künstler*innen nach Honduras zu reisen, dort habe ich festgestellt, dass Berta überall extrem präsent ist. Sie war eine kämpferische, starke und einzigartige Frau, man kann sie in ihrer Wirkung mit Jaime Garzón in Kolumbien vergleichen. Sie haben sich beide hingestellt und „Nein!“ zu den bestehenden Verhältnissen gesagt. Genau wie Marielle Franco.

 

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