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In achtzig Romanen um die Welt

Stell dir vor, du bist jung, du lebst in einer Großstadt, in einer riesigen, lauten und unüberschaubaren Metropole wie Mexiko D.F. Erlebnishungrig wie du bist, machst du deine ersten Experimente mit Drogen und mit Sex, bist ein wenig enttäuscht von den Ergebnissen: etwas lau, das „wahre“ Leben, auf jeden Fall ganz anders, als du es dir vorgestellt hast – nichts kickt so sehr wie die Literatur, der Spiegel der möglichen Welten.
Nicht nur von dieser, aber von dieser Überzeugung insbesonders sind die Hauptfiguren in Roberto Bolaños Roman Die Wilden Detektive besessen: Sie sind eine Gruppe jugendlicher Bohemiens, die alle das Zeug zu großartigen Antihelden haben, Literaturfreaks, die nicht einmal unter der Dusche mit dem Lesen aufhören. Der Autor hat ihre Obsessionen, die ihm, wie zu vermuten ist, allzu vertraut sind, durch gekonnte Übertreibungen immer wieder ironisch auf die Spitze getrieben.
Einer von ihnen ist Juan García Madero, der sich stolz der jüngste Vertreter des „viszeralen Realismus” nennen darf, eine fiktive literarische Bewegung, welche die mexikanische Neoavantgarde der 60er Jahre karikiert. Übersetzen könnte man den Namen dieser zwar erfundenen, aber nicht weniger glaubhaften Literaturströmung mit „Eingeweide-Realismus“, ein Realismus, der so weit geht in seiner Präzision, dass er die Innereien der Dinge hervortreten lässt, womit der Gestus der bilderstürmerischen Avantgardisten parodiert wird, die für sich proklamieren, eine neuartige Sicht auf die Welt zu etablieren.
Nachdem der Jüngling am eigenen Leibe erfahren hat, wie seine Lektüreerfahrungen zur geschlechtlichen Liebe der schnöden Realität nicht stand halten – der sprichwörtliche Desillusionseffekt – macht er sich auf die Suche nach Gleichgesinnten. In seinem Umfeld versteht ihn schon längst niemand mehr, er wird ein Außenseiter, ein Dichter. Juan fängt an, sich abgefahrene Romane und Gedichte zu besorgen, Texte auf Französisch und auf Englisch zu lesen – Sprachen, die er nur halb oder gar nicht verstehst. Seine Bewunderung schlägt allein Autoren wie Michel Bulteau und Ezra Pound entgegen, von denen er gehört hat, dass sie zur Avantgarde zu zählen sind. Für die renommierten lateinamerikanischen DichterInnen wie Octavio Paz und Pablo Neruda hat er nur Spott übrig. So entwickelt er ein Faible für das Abseitige. Passend dazu lernt der Siebzehnjährige eine verruchte DichterInnen-Clique kennen, verbringt seine Nachmittage und Abende in vollgequalmten Cafés in der Calle Bucareli. Dort verliebt er sich in eine der Kellnerinnen, schläft mit der anderen. Nicht nur in der Liebe debütiert er, auch alles andere ist neu für ihn und unglaublich aufregend. Eigentlich hatte er seinem Onkel versprochen, ein Jurastudium anzufangen, doch stattdessen besucht er die Dichterwerkstatt von Julio César Álamo. Er ist einer der frühreifen, vorlauten Teilnehmer, die Álamo nicht besonders mag und hätte er nicht in der sechsten Sitzung die zwei Hauptdichter des viszeralen Realismus kennen gelernt und hätten sie ihn nicht gleich in ihre „Bande“ aufgenommen, wäre er heute noch einer der vielen unbedeutenden Dichter, verloren im Chaos von D.F. mit einer allzu peniblen Vorliebe für klassische Versmaße.

Erfolgslose Schriftsteller

So oder so ähnlich mag es Bolaño selbst gegangen sein, als er als Jugendlicher von Chile nach Mexiko übersiedelte. Dort wurde er Schriftsteller und nahm an einer mexikanischen Neoavantgardebewegung teil. Kurz vor dem Staatsstreich gegen Allende kehrte Bolaño, damals überzeugter Trotzkist, nach Chile zurück, wurde festgenommen und für acht Tage ins Gefängnis gesteckt. Danach ging er via Mexiko nach Spanien ins Exil, wo er heute noch lebt.
Die Figuren, die er in Die wilden Detektive beschreibt, legen ähnliche Routen zurück, auch für sie gibt es nichts Erstrebenswerteres als Schriftsteller zu sein. Anders als Bolaño, der inzwischen weltweit übersetzt und prämiert wird (Herralde Preis 1998, Rómulo- Gallego-Preis 1999), schaffen sie es jedoch nicht, aus ihren Bohème-Zirkeln auszubrechen. Aber sie machen aus der Not eine Tugend, indem sie ihre ganze Person, ihr Auftreten, ihre Aktionen zum Kunstprodukt erklären, ganz in der Tradition der Surrealisten die Grenzen von Kunst und Leben auflösend.

Odyssee der DichterInnen

Madero ist das jüngste Mitglied der DichterInnen-Clique, die anderen Realviszerealisten, das sind Ulises Lima, schon dem Namen nach ein Reisender und Arturo Belano, wie der Autor ein Exilchilene. Zusammen mit den beiden Schwestern Font, Lupe, Quim, Piel Divina und anderen bevölkern sie das pulsierende D.F. der ausgehenden 60er Jahre. Die Treffen der DichterInnen an wechselnden Orten entwerfen eine Geografie der Stadt: Akribisch werden Spaziergänge und Ausgänge verzeichnet. Das D.F. der Realviszeralisten ist eine Abfolge von Cafés, Musikkellern, Dichterwerkstätten, Dachkammern und Straßen. An diesen Stellen wird das Buch zum Roman über Mexikostadt. Die wilden Detektive ist der Roman einer Stadt, die es in dieser Form nicht mehr gibt, in dem Moment, in dem man sie lieb gewonnen hat, reißt uns Bolaño aus unserer nostalgischen Versenkung. Die DichterInnen schwirren aus, betreten Neuland, müssen sich ihren Unterhalt mit Gelegenheitsjobs verdingen, stehlen, Drogen dealen. Doch dabei verlässt sie nie ihre Obsession für die Kunst: Nächtelang diskutieren sie über Literatur und schmieden kühne Pläne für Literaturzeitschriften und Gedichtanthologien, die natürlich nie erscheinen. Und das könnte Jahre so weitergehen. Wäre da nicht der verrückte Versuch, den Ursprüngen der mexikanischen Avantgarde auf den Grund zu gehen und diesen als poetischen Akt in Szene zu setzen: Eine im Norden des Landes verschollene Dichterin, Cesarea Tinajero, angeblich die Begründerin des viszeralen Realismus, soll ausfindig gemacht werden. Nachdem sich die Freunde auf der Suche nach ihr verlieren, beginnt für Belano und Ulises eine Reise um die Welt. Ihre Odyssee führt die beiden nach Spanien, Frankreich, Rom, Tel Aviv, Wien, wieder Mexiko, Nicaragua, Angola und Liberia.

Bolaño als Detektiv

Das Interesse an ihrer Geschichte wird in erster Linie weder durch die Stationen ihrer Reise, noch durch die dortigen Erlebnisse geweckt, sondern durch die Form, wie Bolaño erzählt. Das Kunstvolle an seiner Schreibweise besteht darin, dass er wie ein Detektiv seinen Helden nachspürt. Dabei gelingt es ihm zwar immer, sich ihnen anzunähern, doch dringt er nie ganz bis zu ihnen vor. Da es zu keiner Begegnung kommt, sprechen Lima und Belano auch nie direkt zum Leser. Immer erzählt eine andere Stimme deren Geschichte. So haben wir als Leser unzählige, vielleicht achtzig ErzählerInnen vor uns. Teils erfundene Figuren, teils reale Menschen, wie der Kulturanthropologe Carlos Monsivaís oder der Schriftsteller Michel Bulteau. Jedem hat Bolaño eine eigene Stimme verpasst, sei es durch mundartliche Ausdrücke, sei es durch einen dem Charakter angepassten Wortschatz. Manche ErzählerInnen wiederholen bereits Erzähltes aus ihrer Perspektive. Soll oder kann man ihnen trauen, wenn ihnen durch andere ErzählerInnen widersprochen wird oder wenn man die innere Motivation der ErzählerInnen nachgeliefert bekommt?
Die Abenteuer Belanos und Ulises lassen sich so wie ein unvollständiges und konträres Puzzle aus den erzählten Fragmenten zusammensetzen. Gleichzeitig spiegelt sich darin die Suche jenes Dritten wieder, der die Spur der beiden anderen Jahre später verfolgt. Dieser Dritte wird zwar immer angesprochen, äußert sich aber nie selbst. Er macht die ehemaligen Gesprächspartner von Ulises Lima und Arturo Belano ausfindig und interviewt sie. So bekommt auch der der wörtlichen Rede nachgeformte Erzählfluss des Mittelteils eine plausible Erklärung. Das Ergebnis der Detektivarbeit des quasi abwesenden Erzählers: Am Ende haben alle Lima und Belano gekannt, und doch niemand ist ihnen wirklich nahe gekommen. Sie sind zwei Schatten, die längst in das Reich der Legende übergewechselt sind. So ist es nur konsequent, dass wir sie beim Lesen nie einholen, sie uns immer einen Schritt voraus, wir immer einen Zweifel hinterher sind. Am Ende gilt der eine als vermisst, der andere scheint bereits tot zu sein.

Erfundene Biografien

Schon Bolaños erster Roman, Die Naziliteratur in Amerika (1996, deutsch 1999, Hanser), hatte sich ähnlicher Mechanismen bedient. Er bestand aus einer Serie von Lexikonartikeln, vergleichbar dem ersten Erzählband, „Universalgeschichte der Niedertracht“, des von Bolaño oft als literarisches Vorbild angeführten Argentiniers Jorge Luis Borges. Wie Borges erfindet auch Bolaño falsche Biografien, allerdings bekommt die Fiktion Bolaños durch die vielfältigen Verweise auf tatsächliche historische Ereignisse und die Einbeziehung von Personen der Zeitgeschichte eine erschreckende Authentizität. Was da als Parodie auf den Literaturbetrieb gelesen werden kann, mit seinen Ausschließungsmechanismen, Aufnahmeritualen, Manifesten, Schulen, Schreibweisen, kann aber ebenso gut als Warnung vor den Untoten, den ewig gestrigen Nazi- und Diktaturschergen verstanden werden, die auch im zeitgenössischen Kulturbetrieb Lateinamerikas ihr Unwesen treiben.
Aus diesen Sammelsurien von Geschichten, Anekdoten und kurzen Plots hat Bolaño immer wieder Einzelteile gelöst, um sie in größerem Rahmen auszugestalten. War es bei Die Naziliteratur in Amerika die Geschichte des deutschstämmigen Armeepiloten Carlos Wieder, sind es in Die wilden Detektive die Erlebnisse der „Mutter der jungen mexikanischen Poesie“, Auxilio Lacouture. Die Tage, die die uruguayische Dichterin 1968 eingesperrt auf dem Klo der Universität von Mexiko verbrachte, während auf den Fluren und im Hof Sicherheitskräften ein Massaker an den aufständischen Studierenden anrichten, werden in Das Amulett (1999) noch einmal aufgegriffen. So liest sich „Die wilden Detektive“ als ein bunter Reigen vieler potenzieller Geschichten. Das Buch ist wie eine Zauberkästchen der Romanideen, aus dem immer wieder neue Bücher entstehen können. Der Autor hat diesen Fächer selbst wieder zugeklappt, für seinen neuesten, noch nicht ins deutsche übersetzten Roman, Nocturno de Chile (2000), in dem er eine Chilereise verarbeitet.
Die „Wilden Detektive“ beginnt und endet mit den Tagebucheintragungen des Juan García Maderos. „Sie haben mich eingeladen, am viszeralen Realismus teilzunehmen. Natürlich habe ich Ja gesagt. Keinerlei Initiationszeremonien. Besser so. […] Ich weiß nicht genau, was viszeraler Realismus ist.“ Der Pathos, in dem García Madero seine Aufnahme erzählt, wird durch die Tatsache konterkariert, dass er eigentlich gar nicht weiß, worum es sich dabei handelt.

Aufbruch und Abbruch

So wird bereits am Anfang Bolaños Technik deutlich, mit der er es immer wieder schafft, die LeserInnen zum Lachen zu bringen: durch den Gegensatz zwischen dem Erzählten und dem trockenen Ton, in dem er schreibt. Bolaño lässt auch kein Klischee über junge Bohemiens aus, schafft es aber gleichzeitig durch Überzeichnung und Zuspitzung diese Stereotype originell zu montieren und zu hinterfragen. In einem Gestus, der zwischen Wehmut und Abrechnung pendelt, zeichnet Bolaño mit ein paar Strichen geschickt die Dichterschicksale, in den eingefügten Einwänden, Kommentaren, Parenthesen ironisiert er sie.
Der Roman ist nicht nur ein Buch über DichterInnen, er spricht auch über die „verlorene Generation“ lateinamerikanischer Intellektueller, die von den Militärregimes ins Exil getrieben wurde. Es ist die traurige Geschichte des Zwangsaufbruchs, der den Abbruch geistiger Beziehungen, den Untergang einer Kultur bedeutete. Eine Kluft sollte sich öffnen zwischen den Daheimgebliebenen und den MigrantInnen, die, wie er in seinem Roman Nocturno de Chile aufzeigt, unüberbrückbar scheint.

Bolaño, Roberto: „Die wilden Detektive“. Hanser Verlag, München 2002, 684 Seiten, 29,90. Eur.

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