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In San Cristóbal läuten die Kirchenglocken Alarm

Im Morgengrauen des 25. Januar trafen die Priester in der Pfarrei von San Cristóbal zusammen, um gemeinsam das Tonal pohuali, den alten Kalender der Mayas zur Güte dieses Tages zu befragen, an dem Samuel Ruiz seine letzte Messe halten würde. Das Datum verriet zwölf-Blume. Drei mal vier. Vier ist die kosmische Totalität, drei steht für Vermittlung. Das Zeichen ist der Vogel Quetzal. Der, der niemals gefangen sein kann. Samuel Ruiz: der Vermittler, der Unbezähmbare.
Genauso gab er sich auch bei seiner Abschiedsfeier, an der fast 15.000 Indígenas aus den umliegenden Dörfern und über 500 Vertreter ziviler gesellschaftlicher Organisationen teilnahmen. Währenddessen blieb der Vertreter des Vatikans in Mexiko, Nuntius Justo Mullor, den Feierlichkeiten fern. Polizei und Migrationsbe-hörde waren überall present. Bei der Ankunft am Flughafen in Tuxtla Gutiérrez wurde jeder einzelne fotografiert; alle Treffen wurden gefilmt.
Mit insgesamt 44 Festnahmen von internationalen Menschen-rechtsbeobachterInnen hat die Migrationspolizei in den ersten Januarwochen schon die Höhe sämtlicher Festnahmen des letzten Jahres erreicht. Gleichzeitig sind die Indígenas Opfer einer immer stärkeren Militarisierung der Region. Übergriffe, illegale Verhaftungen, Militärpatrouillen und Überflüge von Militärmaschinen in extrem niedriger Höhe über die Dörfer haben seit Mitte Dezember deutlich zugenommen.
Dies ist das Bild, in das sich die Festlichkeiten gebettet haben. Die Besorgnis um die Bischofsnachfolge warf Schatten über die Veranstaltungen.
Doch Ruiz und Vera verbreiteten Optimismus trotz der „schwierigen Zeiten, die auf die Gemeinde zukommen könnten“. „Eine Option für die Armen ist in Chiapas unerläßlich…Die Verantwortlichkeit für die Kontinuität der Gemeindearbeit liegt jedoch vor allem bei jedem von euch und nicht bei irgendjemandem, der nun von oben eingesetzt werden wird“, predigte Ruiz in einer mehr-stündigen Ansprache. Doch wie schwierig diese Kontinuität aussehen wird, wenn sich der neue Bischof dieser entgegenstellen sollte, weiß zum heutigen Zeitpunkt noch niemand.
Um die Diözese in ihrer heutigen Struktur weiter zu festigen, haben Ruiz und Vera in diesen Tagen insgesamt 153 Paaren in-digener Männer und Frauen den Diakonenorden verliehen. Damit steigt die Zahl der indigenen Diakone (Hilfsgeistliche im Gemein-dedienst) in Chiapas auf 400. Im Vergleich dazu gibt es im restlichen Mexiko nur 10 und in ganz Lateinamerika insgesamt nur 100 Indígenas in diesem Amt.
Samuel Ruiz hatte schon am 16. Dezember vergangenen Jahres in der öffentlichen Bekanntgabe seiner Abtrittsabsichten darauf hingewiesen, daß „nicht-bischöfliche Interessen bewirken wollen, daß Vera nicht sein Nachfolger würde“.
Dennoch sorgte die Nachricht aus Rom Ende Dezember für allgemeinen Aufruhr. Auch Vera zeigte sich überrascht und traurig über seine Versetzung und besorgt um das Schicksal der Diözese. Seine Versetzung würde aber keinesfalls bedeuten, daß er nun gegenüber den Geschehnissen in Chiapas stumm bleibe.
Die offizielle Stellungnahme der päpstlichen Vertretung in Mexiko dementierte, daß die Entscheidung politischen Interessen gehorcht hätte und eine Abkehr von Samuel Ruiz‘ kirchlicher Ausrichtung bedeuten würde. Die Abberufung Veras in die bedeutsame Diözese von Saltillo wäre vielmehr Ausdruck der Anerkennung; eine Beförderung sozusagen.
Die Regierungspartei PRI betonte nachdrücklich, nichts mit der ganzen Sache zu tun zu haben, nutzte aber die Gelegenheit, Vera vorzuwerfen, sein Amt für politische Propagandazwecke mißbraucht zu haben. Mehr als zynisch klang die Verlautbarung, die Mission von Ruiz und Vera hätte sich durch die unverbesserten Lebensbedingungen der armen Bevölkerung selbst diskreditiert.
„Die Kirche war im Gegenteil ein unglaublicher Gleichgewichtsfaktor in den letzten Jahren“, betont der unabhängige chiapane-kische Senator Salazár.
Alles weist daraufhin, daß die Entscheidung des Papstes auf Druck reaktionärer mexikanischer Kreise gefallen ist. Trotz seiner oft bekundeten spirituellen Nähe zur Diözese von San Cristóbal hat er sich gegen Vera entschieden.

Ein kämpferischer Bischof

Für Ruiz und Vera geht ihre Arbeit weit über Kirchenraum und Sakristei hinaus.
„Samuel verwaltete seine Diözese, indem er der Basis zuhörte. Die gemeinsame Arbeit war immer Produkt eines Dialoges und eines gegenseitigen voneinander Lernens. Er vermochte es, den Glauben und den Kampf für Gerechtigkeit wieder zu versöhnen“ meint der Historiker Andrés Au-bry.
Ruiz förderte die Dezentralisierung der kirchlichen Gemeinden und stand für eine Harmonisierung traditioneller und christlicher Glaubenselemente.
Ein besonderes Gewicht kam dem Kampf für die Menschenrechte und der kulturellen Selbstbestimmung der Indígenas zugute. Um der Ausbeutung durch Großgrundbesitzer entgegenzutreten, unterstützte er die Schaffung von Produktionskoopera-tiven. Er widmete sich besonders den Bedürfnissen der guatemal-tekischen Flüchtlinge und setzte sich für die Zurückgabe von ehemals kommunalem Landbesitz ein, der den Indígenas unrechtmäßigerweise weggenommen worden war.

Raúl Vera – ein Dorn im Auge der Mächtigen

Berühmt wurden Ruiz und Vera in ganz Mexiko durch ihr langjähriges Engagement in der zivilgesellschaftlichen Vermittlungsorganisation CONAI zwischen den Zapatisten und der Regierung, was sie mehrfach zur Zielscheibe nicht nur verbaler sondern auch physischer Angriffe machte.
Mit Raúl Vera sollte Ruiz 1995 ein als konservativ geltender Hilfsbischof zur Seite gestellt werden. Dieser änderte aber bald seine Gesinnung und wurde zu einem unbeugsamen Mitstreiter Ruiz´. Seitdem ist er den reaktionären, religiösen Gruppen in Chiapas ein Dorn im Auge. Eine Stärkung dieser in Verbindung mit Kaziken, (Para)- Militär oder PRI stehenden Gruppen in der Diözese von San Cristóbal würde mit der Ernennung eines konservativen Bischofs sicherlich einhergehen und könnte zudem auch die Verlagerung der kirchlichen Arbeit auf die Städte bedeuten.
Unabhängig davon, in welchem Ausmaß die konservativen Inter-essensverbände in Mexiko ihre Netze bis in die römische Hochburg spinnen konnten, ist mit der Entscheidung gegen Vera die Kontinuität einer progressiven und engagierten Kirche in Frage gestellt. Die Kirche ist in Chiapas jedoch der wichtigste „Puffer“ zwischen sozialen Schichten und po-litischen Akteuren. Aufgrund ihrer Reichweite und Etabliertheit ist sie strategisch von einmaliger Bedeutung.
Sie wurde zum Sprachrohr der Unterdrückten. Dieses will die herrschende Klasse nun eliminieren.
Da Samuel Ruiz in all den Jahren die kirchliche Arbeit dezentralisiert und hunderte von Katechisten in der teología india unterrichtet hat, konnte überall eine eigenständige Gemeindearbeit entstehen, die eine totale Kehrtwendung der kirchlichen Ausrichtung erschweren wird.
Nicht alles steht und fällt mit der Figur des Bischofs. Die katholische Kirche ist dennoch primär eine vertikale, disziplinierte und autoritäre Institution. Insofern bleibt nur wenig Spielraum für eine abweichende Ausrichtung der Basis. Zumal mit Vera auch die vier Vikare (geistliche Stellvertreter) gehen müssen, da diese vom Bischof selbst ernannt werden.
Die Abberufung Veras könnte der Anfang einer Kette der Diskreditierung der pastoralen Arbeit der Diözese sein. Die Übergriffe auf Mitarbeiter der Kirche, vor allem auf die tausenden von Laien, die in den abgelegenen Gemeinden das Rückgrat der Kirchenstruktur bilden, könnten sich mehren und „Menschenleben in Gefahr bringen“, wie Samuel Ruiz in einem Schreiben vom Dezember befürchtet. Ähnliche Entwicklungen haben zwei Diözesen in Oaxaca nach Austausch von progressiven Bischöfen in jüngster Vergangenheit schon genommen.
„Vor allem die indigene Landbevölkerung könnte den Glauben in die Kirche verlieren. Die Para-militärs würden sich in ihrer Funktion bestätigt sehen und in Zu-kunkt noch agressiver gegen die Bevölkerung vorgehen. In der Verzweiflung könnte der bewaffnete Kampf wieder von vielen als einzige Alternative empfunden werden. Denn es bleibt zu erinnern, daß der Feind für die Para-militärs nicht etwa nur die Zapa-tisten sind, sondern alle, die sich ihnen in den Weg stellen“, schreibt dazu der Internationale Friedensdienst SIPAZ. Heute steht nicht länger primär die Verfolgung der Zapatisten, sondern all jener, die ihre Ziele unterstützen, im Vordergrund. Unter diesen Umständen ist die Abberufung Raúl Veras ein alarmierendes Zeichen.

Nachfolger unklar

Die Abschiedszeremonien gingen zuende und ein Nachfolger ist noch immer nicht ernannt. Die Diözese von San Cristóbal hatte Anfang Januar zu einer Sondersitzung eingeladen, in deren Rah-men mehr als 200 Geistliche ein Schreiben an den Vatikan ausarbeiteten, in dem sie Vorschläge für einen Nachfolger machten. Auch baten sie darin den Papst um eine Erklärung für die „schwerwiegende Entscheidung“ gegen Vera als Nachfolger, für den sie in einem Schreiben im Dezember plädiert hatten.
Gehandelt werden in den me-xikanischen Medien bis zu sechs mögliche Kandidaten. Aussichtsreichster Kandidat scheint der erzkonservative Erzbischof von Oaxaca, Héctor González, zu sein. Nur in einem Fall kann von einer reibungslosen Kontinuität der pastoralen Arbeit der Diözese ausgegangen werden. Doch in Widerstandsgeist und Gerechtigkeitsliebe ist die Diözese von San Cristóbal zumindest gut geschult.

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