Brasilien | Nummer 239 - Mai 1994

Itaparica 5 Jahre nach der Flutung

KleinbäuerInnen kämpfen um Bewässerungsland

Im März diesen Jahres traf der ehemalige Wirtschaftsminister Brasiliens, Fernando Henrique Cardoso, mit Funktionären des Internationalen Wäh­rungsfonds (IWF) zusammen. Grund des Zusammenkommens: Die Bedingun­gen für neue Kredite sollten verhandelt werden. Dabei zeigte Cardoso als Be­weis für die sinnvolle Verwendung der bisherigen Kredite einen Film über Be­wässerungsprojekte der Regierung im Sao-Francisco-Tal. Mit diesen Projekten sollten die KleinbäuerInnen entschädigt werden, die ihr Land verlassen mußten, um dem Bau des Staudamms Itaparica Platz zu machen. Die großen safti­gen Weintrauben, die im Film gezeigt werden, wurden allerdings nicht von den KleinbäuerInnen erzeugt, sondern von dem benachbarten Agrarunternehmen „Nova California“, das im Gegensatz zu den KleinbäuerInnen über gutes Land und Bewässerungsanlagen verfügt. Bis heute gab es für die Umgesiedelten nicht viel mehr als nur leere Versprechungen. Die Geschichte des Itaparica-Staudamms, ein Großprojekt der Weltbank, von der Bundesregierung unter­stützt, ist ein Pa­radebeispiel für die Auswirkungen von Größenwahn – aber auch die Geschichte des Kampfes gegen die BetreiberInnen.

Fritz Beck

Der Pater hat zu einer Versammlung ein­berufen. Es soll ein Staudamm gebaut werden. Niemand weiß so recht, was das ist. Unser Land wollen sie überfluten? Unmöglich. Oder hat doch der alte Pro­phet recht, der vor langer Zeit weissagte: Der Sertao wird sich in ein Meer verwan­deln?
Die Versammlung fand im Jahr 1973 in Rodelas statt, einer kleinen Stadt im Bun­desstaat Bahia. Es ging um den Fluß Sao Francisco, der den heißen und trockenen „Sertao“ im Nordosten Brasili­ens wie eine Lebensader durchfließt. Bis Februar 1988, als der Staudamm Itaparica seine Pforten schloß, um den 840 Qua­dratkilometer gro­ßen Stausee aufzufüllen und Energie zu erzeugen, sind noch tau­sende von Ver­sammlungen, Streiks und Demonstratio­nen durchgeführt worden. Wie ist der Streit weitergegangen, der auch das bun­desdeutsche Parlament be­schäftigt hat? Wie sieht es fünf Jahre nach der Flutung aus?

Eine Fahrkarte nach Sao Paulo

Was ein Staudamm für die Flußbevölke­rung bedeutet, wurde den BäuerInnen klar, als sie in den 70er Jahren sahen, wie zehntau­sende von Menschen vom Sao Francisco vertrieben wurden, um dem größten Stau­see der Welt Platz zu ma­chen, dem 400 Kilometer flußaufwärts gelegenen So­bradinho. Viele hatten der verantwortlichen Energiebe­hörde CHESF keinen Glauben geschenkt und wurden von dem unaufhaltsam an­steigenden Flußwasser zur Flucht ge­drängt. Als Ent­schädigung bot die CHESF vielfach eine Fahrkarte nach Sao Paulo – ohne Rück­fahrt.
Hier in Itaparica sollte alles ganz anders kommen. Die LandarbeiterInnengewerk­schaften in den betroffenen Kommunen wurden von kämpferisch orientierten ArbeiterIn­nen übernommen, schlossen sich zum Pólo Sindical zusammen, stellten Forde­rungen: Recht auf Umsiedlung, Land gegen Land. Entschädigung für je­des Haus, jeden gepflanzten Obstbaum. Be­wässerungsland für alle, die am Fluß leb­ten und arbeiteten, auch für die, die kein eigenes Land besaßen.

Der große Sieg – vorläufig

Itaparica wurde mit Mitteln der Weltbank finanziert. Deren bundesdeutscher Ver­treter befürwortete Mitte der 80er Jahre die Freigabe weiterer Mittel, obwohl be­kannt war, daß die CHESF offensichtlich nichts tat, um einen akzeptablen und durchführbaren Umsiedlungsplan für die über 5000 betroffenen Familien vorzule­gen. Im Dezember 1986 schließlich be­setzten die BäuerInnen die Baustelle des Stau­damms für mehrere Tage. Die CHESF rief die Polizei, das Militär rückte an. Doch die Diktatur war schon zu Ende. Die Hartnäckigkeit der Bauern hatte einen bis heute unerhörten Sieg davongetragen, nationale und internationale Solidaritäts­bekundun­gen taten ihr übriges, um nach zähen Ver­handlungen zu einer Verein­ba­rung zu kommen, an die die CHESF bis heute ge­bunden ist.
Rodelas ist heute genauso wie die Städte Petrolandía, Iticuraba und Barra do Tarra­chil sowie tausende von Hektar fruchtba­res Land vom Itaparica-Stausee begra­ben. Die Städte wurden anderswo wieder auf­gebaut, doch fruchtbares Land war nicht hinreichend vorhanden, so daß etwa die Hälfte der betroffenen Bauern 250 km flußaufwärts ziehen mußten. Im Juli 1988 sollten die Bewässerungsprojekte funkti­onsfähig sein, aber erst 1993 begann mensch auf 200 ha zu beregnen – nicht einmal 2 Prozent der geplanten Fläche. Und wieder einmal rüsteten die Bauern und Bäuerinnen sich für die schwere Aus­einandersetzung mit der CHESF. Die großen Bauunternehmen, deren Machen­schaften in verschiedenen Korrupti­onsskandalen der letzten Monate aufge­deckt wurden, haben am Itaparica-Stau­damm im Auftrag der CHESF gigantische und absurde Strukturen geschaffen – die nicht funktionieren:
– Es gibt kein Drainage-System, obwohl es so wichtig wäre wie das Wasser selbst, um die Gefahr der Versalzung der Böden und damit ihre Unbenutzbarkeit zu ver­hindern. Insbesondere im semi-ariden Klima des Sertao rechnet man mit schwe­ren Versalzungserscheinungen in weniger als fünf Jahren ohne Entwässerungsanla­gen.
– Bei einem großen Teil der Anlagen be­steht der Abstand zwischen den Sprenk­lern 15 Meter, statt der gebotenen 12 Me­ter, mit der Folge, daß bis zu 50 Prozent der Fläche nicht ausreichend bewässert werden.
– Die Mehrheit der UmsiedlerInnen besit­zen Felder von 3 ha. Unter den gegebenen Bedingungen (Bodenstruktur, Anzahl der Sprenkler, tägliche Bewässerungsdauer, Klima) ist es nicht möglich, mehr als 1,5 Hektar zu bewässern; die Hälfte ihrer Fel­der kann nicht bearbeitet werden.
– Allgemein bekannt ist, daß es sich nicht rentiert, eine Beregnungsanlage zu instal­lieren, in der mehr als 80 Meter Höhen­unterschied zu überwinden sind. Die Hälfte der Umsiedlungsprojekte liegt zwi­schen 130 und 152 Meter über dem Sao Francisco.
– Der Wirkungsgrad der Bewässerung sollte bei Sprenkleranlagen zwischen 70 und 75 Prozent liegen. In den bisher funk­tionierenden Flächen liegt er weit unter 50 Prozent, was die Kosten in die Höhe treibt, die Produktivität senkt und die Ver­salzungsgefahr erhöht.

Allianz gegen die Gewerkschaftsbe­wegung

Bedauerliche Berechnungsfehler der Un­ternehmerInnen? Lässigkeit im Umgang mit technischen Daten?
Sicherlich nicht. Die Antwort ist eine zy­nische Allianz zwischen CHESF, den Bauunternehmen und der regionalen Ent­wicklungsbehörde CODEVASF. Die letz­tere wird von einigen Familien aus dem rechten Parteienspektrum dominiert. Sie ist für tausende von Hektar nicht oder schlecht funktionierender Bewässerungs­flächen verantwortlich. 80 Prozent Zah­lungsunfähigkeit bei den NutzerInnen die­ser Anlagen sind keine Seltenheit. Und wenn jetzt einfache Bauern und Bäuerin­nen zeigten, daß sie ökologischer und gut organisiert bessere wirtschaftliche Ergeb­nisse erzielen, wäre das nicht schlecht für das Ansehen der CODEVASF?
Und die Bauunternehmen? Gigantische Anlagen sind für sie allemal interessanter als kostengünstige, aber dafür angepaßte Systeme.
Die CHESF hat ein Interesse an einem schnellen Niedergang der selbstorgani­sierten Bauernprojekte, um aller Welt zu zeigen, daß eben dieses Beispiel nicht funktioniert. Sie hätte dann in der Zukunft weniger Ärger, wenn wieder einmal Land überschwemmt werden soll und zum „Nutzen der Allgemeinheit“ Menschen umgesiedelt werden müssen.

Ein Beispiel für Agrarreform

Auf der anderen Seite sind sich die entste­henden Produktions- und Vermarktungs­genossenschaften, die Gewerkschaften und der Polo Sindical eben dieser Verant­wortung bewußt. „Wenn das Ding hier schiefgeht, können wir kaum noch von Agrarreform reden. Dann ist genau das Vorurteil bestätigt, daß unsere GegnerIn­nen so pflegen. Die ArbeiterInnen machen viel Krach, aber wenn es um die Verwal­tung eines Bewässerungsprojektes geht, sind sie unfähig“, meinen viele Gewerk­schaftlerInnen grimmig.
Die CHESF will die Projekte so, wie sie sind, den UmsiedlerInnen übergeben. Al­lein die laufenden Kosten würden auf­grund der Konstruktionsmängel das drei- bis vierfache des regionalen Niveaus be­tragen, bei erhöhter Versalzungsgefahr, Degradation der Böden und schneller Verarmung und Abwanderung der Bevöl­kerung, die schon sechs Jahre darauf wartet, endlich wieder von der Landwirt­schaft zu leben. „Die CHESF täuscht sich ganz folgenschwer, wenn sie wieder mal meint, uns aufs Kreuz legen zu müssen“, lacht die Präsidentin der Gewerkschaft von Rodelas, die zu jener denkwürdigen ersten Gewerkschaftsversammlung gerade mal sieben Jahre zählte.
P.S. Die deutsche Bundesregierung hat just in dieser Zeit der CHESF knapp 30 Millionen DM zugesagt, von denen ein Teil bereits abgeflossen ist. Ist sie mögli­cherweise dabei, einen peinlichen Fehler von 1986 zu wiederholen? Der Polo Sin­dical hat bereits protestiert und fordert eine Konditionalisierung: Keine Freigabe von Geldern, solange die Frage der Be­wässerungsprojekte in den Umsiedlungen nicht befriedigend gelöst ist.

Kleines Glossar des Sao Francisco

CHESF

Companhia Hidrelétrica do Sao Francisco. Bundesorgan zur Energieerzeugung durch die Wasserkraft. Zimperlich ist sie nicht gewesen. Paulo Afonso war das erste Wasserkraftwerk, das am Sao Francisco Anfang der 50er Jahre ans Netz ging. Die Stadt Paulo Afonso und das Kraftwerk waren jahrzehntelang als „nationales Si­cherheitsgebiet“ deklariert. Der Bürger­meister wurde direkt vom Präsidenten eingesetzt. Nach Paulo Afonso folgten am Mittel- und Unterlauf des Sao Francisco, also im Nordosten Brasiliens, Moxotó, Sobradinho und Itaparica. Fast fertigge­stellt ist am Unterlauf Xingó, und weitere sind in Planung. Nirgendwo wurden Um­weltverträglichkeitsstudien angefertigt und beachtet. Für das Kraftwerk So­bradinho wurden mehr als 50.000 Menschen vertrieben, die vielfach in den Slums der großen Städte landeten; in Ita­parica waren etwa 25.000 betroffen. Poli­tisch und rechtlich ist sie verantwortlich für eklatante Fehler und Mängel der Be­wässerungsstrukturen der Itaparica-Bäue­rInnen. Ihre Behebung bzw. ihr finanziel­ler Ausgleich muß erst noch erkämpft wer­den.

CODEVASF

Companhía de Desenvolvimento do Vale do Sao Francisco. Gesellschaft zur Ent­wicklung des Sao-Francisco-Tals. Bun­desorgan. Gegründet 1974, Nachfolgerin zweier Vorläuferorganisationen, die eben­falls das Ziel hatten, das Flußtal durch Bewässerungsprojekte zu „entwickeln“. Von den derzeit etwa 200.000 ha bewäs­sertem Land werden 60.000 ha von der CODEVASF betreut. Ursprüngliche Pla­nung von Ende der 40er Jahre war, Klein­bäuerInnen in Bewässerunsprojekten anzusie­deln, um ihre Lebensbedingungen zu ver­bessern und die Marktproduktion zu ver­größern. Hauptkritikpunkte an der CODEVASF sind, daß sie ihre Koloniali­sierungpolitik nach den Interessen einiger weniger dominierender Familien richtet, daß AgrarunternehmerInnen bevorzugt werden und daß kaum ein Projekt es schafft, selbst nach 20 Jahren unabhängig zu sein. Es werden autoritär (Schein)Organisationen gegründet, denen Betrieb und Wartung der Bewässerungs­anlagen übertragen wird. Die fortdauernde Abhängigkeit der Bauern ermöglicht die Fortsetzung der paternalistischen (und er­presserischen) Tradition im Nordosten: Gehorsam und Stimmabgabe für die Mächtigen. Im vergangenen Kommunal­wahlkampf ist die CODEVASF offen für die rechte PFL eingetreten. In der Liste der wegen Unfä­higkeit aufzulösenden Or­ganisationen steht die CODEVASF ziem­lich weit oben.

Polo Sindical do Submédio Sao Francisco

Zusammenschluß von derzeit zehn Land­arbeiterInnengewerkschaften am unteren Mittellauf des Flusses. Wichtigste Organi­sation des „movimento popular“ der Re­gion und Wiege für eine Reihe von loka­len (und nationalen) PT-Karrieren. Ge­gründet 1979 aus der Notwendigkeit einer besseren Koordination, Mobilisierung, Vernetzung und Öffentlichkeitsarbeit ge­genüber den Vorstellungen der CHESF, die vom Staudamm Itaparica betroffenen BäuerInnen willkürlich und entschädi­gungslos zu vertreiben. Bisher größter Er­folg: Ver­einbarung mit der CHESF, die Umsied­lung, Bewässerungsprojekte, Häu­serbau, Gesundheits- und Bildungsein­richtungen in den Projekten zu garantie­ren. Nach der erfolgten Umsiedlung An­fang 1988 ermü­dender Kleinkrieg um die Erfüllung der Vereinbarung und Ver­nachlässigung an­derer Probleme in der Region: Rechte der LohnarbeiterInnen, Nachwuchsförderung, Beteiligung der Frauen, Bekämpfung der paternalistischen Ausnutzung der langan­haltenden Dürre („Wirtschaftszweig-Dürre“). Auf dem I. Kongreß des Polo Sindical im Oktober 1993 diskutierten die Delegierten diese Mängel und beschlossen weitgehende in­haltliche und organisatori­sche Verände­rungen, um die politische Verantwortung des Polo Sindical für die Entwicklung der Region besser wahrneh­men zu können.

Der Fluß Sao Francisco

Der „Alte Chico“, wie ihn die Flußanwoh­nerInnen zärtlich und ehrfurchtsvoll nen­nen, hat seine Quelle im Canastra-Gebirge im Bundesstaat Minas Gerais, fließt in nördliche Richtung durch Bahia, be­schreibt einen großen Bogen nach Osten, markiert zunächst die Grenze zwischen den Bundesstaaten Sergipe und Alagoas, bevor er nach 2.700 km in den Atlantik mündet. Durchschnittlich passiert sein Flußbett jede Sekunde ein Wasservolumen von über 3.000 Kubikmeter. Hauptnut­zung ist die Erzeugung von Energie und Bewässerung sowie die Versorgung mit Trink- und Brauchwasser. Die ersten bei­den Nutzungsrichtungen stehen im Kon­flikt. Zusammen mit dem fast fertigen Kraftwerk „Xingó“ am Unterlauf, den ge­nannten Werken am Mittellauf und „Trés Marias“ am Oberlauf wird eine Kapazität von 13.400 Megawatt erreicht sein. Die CHESF träumt jedoch von weiteren Kraftwerken um auf 17.500 Megawatt zu kommen, weil Energieverbrauch immer noch als ein zentraler Indikator für Ent­wicklung gesehen wird. Und die CODE­VASF möchte insgesamt 1,5 Mil­lionen ha bewässertes Land sehen. Allein das Pro­jekt Jaiba jedoch, das auf 100.000 ha an­gelegt ist, (von denen 8.000 instal­liert sind), würde schon 2 bis 5 Prozent der Wassermenge des Flusses konsumie­ren. Absurde Gigantomanie. Verschärfend kommen zwei Faktoren hinzu:
1. Das kurzsichtige Modell der Bodennut­zung, das die CODEVASF und das Agrarkapital anwenden, gefährdet den Fluß und alle Menschen, die an ihm und von ihm leben. Unkontrollierte Bewässe­rung, rasche Versalzung der Böden und Anreicherung des Flußwassers mit Nitra­ten und Giften durch Mineraldünger und Pestizide sind voraussehbare Folgen die­ses Modells.
2. In Minas Gerais werden im weiteren Einzugbereich des Flusses jährlich zehn­tausende Hektar Wald zur Holzkohlever­arbeitung für die Eisenverhüttung abge­holzt. Dies hat Klimaveränderungen grö­ßeren Ausmaßes zur Folge, u.a. die lang­same Vertrocknung des Sao Francisco und seiner Zuflüsse. Darüber hinaus erodieren die Böden, und der Fluß trägt die Erdmas­sen zum Sobradinho, der in kurzer Zeit verlanden wird.
Die Bauern und Bäuerinnen von den Ge­werkschaften und Genossenschaften des Polo Sindical sind sich dieser Zusammen­hänge bewußt und beauftragten den Polo Sindical, Elemente einer alternativen, ökologisch und ökonomisch nachhaltigen Bodennutzung insbesondere in den Um­siedlungsprojekten zusammenzutragen und zu verbreiten. Weiterhin wird der Polo an einer überregionalen politischen Vernetzung teilnehmen, um dazu beizu­tragen, die Gefahr für den „Alten Chico“ abzuwenden.

Ähnliche Themen