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Jede Menge fehlende Fragen

Es gibt wohl kaum jemanden auf der Welt, dessen Leben so interessant ist, wie das Fidel Castros. Und so ist es gut, dass Castro dem ehemaligen Chefredakteur der Le Monde diplomatique und attac-Mitbegründer Ignacio Ramonet Rede und Antwort gestanden hat. An die 100 Stunden haben beide zusammen gesessen und über Castros Leben gesprochen. Herausgekommen ist ein eindrucksvolles Werk von knapp 700 Textseiten, das seinesgleichen sucht, Pflichtlektüre für jeden Kuba-Interessierten ist und dennoch viele Kritikpunkte bietet.
Mein Leben ist ein Interview. Das ist sowohl der Charme dieses Buches – sicher hätte Castro viele Fragen, die Ramonet ihm stellt, sonst nicht behandelt – als auch seine Grenze. Denn zum einen bleibt vieles ungefragt und zum anderen fehlt es bisweilen an Redaktion dieses Mammutwerkes. Das ist schade, denn die erste Auflage ist bereits 2004 auf Kuba erschienen, dann von Castro selber bearbeitet und nun auf Grundlage dieser Fassung vom Rotbuch Verlag ins Deutsche übertragen worden. Dabei tauchen wiederholt Fragen auf, die eben erst beantwortet wurden. Zudem sind offenkundige Fehler – wie 1958 habe es 125 Millionen registrierte Kubaner in den USA gegeben – zumindest in der Erstauflage nicht korrigiert worden. Auch die Übersetzung liest sich zuweilen holprig.
Soweit zur formalen Kritik, die inhaltlichen Versäumnisse wiegen schwerer. Es scheint, als habe Ramonet unter Rechtfertigungsdruck gestanden, weswegen er sich durch kritische Fragen zu DissidentInnen (Castro: „Konterrevolutionäre“) und Konfrontation mit den ständigen Vorwürfen gegen Kuba aus dem Westen zu verteidigen scheint. Das sind natürlich wichtige Fragen und es ist auch ein Verdienst Ramonets, dass Castro sie ausführlich beantwortet. Doch führt die wiederholte Fokussierung auf diese Themen dazu, dass andere interessante Aspekte auf der Strecke bleiben.
Fragen und Antworten hangeln sich – mit einigen Vor- und Rückblicken – an der Chronologie von Castros Leben entlang. Besonders spannend sind dabei die Abschnitte zum Sturm auf die Moncada-Kaserne, dem Exil in Mexiko und den revolutionären Kämpfen in der Sierra Maestra. Schade nur, dass hier immer wieder Lücken im Erzählstrang deutlich werden. Das Buch ist für „NeueinsteigerInnen“ in die Thematik deswegen ungeeignet. Es bietet sich an, beispielsweise parallel die gute Biografie von Volker Skierka zur Hand zu nehmen und Castros eigene Anschauung jeweils kapitelweise danach zu studieren.
Denn hier liegt die Stärke des Buches. Castro antwortet mit entwaffnender Offenheit auf viele aktuelle Fragen von der Globalisierung über Chávez (spannend: Castros Rolle beim Putsch 2002) und Morales bis hin zum Verhältnis zu den USA. Dass nun aber Kuba selber – nicht so sehr am Ende, denn „Kuba heute“ ist eines der interessantesten Kapitel – zu kurz kommt, ist schwer verständlich und vielleicht damit zu erklären, dass Ramonet zwar sagt, „eine bessere Welt ist möglich“, sich scheinbar aber konkrete Schritte zu ihrer Verwirklichung über eine Tobin-Steuer hinaus gar nicht vorstellen kann. Oder mag.
Warum fehlt es fast völlig an Aussagen Castros zur Entwicklung in Kuba seit der Revolution? Können wir heute, wo es angeblich zum Kapitalismus keine Alternative gibt, denn nichts von der Entwicklung in Kuba lernen? Was lief richtig, was falsch? Auch die „Sonderperiode“ nach dem Zusammenbruch des Ostblocks wird nur erwähnt. Dafür wird so gut wie jeder Name, der im Text vorkommt, in den Anmerkungen erklärt. Das ist gut. Aber es reicht nicht. Nehmen wir Ramonet beim Wort: Er selber ist für die fehlenden Fragen verantwortlich, Castro hätte sie beantwortet. So viel scheint nach der Lektüre sicher. Es ist zu wünschen, dass offenkundig fehlende Passagen durch weitere Gespräche ergänzt und die Lücken in der Erzählung gestopft werden. Noch ist es zum Glück nicht zu spät.
// Helge Buttkereit

Fidel Castro mit Ignacio Ramonet // Mein Leben // Rotbuch Verlag // Berlin // 2008 // 780 Seiten // 29,90 Euro

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