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Katholischer Kontinent

An Büchern zur Religion in Lateinamerika herrscht sicherlich kein Mangel. Wer zwischen Analysen, Debattenbeiträgen, Biographien und Einzelfallstudien eine übergreifende Gesamtdarstellung sucht, kann seit kurzem auf den Band “Lateinamerika und Karibik” der Handbuch-Reihe “Kirche und Katholizismus seit 1945” aus dem Schöningh-Verlag zurückgreifen. Es ist bereits das sechste Werk dieser Reihe und bisher das umfangreichste. Das ist nachvollziehbar schon allein, weil auf keinem Kontinent so viele Katholikinnen und Katholiken leben wie in Lateinamerika, in keinem Land der Erde so viele wie in Brasilien.
Wie in allen Bänden werden die einzelnen Länder in angemessener Ausführlichkeit dargestellt. Auch kleine Staaten wie Haiti oder Panama werden nicht übergangen und dem Autorinnen- und Autorenverzeichnis nach handelt es sich bei jedem und jeder Beitragenden um eine Person, die das Land und seine katholische Kirche gut kennt.
Für den Lateinamerika-Karibik-Band haben sich die Herausgeber allerdings für eine Besonderheit entschieden: Vorangestellt finden sich Überblicksbeiträge zu den großen lateinamerikanischen „Entwicklungslinien” sowie zur lateinamerikanischen Theologie – eine sinnvolle Entscheidung. Denn wie wohl nirgends sonst hat mit der Befreiungstheologie eine Strömung den Katholizismus auf dem gesamten lateinamerikanischen Kontinent erfasst. Dies in die Länderbeiträge zu verlagern, hätte wohl zu Redundanzen geführt und der Übersichtlichkeit geschadet.
Nun ist die Befreiungstheologie nicht die einzige Strömung in der katholischen Kirche Lateinamerikas seit 1945 gewesen. Aber ohne Zweifel die mit der größten Wirkung, sei es bei ihrer Verbreitung, sei es bei ihrer Bekämpfung. Die „Katholische Aktion”, unter Papst Pius XI. in den 1920er Jahren eingeführt, um angesichts der gesellschaftlichen Liberalisierung die Schäfchen beisammenzuhalten, wirkt daneben nur wie ein mehr oder weniger geglückter Mobilisierungsversuch, der von den Ausmaßen der basisgemeindlichen Massenbewegung ab den späten 60er Jahren weit entfernt blieb. Es ist vor allem diese kontextuelle Einordnung der lateinamerikanischen Bischofskonferenzen von Medellín (1968), Puebla (1979), Santo Domingo (1992) und Aparecida (2007), aber auch der theologischen Auseinandersetzungen um Gustavo Gutiérrez, Enrique Dussel und viele andere, die diese Einführungstexte besonders lesenswert machen. So wird deutlich, mit welch durchschlagender Überzeugungskraft das befreiungstheologische Konzept 1968 entwickelt, unter den Klerikern weitergetragen wurde und sich bis heute immer neuen Fragen und Aufgaben angenommen hat. Aber auch, wie schnell Rom diese Bewegung abzuwürgen begonnen hat. Schon 1972 erhielt der Bischof von Bogotá, Alfonso López Trujillo, als er zum Chef der lateinamerikanischen Bischofskonferenz CELAM gewählt wurde, ausdrücklich den Auftrag, die befreiungstheologischen Tendenzen zurückzudrängen.
Es spricht für diesen Band, dass sich neben den großen Entwicklungslinien immer wieder wichtige Einzelereignisse finden, denen dann auch ausreichend Platz eingeräumt wird. Gründlich redigiert und, wenn man ein gewisses theologisches Grundvokabular beherrscht, auch sehr gut lesbar, hat der Band damit fast etwas von einem Lesebuch – und dürfte nicht nur für die einschlägigen Bibliotheken, sondern auch für einzelne Interessierte von Belang sein.

Johannes Meier, Veit Straßner (Hg.) // Lateinamerika und Karibik. Kirche und Katholizismus seit 1945 // Band 6 // Schöningh Verlag // Paderborn 2009 // 78 Euro

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