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Personalisiertes Politikverständnis

Die Beschäftigung mit sozialen Bewegungen in Lateinamerika ist seit einigen Jahren wieder en vogue. Gewissermaßen als Gegentendenz dazu konstatiert der Rostocker Politikwissenschaftler Nikolaus Werz nun ein „neues Interesse in Publizistik und Wissenschaft, nämlich Geschichte und Politik wieder stärker über den Lebenslauf des Einzelnen zu erschließen“.
Der von Werz herausgegebene Sammelband behandelt exemplarisch bedeutende PolitikerInnen von der Unabhängigkeit bis in die Gegenwart, mit Schwerpunkt im 20. Jahrhundert. Werz untergliedert dort zwischen Populisten, Revolutionären und Sozialisten, Reformern sowie Miltärdiktatoren, während er die Zeit ab Ende der 1980er Jahre in den Bereich „Gegenwart“ einordnet. Den so genannten Reformern, die Werz mit einem Hang dazu, deutsches Botschaftspersonal zu zitieren, größtenteils selbst porträtiert, werden dabei überwiegend positive politische Lebensleistungen attestiert. Zwar gelten deren Politiken heute in den meisten lateinamerikanischen Ländern als gescheitert, doch hätten „Sozial- oder christdemokratische Reformer, wie sie in Chile, Uruguay, Brasilien und mit Abstrichen auch in Peru regieren“ auf praktische Fragen „eher eine Antwort zu bieten als selbsternannte Revolutionäre und vollmundige Populisten“. Wenig überzeugend ist dabei, dass eine kritische Diskussion des wissenschaftlich unscharf umrissenen und meist in denunziatorischer Absicht gebrauchten Begriffs „Populismus“ ausbleibt und dieser an keiner Stelle des Buches definiert wird. Zwar bemerkt Werz in der Einleitung treffend, dass „der Begriff in Amerika nicht per se negativ besetzt“ ist. In dem Sammelband wird Populismus jedoch durchweg abwertend mit politischer Unseriösität gleichgesetzt.
Leider hängt auch die Bewertung der einzelnen PolitikerInnen in manchen Fällen zu stark von der politischen Meinung des Autors oder der Autorin ab. So liefert der in Caracas lehrende Friedrich Welsch mit seinem Porträt von Venezuelas Präsident Chávez ein Beispiel für die bis in die Wissenschaft hineinreichende Polarisierung der venezolanischen Gesellschaft. Mit einer kruden Mischung aus Fakten, Ungenauigkeiten und teilweise eigenwillig interpretierten Zitaten und Zahlen entwirft er das Bild eines „Führers“ und seiner zu Autoritarismus neigenden Anhängerschaft. Letztlich sei Chávez „eine narzisstische Persönlichkeit“, bei der „mehrere Kriterien des DSM-IV-Standards dieser psychopathologischen Störung als gegeben betrachtet werden können“. Klassische Populisten wie der Argentinier Perón oder der Brasilianer Getúlio Vargas kommen in dem Buch weitaus positiver weg, obwohl sie trotz Massenmobilisierungen demokratisch weniger legitimiert waren. Dass es auch anders geht, zeigt Michael Zeuske mit seiner ausgewogenen Darstellung des kubanischen Alt-Revolutionärs Fidel Castro, die sowohl Errungenschaften als auch Versäumnisse und Fehlleistungen kritisch miteinbezieht.
Trotz der angesprochenen Mängel bietet der Sammelband einen interessanten Überblick und in den meisten Beiträgen solide Einführungen in das Leben ausgewählter PolitikerInnen. Bei dem Versuch, Geschichte und Politik über den Lebenslauf von Einzelnen zu erschließen, bleiben die Darstellungen notgedrungen selektiv und lückenhaft. Ergänzend zu anderen Perspektiven kann ein auf Einzelpersonen angelegter Sammelband aber durchaus zum Verständnis politischer Prozesse beitragen.

Nikolaus Werz (Hrsg.) // Populisten, Revolutionäre, Staatsmänner. Politiker in Lateinamerika // Vervuert Verlag // Frankfurt 2010 // 616 Seiten // 48 Euro

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