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KEINE POSTKARTE FÜR TOURIS

Als Rebeca Lane Anfang Mai in Berlin die Bühne der Kantine am Berghain betritt, jubelt die Menge. Fast alle sprechen Spanisch, sind textsicher und feiern die guatemaltekische Rapperin. Diesmal stellt Rebeca ihr neues Album Obsidiana vor, bereits ihr viertes als Solokünstlerin. Ihre Messages kommen auch in Deutschland an.

„Der Rap ist für mich ein Werkzeug, um über Dinge zu sprechen, die ‚man nicht sagt‘. Ich möchte die Dinge ans Licht bringen, über die meiner Meinung nach in der guatemaltekischen Gesellschaft gesprochen werden müsste.“ Rebeca Lane ist bekannt als Rapperin, politische Aktivistin und Feministin. Dies spiegelt sich in den Texten ihres neuen Albums wider, genauso wie in ihrer Auseinandersetzung mit den indigenen Traditionen Guatemalas: Der Obsidian, wie der titelgebende Song auf deutsch übersetzt heißt, ist ein Vulkangestein, das in der Kosmovision der Maya eine vielschichtige Bedeutung hat – als Werkzeug und in spiritueller Hinsicht. Der Obsidian hilft, verborgene Dinge ans Licht zu bringen.

Das Element Wasser taucht innerhalb des neuen Albums wiederholt auf – im Wortsinn, musikalisch und metaphorisch. Wasser ist für Lane die Verbindung zu vielen Kämpfen, „die aktuell in Zentralamerika geführt werden.“ In Llora el cielo („Der Himmel weint“) prangert die Rapperin die alltägliche Gewalt und den Machismo in ihrer Heimat Guatemala-Stadt an. Es fließen Tränen der Trauer und der Wut. Tzk’at thematisiert den Feminismo Comunitario (dt. komunitärer Feminismus, siehe Interview), wie er in den indigenen Gemeinden im guatemaltekischen Hochland entwickelt und praktiziert wird. Entstanden ist er nicht nur aus dem Kampf gegen den Machismo, er steht auch immer in Verbindung mit der Verteidigung des Territoriums und der Flüsse.

In Soy Centroamérica („Ich bin Zentralamerika“) dominieren Klänge der Karibik, es klingt nach dem Plätschern des türkisblauen Meeres, Palmen und Postkartenidyll. Unterstützt vom salvadorianischen Musiker Zaki rappt sie über diese existierenden Klischees, um ihnen gleichzeitig die andere Realität Zentralamerikas gegenüberzustellen. So heißt es im Song: „Unser Territorium ist umstritten // Unsere Gemeinden befinden sich im Kampf // Wir sind nicht passiv, wie in den Tourismusprospekten // Wir sind keine Postkarte, um in euren Zeitschriften zu erscheinen.“

Das neue Album verzichtet auf die für den Hiphop üblichen Samples, Musiker*innen spielten die Musik ein. Damit emanzipiert sich die Künstlerin von dem gängigen US-amerikanischen Sound des Rap und gibt ihren Songs einen eigenen Klang. Viele Lieder sind von traditioneller lateinamerikanischer Musik inspiriert, die Marimba aus Zentralamerika ist ebenso zu hören wie Rhythmen aus dem andinen Raum, die Produzent*innen des Albums kommen aus verschiedenen zentral- und südamerikanischen Ländern: Ihr Rap klingt nach Lateinamerika.
Daraus ist eine eklektische Mischung entstanden, die nicht nur durch ihre gelungene Verbindung von lateinamerikanischen Musikstilen und Hiphop überzeugt. Ihre politischen und feministischen Texte legen dort den Finger in die Wunde, wo die Regierungen Guatemalas und Zentralamerikas die Dinge lieber in den Mantel des Schweigens gehüllt lassen.

 

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