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“Kinder der Enttäuschung unter Alfonsín”

Ernesto Semán: Wie erklären Sie sich den Erfolg der Frente Grande?
Chacho Alvarez: Wir haben aus drei Gründen gewonnen. Erstens wegen des Paktes von Olivos, der hier in der Haupt­stadt einen negativen Effekt hatte: Ein ganzer Bereich im Radikalismus stand dem Pakt zutiefst ablehnend gegenüber. Zweitens wegen des Wunsches nach einer Opposition hier in der Stadt, um den Machtmißbrauch des Menemismus zu stoppen, und drittens, weil ein ideolo­gisch breites Spektrum von Menschen, Liberale eingeschlossen, des Machtmiß­brauchs aus moralischen Gründen müde ist und jetzt freier abgestimmt hat als zu anderen Gelegenheiten, wo es mehr um die Verteidigung der wirtschaftlichen Sta­bilität ging. Unser Sieg ist ein deutliches Zeichen für die Regierung, die dachte, daß die Leute auch in einer institutionellen Frage nach dem Geldbeutel abstimmen.

Nichtsdestotrotz hat die PJ ja eine be­trächtliche Stimmenzahl erhalten.
Ja, aus zwei Gründen: Einmal sind die Wähler enorm treu, und zweitens vergleichen sie die heutige Stabilität mit den Zeiten der Hyperinflation. Aber wenn es uns, die wir daran keine Verantwortung tragen, weil wir nicht regierten, gelingt, eine andere Perspektive anzubieten, dann können wir dem Peronismus Stimmen ab­ziehen, zugunsten eines politischen Pro­jekts, das mehr mit den Schwierigkeiten des Alltags zu tun hat.

Ändert sich das politische System durch dieses Ergebnis?
Der Wahlkampf hat gezeigt, daß die Re­gierung in dem PAMI-Bestechungsskandal um jeden Preis hart geblieben ist, mit dem Ziel, die ganze Problematik des “schwarzen Geldes”, der illegalen Finanzierung von Politik und des Systems von Beste­chungsgeldern zuzudecken. Wir haben angefangen, über Themen zu reden, die vorher der Zensur zum Opfer gefallen wa­ren, haben die offiziellen Spielregeln zwi­schen Regierung und Opposition verletzt. Ich glaube, daß zur Utopie der 90er Jahre gehört, den faulen Absprachen, Tauschge­schäften und der Korruption ein Ende zu bereiten.

Dieses Ergebnis hält Sie im Rennen um das Bürgermeisteramt von Buenos Aires.
Das stimmt so nicht. Von morgen an wer­den wir uns mit der Unidad Socialista an einen Tisch setzen, die uns am nächsten steht, und mit der zusammen wir ein glänzendes Wahlergebnis erzielt hätten. Wir werden Pläne für ’95 diskutieren, in denen das Bürgemeisteramt eine Rolle spielt. Da ist meine Kandidatur aber keine Bedingung.

Aber sie wissen doch schließlich, daß Sie mit dieser Abstimmung ihre Vor­teile gegenüber anderen Mitte-Links-Kandidaten erhöht haben.
Ja, aber wir wollen ernsthaft die politische Kultur Argentiniens verändern. Als wir der Unidad Socialista den ersten Listen­platz angeboten haben, war das kein Witz. Und jetzt sag’ ich wieder dasselbe: Man muß sich hinsetzen, um zu diskutieren, ohne irgendeine Kandidatur als Vorbedin­gung. Zusammen mit den Sozialisten kön­nen wir auch mit anderen Kandidaten die Bürgermeisterwahl gewinnen. Ich denke, wir können diese Apathie brechen, die da­von ausgeht, daß die Wiederwahl Menems beschlossene Sache ist. Und außerdem hätten wir gemeinsam auch schon in Santa Fe die Mehrheit haben können und ein noch besseres Ergebnis in der Provinz Bu­enos Aires.

Die Frente Grande gewinnt in den großen Städten an Boden. Aber in den Provinzen mit großen sozialen Proble­men, im Nordwesten zum Beispiel, hat sie Schwierigkeiten.
Ja, aber Sympathieströme sind nicht vorher­sehbar. Das kann von der Mittelschicht abwärts gehen, wie damals ’83 bei Alfon­sín oder wie bei Menem ’89, der unten an­fing, bei den Ärmsten, und später erreichte, daß ihm die Leute von den Bal­konen der Avenidas zuwinkten.

Sie vergleichen sich mit Alfonsín 1983?
Wir sind Kinder der Enttäuschung unter Alfonsín, des Scheiterns eines pluralisti­schen, progressiven, volksnahen Projekts. Für die Radikalen wird es schwierig sein, noch einmal ein ähnliches Programm zu entwerfen.

Wenn Sie an so etwas denken…
Ohne die Besonderheiten der Situation damals. Ich glaube, daß wir erreichen können, daß verschiedene soziale Grup­pen mehr politische Verantwortung über­nehmen. Schon jetzt verlagert sich die Zu­stimmung, jedenfalls nach dem, was ich im Wahlkampf gesehen habe, von der Mittel­schicht nach unten. Es gibt ähnliche Pro­bleme, Bildung zum Beispiel oder der schlechte Zustand der Stadt. Ich glaube, es gibt Forderungen, die deutlich gestellt werden müssen, besonders in einem Ka­pitalismus, der gesellschaftlich viele aus­schließt, aber auch von den politischen Märkten und in kultureller Hinsicht. Wenn wir das er­reichen, haben wir die Möglichkeit, eine neue politische Kraft mit Zukunft auf die Beine zu stellen.

Aber selbst mit diesem Ergebnis scheint es, daß die Frente sehr stark von Ihrer Figur abhängt.
Das glaube ich nicht. Die Frente Grande hat drei der zehn bestangesehensten Poli­tiker der Hauptstadt in ihren Reihen. Wenn wir ein Abkommen mit der Unidad Socialista erreichen, können wir eine Füh­rung etablieren, die wichtiger als der Ap­parat ist, und die hohe Erwartungen hervorrufen wird.

Aber trotzdem fehlt der Frente die Ba­sis.
Das ist wie bei Erundina in Brasilien. Ich habe mir angeschaut, was der PT pas­sierte, als Erundina in Sao Paulo gewann. Sie selbst sagt, daß ihr Sieg gefährlich war, und daß die Struktur der PT ein Hindernis für ihre Regierung war. Insgesamt hat ihre Struktur der PT eher Probleme bereitet als Lösungen erleichtert. Wir sollten uns also keine großartige politische Struktur vor­nehmen. In bezug auf die Basis wünsche ich mir, daß wir von der Vielzahl der Farbtöne ausgehend ein politisches Pro­jekt der Zukunft aufbauen.

Das soll reichen, um beispielsweise die Stadtverwaltung von Buenos Aires zu übernehmen?
Erundinas größtes Problem war die Ge­werkschaft der öffentlichen Angestellten, die ihr das Leben schwer gemacht hat. Das andere große Problem war die PT selbst. Erundina sagte einmal: “Man kann nicht gegen die Partei regieren, aber mit ihr auch nicht.”

Kann es sein, daß innerhalb der Frente Grande nicht alle so denken?
Das ist eine Spannung innerhalb aller pro­gressiven Kräfte. Die muß ich auch aus­halten. Viele Sektoren kritisieren, ich sei übermäßig light. Gut, dann sollen sie mir erklären, wie man die Dinge anders regeln kann. Man kann doch keinen Diskurs entwickeln, der niemanden erreicht, egal wie hart er ist. Ich habe keine Probleme, light zu sein. Das bedeutet nicht, schwä­cher oder weniger kritisch zu sein. Light zu sein, hat damit zu tun, daß man alles zur Diskussion stellt. Ich selbst habe den Peronismus in Frage gestellt, meine ei­gene politische Tradition. Warum kann ich dann nicht verlangen, daß auch andere das machen?

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