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Klaus-Dieter Tangermann ist tot

Ende März 1980, der Schock über die Ermordung des salvadorianischen Erzbischofs Oscar Arnulfo Romero saß uns noch in den Knochen, waren wir im sicheren Managua mit einigen engagierten Freunden zusammen gesessen und hatten das Projekt aus der Taufe gehoben. Ich hatte nach monatelanger Korrespondententätigkeit in El Salvador einen Rucksack voll Material mitgebracht – Fotos, Tonbänder, Notizen, Bücher, Manifeste, Statistiken – und hätte am liebsten sofort ein Buch über das geplagte Land geschrieben.
Aber dazu war keine Zeit. Durch die Vermittlung von Klaus-Dieter Tangermann und Erich Süßdorf hatten wir von der Redaktion der LN den Zuschlag für die Produktion einer Sondernummer mit Hintergrundinformationen zu El Salvador bekommen, und unser Kurier nach Berlin sollte in wenigen Tagen fliegen. (Fax gab es damals noch nicht.) Also schlossen wir uns Tage und Nächte lang ein und hackten einen Großteil der Texte für die Sondernummer in klapprige Schreibmaschinen.
Klaus-Dieter, inzwischen wieder in Berlin, ergänzte unseren Teil, der eher den historischen und soziokulturellen Hintergrund des Konfliktes ausleuchten wollte, mit einer Fülle von Materialien, unter anderem seinen politischen Interviews und schuf gemeinsam mit der Redaktion der LN die endgültige Fassung der Sondernummer. Verständlicherweise war sie nicht ohne Mängel, doch ich glaube, sie war das erste lesbare Buch in deutscher Sprache, das ausführlich über die Situation in El Salvador berichtete. Für die entstehende Solidaritätsbewegung war diese Ausgabe der LN jedenfalls von größter Wichtigkeit.
Es war das große Verdienst von Klaus-Dieter Tangermann, dass in Deutschland über den Konflikt in El Salvador von Anfang an und über viele Jahre hinweg ausführlich berichtet und diskutiert wurde. Dank ihm berichtete keine andere deutsche Zeitung so umfangreich über Nicaragua und El Salvador wie die taz, und zwar vom ersten Tag ihrer Existenz an.
Ende der 70er Jahre war in Europa über dieses winzige mittelamerikanische Land so gut wie nichts bekannt. Wer in Deutschland ahnte schon, dass wir billig unseren Spitzenkaffee von dort bezogen und, damit das so bliebe, unsere teuren schwäbischen G3-Gewehre dorthin exportierten? Dann putschte sich dort drei Monate nach dem Rauswurf Somozas aus Nicaragua eine “Revolutionäre Militärjunta” an die Macht und plötzlich war das Interesse an El Salvador groß. Doch schon bald zeichnete sich ab, dass ein Sieg der revolutionären Bewegung in El Salvador schwieriger werden würde als in Nicaragua. Das Interesse an der salvadorianischen Tragödie drohte zu verschwinden. Nicht zuletzt Klaus-Dieter haben wir zu verdanken, dass eben das nicht passiert ist.

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