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Krieg gegen die Landbevölkerung

Von den sieben Millionen Haitianern lebt eine Million im Ausland, zwei Millionen leben in Port-au-Prince und in zehn weiteren Provinzstädten, vier Millionen auf dem Land. Die Zukunft der Landbevölkerung ist der Einsatz eines strategischen Spiels der vergangenen 25 Jahre in Haiti.
Zwei Modelle stehen sich gegenüber: Einerseits eine demokratische Bewegung (Lavalas), die eine von der Basis ausgehende Entwicklung und demokratische Teilnahme an politischen Vorgängen an-strebte. Und damit auch Integration und Restrukturierung des ländlichen Raumes. Das andere Modell sieht das Ende des Kleinbauerntums mit der Entstehung großer Slums und der Freigabe billiger Arbeitskräfte für die Lohnveredelungsindustrien vor.
Die Struktur der Landbevölkerung ist für beide Modelle von Bedeutung. Deshalb gilt es, diese Struktur zu durchleuchten.
Die Landbevölkerung lebt in mehr oder weniger dicht besiedelten Weilern mit etwa hundert Hütten und etwa fünfhundert Bewohnern. Die Weiler weisen keine Dorfstruktur auf. Zwischen den Hütten sind individuelle Nutzgärten angelegt. Dies scheint auf Zersiedelung und fehlenden Zusammenhang hinzudeuten. Lange unterlagen sozial-wissenschaftliche Studien diesem Trugschluß, und man wollte die individualistisch denkenden Bauern in Basisgemeinschaften zusammenführen. Da- bei wurde die strenge Organisation des ländlichen Raumes übersehen und die Identifikation der Menschen mit einer bestimmten sozialen Einheit, die das Leben der Bauern seit jeher prägt. Die kleinste Einheit bildet die erweiterte Familie, die in Weilern zusammengefaßt ist. Eine Erhebung ergab 7500 solcher Weiler. Der Einflußbereich eines Marktes erreicht etwa 15 Weiler. Die Zentralmacht in Port- au-Prince teilte das Land verwaltungstechnisch in “sections rurales”. Eine Sektion umfaßt ebenfalls 15 Weiler und ist für die Verteilung der Landpolizei und Steuereintreiber von Bedeutung. Die Einteilung nach Märkten blieb jedoch die für die Bauern gültige Organisation ihres Gebietes.

Das alte Regime

Die Konflikte begannen um 1975, als die während der amerikanischen Besetzung (1915-34) und der Niederschlagung des Bauernaufstandes (1915-21) entstandene Struktur zu zerfallen drohte. Die damalige Struktur anerkannte eine eindeutige ökonomische, soziale und politische Vorherrschaft der Hauptstadt. Bauern und Händler arbeiteten für den zentralisierten Export landwirtschaftlicher Güter und erhielten nur zehn Prozent des auf dem internationalen Markt erzielten Wertes. Außerdem arbeiteten sie für die Lebensmittelversorgung des Binnenmarktes. Der massive Handel mit Arbeitskräften für die Zuckerplantagen in Kuba und später in der Dominikanischen Republik war ein Regulativ für die lokalen Probleme.
Inzwischen entnahm der Staat seine Steuern, die Kredithaie ihre Zinsen, die Import-Exportler ihre Profite, die Landbesitzer ihre Pachten… Das Gleichgewicht brach um 1975, und man forderte grundlegende Reformen, gegen die sich sowohl nationale Clans als auch internationale Begünstigte wehrten. Dann gründet heute der Krieg gegen Landbevölkerung und Slumbewohner. Ein Krieg auf allen Ebenen: lokal, staatlich und international. Ein Krieg mit unterschiedlicher Intensität, um internationale Öffentlichkeit und haitianische Diaspora nicht aufzuschrecken.
Die Verteilung der Landpolizisten erfolgt nicht auf zentraler Ebene. Die Bewerber für die Posten bestimmen selbst ihren Wirkungskreis. Somit hat die Verteilung der Landpolizei die räumliche Organisation der Bauern besser erfaßt als jede wissenschaftliche Studie. Etwa 20.000 Landpolizisten (chefs de section). kontrollieren die “sections rurales”. Auf einen Polizisten kommen zweihundert Bewohner. Jeder Sektionschef unterhält enge Beziehungen zur Armee und hat so viele Helfer, wie er es für notwendig hält, um “seine” Gegend zu kontrollieren. Der Polizist und seine Truppe haben alle Macht. Da sie von der Zentralmacht nicht bezahlt werden. entlohnen sie sich selbst durch Gebühren und Schutzgelder von den Bauern.
Diese Kriegsmaschinerie wurde nach dem Putsch sofort wieder in Gang gesetzt (Die Aristide-Regierung hatte sie abgeschafft. Anm. der Übersetzerin). Es ist nicht notwendig, die trostlosen Statistiken der Menschenrechtsorganisationen zu zitieren; hier sei nur auf die Flucht von etwa 300.000Menschen hingewiesen, die ihre Weiler verlassen, u m sich in einem anderen zu verstecken. Angesichts der Übermacht der Landpolizisten leben diese Menschen auch dort in ständiger Gefahr. In zwei Jahren der Repression zählt man Tausende von Toten auf dem Land. Der Krieg ist nicht zu Ende.

Das Projekt der Null-Migration

Das von dem Putsch unterbrochene Projekt der demokratischen Regierung wollte die Landflucht aufhalten. Durch eine Boden- und Wasserversorgungsreform sollten 250.000 lebensfähige Kleinbetriebe gegründet werden. Sie wären imstande gewesen, die von den Bauern zum Überleben notwendigen 4.000 Dollar jährlich zu erwirtschaften. Etwa 300.000 kleine industrielle Einheiten, die jene für die Landwirtschaft notwendigen Geräte, Samen und Dünger liefern und die Produkte weiterverarbeiten, sollten das Projekt ergänzen.
Dies wäre die Basis für eine lokal angesiedelte Entwicklung gewesen, die in der Lage gewesen wäre, die Landwirtschaft zu optimieren und überschüssige Arbeitskräfte zu absorbieren. Dieses Projekt scheiterte an der Raffgier einiger.
Auch auf internationaler Ebene herrscht Krieg gegen die haitianischen Bauern. Die USA errichteten die schwimmende Mauer, um die Flüchtenden aufzuhalten, und die Dominikanische Republik nutzt jeden Flüchtling für die Zuckerplantagen. Dieser Krieg wird aber nur mit gezielten Aktionen geführt, es ist ein Krieg geringer Intensität.
Der haitianische Bauer, gejagt in seinem Weiler, seinem Markt, seiner Sektion, ist ohne Möglichkeit, seine Lage im Sine der Demokratie zu verändern. Er lebt diesen Krieg im Widerstand. Es muß sich etwas ändern im ländlichen Haiti, auch wenn das Neue noch nicht klar erkennbar ist. Auch wenn das Schlimmste heute überwiegt, ist es noch nicht voraussehbar, wie sich das Kräfteverhältnis zukünftig entwickeln wird. Es sei denn, die Demokratie in Haiti erhält eine zweite Chance.

Der Haitianische Autor ist Professor der Geographie In Quebec. In der FebruarIMarz- Ausgabe von “Sciences Humaines” erschien sein Artikel zur haitianischen Bauernschaft (leicht geändert entnommen aus Haiti-Info).

Kasten:

Kommentar: Schlechtes Remake

Medienwirksam hat die Clinton-Regierung die Verhärtung ihrer Politik gegen das Militärregime in Port-au-Prince inszeniert. Doch die Einfallslosigkeit der AkteurInnen im karibischen Krisenherd Haiti erinnert eher an ein miserables Remake längst fehl­geschlagener Maßnahmen: Neues Embargo, neue Asyl­verfahren für haitianische Flüchtlinge, Errichtung von Flüchtlingscamps auf den Bahamas, neue Drohungen gegen die Militärs, ein neuer de-facto Präsident, der doch wieder nur eine Marionette der Putschisten ist.
Während das Embargo mit eklatanten Menschenrechts­verletzungen in Haiti begründet wird, schieben die USA nach wie vor haitianische Flüchtlinge in ihre Heimat ab. Daß ausgerechnet US-Kriegsschiffe im Hafen von Port-au-Prince einlaufen, um geflohene HaitianerInnen von Bord zu schicken, macht das ganze Ausmaß an Zynismus der US-Politik augenfällig.
Gleichzeitig erscheinen immer neue Nachrichten von Massakern: Bilder verstümmelter Opfer, deren Leichen von Hunden und Schweinen angefressen werden. Eine menschliche Antwort muß her. Der arg gescholtene Clinton zieht die Cowboy-Stiefel an und fordert vom UN-Sicherheitsrat die Verschärfung des Embargos. Es spielt keine Rolle, daß genau das bereits seit langem von Kanada und Frankreich gefordert wird. Bill ist der Held des Augenblicks. Die Drohung einer Militärintervention wird durch Seemanöver vor der haitianischen Küste untermauert. Hurra, wir nähern uns einer US-amerika­nischen Lösung! Was zählen in diesem Moment schon die Zweifel Aristides, der weder an die Wirksamkeit des Embargos glaubt, noch sein Plazet für ein militärisches Eingreifen geben möchte? Big brother befindet sich im Einsatz und ist entschlossen, eigene Interessen zu opfern. Das Einfuhrvolumen aus Haiti hat sich seit der Verhängung des Embargos vervielfacht. Die Produkte der Lohnveredelungsindustrien fielen nicht unter die Handelsblockade. US-Firmen können auch weiterhin billige Basebälle importieren.
ZT Absurdes Polittheater
Die Verschärfung des Embargos wird ausgerufen. Die Visa für 600 AnhängerInnen des Putsches werden annulliert. Doch Cedras gibt nicht auf, und die Spannung steigt! Sein Gegenschlag läßt nicht lange auf sich warten: Auf sein Geheiß wählt eine Handvoll korrupter ParlamentarierInnen eine neue Marionette zum Präsidenten. Kurz darauf wird die dritte de-facto-Regierung gebildet. Die internationale Gemeinschaft reagiert mit Mißachtung. Clinton befindet sich in Zugzwang, seinen Drohungen jetzt Taten folgen zu lassen: Einige Manöver mehr und eine wie bestellt klingende Rede Malvals, des ehemaligen Premiers der Aristide-Regierung, in der Offiziere und Parlaments­angehörige namentlich angegriffen werden. Woher nimmt der bereits in Vergessenheit versunkene Malval diesen Mut?
Zur selben Zeit berichtet die für Menschenrechte zuständige Beamtin der US-Botschaft in Port-au-Prince, AnhängerInnen des gestürzten Präsidenten hätten angebliche Menschenrechtsverletzungen in den meisten Fällen frei erfunden. Sogar die von UNO/OAS-Beobachtermissionen gemeldeten Fälle politisch motivierter Vergewaltigungen stellt sie in Frage. Diese Form der Gewalt sei Bestandteil der haitianischen Kultur. Die Interamerikanische Kommission für Menschenrechte entsendet prompt eine weitere Delegation nach Haiti, die eine erschreckende Bilanz der alltäglichen Gewalt durch die Militärs zieht.
Also nichts Neues in Haiti? Wird es noch lange dauern, dieses abgekartete Spiel der “Wahrung US-amerikanischer Interessen” bei gleichzeitiger Wahrung der demokratischen Fassade? Würden die Menschen in Haiti nicht so schrecklich leiden, könnte man über dieses absurde Polit-Theater lachen.

Carole Sambale-Tannert

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