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Mallku und Politiker

Noch ist es ruhig im Land, und es wird in verschiedenen Kommissionen getagt. Während in einer ganzen Reihe von Punkten die Zugeständisse der Regierung umgesetzt sind oder sich auf dem Weg dahin befinden, wird der Streit um das Agrarreformgesetz von 1996 („Ley INRA“) immer mehr zum zentralen Thema der Auseinandersetzungen. Der von Quispe vorgelegte alternative Gesetzentwurf für ein „Ley Indio“ enthält eine Reihe radikaler und antikapitalistischer Elemente, die sich schwerlich im Rahmen marktwirtschaftlicher Demokratie umsetzen lassen. So heißt es beispielsweise: „Das Land gehört denen, die es selbst beackern, und nicht denen, die es beackern lassen“, und: “Es wird das Recht auf kollektiven Landbesitz der ‘Ureinwohner-Völker’ anerkannt und nur in Ausnahmefällen das Recht auf privaten Landbesitz“. Damit wären sowohl die bezahlte Landarbeit als auch die kapitalistischen Agrarbetriebe abgeschafft. In einem
weiteren Artikel wird das alleinige Anrecht der Indígenas auf sämtliche Bodenschätze und natürlichen Ressourcen auf und unter ihrem Gebiet festgeschrieben.
Der vorgelegte Gesetzentwurf macht deutlich, dass es weniger um die Erarbeitung eines juristischen Regelwerkes geht, sondern hier vielmehr versucht wird, grundlegende ideologische Auseinandersetzungen über die Natur des bolivianischen Staates zu führen.
So heißt es denn an anderer Stelle auch ganz konkret: „Die juristische Einheit des Territoriums der indigenen und Ureinwohner-Völker umfasst auch ihre Souveränität und Rechtsprechung“ – dies würde das Bestehen von souveränen Gebieten innerhalb des bolivianischen Staates bedeuten, also Staaten im Staat auf ethnischer Basis.
Die bisher von Quispe verfolgte Doppelstrategie besteht aus zwei zentralen Elementen: Als Präsident des nationalen Dachverbandes der Bauerngewerkschaften agiert er mit der permanenten Drohung einer erneuten Blockade-Runde, was ihm im ganzen Land Furcht oder Respekt einträgt.
Das zweite Element ist die Gründung einer eigenen Partei, als Aufbruch zum Marsch durch die Institutionen. Hier steht die Kandidatur für das Präsidentenamt oder ein Sitz im Parlament bei den 2002 anstehenden Wahlen in Aussicht, mit der entsprechenden öffentlichen Aufmerksamkeit.
Um nicht völlig tatenlos zu erscheinen, hat Präsident Bánzer zum Jahreswechsel eine „Sondereinheit zur Früherkennung von Krisenherden“ aufgestellt, ein ministeriales Frühwarnsystem sozusagen. Der für die Koordinierung zuständige Präsidialamtsminister Walter Guiteras musste jedoch bereits nach wenigen Tagen wegen erheblicher Verfehlungen im Amt zurücktreten (vgl. nachfolgenden Artikel). Damit war auch das Schicksal der Sondereinheit besiegelt.

Zwischen Wahlen und Blockaden

Die Gründung einer eigenen Partei durch den mallku war das zentrale Ereignis seit dem Ende der Blockaden im Oktober – und für viele eine Überraschung. Am 14. November 2000 wurde von Felipe Quispe in Anwesenheit von über 3000 Bauern und Bäuerinnen aus vielen Teilen des Landes die Indígena-Bewegung Pachakuti (MIP – Movimiento Indígena Pachakuti) gegründet. Tag und Ort des Geschehens sind historisch: In dem 64 Kilometer nördlich von La Paz gelegenen Dorf Peñas wurde auf den Tag genau vor 219 Jahren der Aymara-Führer Túpac Katari von den Spaniern gevierteilt. Túpac Katari war die zentrale Figur des Aymara-Widerstandes gegen die Ausbeutung durch die spanischen Kolonialherren und deren Nachfolger.

Partei der Aymaras oder aller Indígenas?

Der öffentliche Diskurs von Felipe Quispe ist kraftvoll, oft aggressiv und beleidigend, und fast immer widersprüchlich. Der Chef des Bauern-Dachverbandes ist bekannt für seinen ausgeprägten Hang zur Selbstdarstellung und gelegentliche Anflüge von Größenwahn. Wenn auch diese Eigenschaften in den Auseinandersetzungen mit der Regierung die entscheidenden „Erfolgsfaktoren“ sein könnten, so sind sie hinsichtlich der eigenen Klientel ein großer Nachteil.
Der Dachverband der bolivianischen Bauern-Organisationen CSUTCB steht keineswegs geschlossen hinter dem mallku, sondern ist vielmehr in sich gespalten und zerstritten. Als Kompromisskandidat im November 1998 für zwei Jahre gewählt, müsste der Aymara Quispe turnusgemäß von einem Quechua abgelöst werden. Um die Umsetzung der Abkommen mit der Regierung begleiten zu können, ist die Amtszeit von Quispe als Präsident der CSUTCB bereits außerordentlich „um ein paar Monate“ verlängert worden. Genaueres soll der nächste Bauern-Gewerkschaftskongress klären, der kurzer Hand von November auf Ende Januar verschoben wurde.
Zwischenzeitlich hatte die Fraktion der Gegner des mallku um den Führer der Coca-Bauern Evo Morales bereits „ihren“ Kongress abgehalten, auf dem Quispe das Mandat aberkannt wurde. Eine Maßnahme, die jedoch ohne praktische Wirkung geblieben ist.
So hat die Gründung einer eigenen Partei in den Reihen der Bauernbewegung keinesfalls einhellige Zustimmung gefunden, ganz im Gegenteil: Von den Vertretern der Quechua-Bauern wurde sogar von „Verrat an der Bauernbewegung“ gesprochen. So wie der mallku sich bisher nicht zwischen Gewerkschaftsbewegung und politischer Partei entschieden hat, so wenig hat er die Frage geklärt, ob er einen Aymara- oder einen Indigena-Staat anstrebt, der auch die Quechuas, Guaraníes und verschiedene kleinere Tiefland-Ethnien umfassen würde. Bei der Parteigründung waren zwar zahlreiche Indígena-Vertreter aus verschiedenen Landesteilen gekommen, doch die Veranstaltung fand in der Sprache der Aymara statt – was insbesondere auch für die Vertreter der spanischsprachigen städtischen Medien ein großes Problem darstellte.
Zu den erklärten Zielen der neuen Partei gehört es, die Macht in Bolivien zu ergreifen, eine neue Verfassung zu verabschieden, in der die Vorherrschaft der Bauern festgeschrieben ist, eine Bauern-Armee aufzustellen sowie einen Aymara-Staat zu schaffen. Insbesondere der letzte Punkt führt dann bei Quispe schnell zu rassistischen Tönen. Quispe selbst sieht das anders: „Es ist nicht die Befreiung der Indigenas, die rassistisch ist. Rassistisch ist, wer die Befreiung der Indígenas als Problem ansieht.“
Es ist zwar sicherlich gelungen, das traditionelle Parteiensystem aufzurütteln, ob es aber gelingt, über einen regionalen beschränkten Rahmen hinaus das Parteiengefüge nachhaltig zu verändern, darf bezweifelt werden. Nach traditionellem Muster versucht das politische System die neue politische Kraft zu vereinnahmen, anstatt sich einer ernsthaften Auseinandersetzung mit der Herausforderung von Felipe Quispe zu stellen.
Interessant in dieser Hinsicht ist ein Blick auf die zahlenmäßige Basis des mallku: Mehr als die Hälfte der BolivianerInnen lebt schon heute in Städten und empfindet sich mehr als MestizInnen denn als Indígenas. Von der Landbevölkerung sind etwa ein Drittel Aymaras, von denen sich jedoch ebenfalls ein nicht unbeträchtlicher Anteil als mestizisch definiert. Dem ausschließlich auf die ländliche Aymara-Bevölkerung zugeschnittenen Diskurs sind daher enge Grenzen gesetzt. Darüber hinaus hat sich Quispe mit seinen radikalen Aussagen insgesamt innerhalb der bolivianischen Bauernbewegung ins Abseits manövriert. So ist momentan trotz seiner Erfolge in der Auseinandersetzung mit der Regierung unklar, welche Auswirkungen die Neuwahlen auf dem nationalen Gewerkschaftskongress der Bauernbewegungen Ende Januar haben werden. Eine erneute Wahl von Quispe erscheint mehr als unwahrscheinlich: Drei der neun regionalen Bauern-Gewerkschaften werden von der kleinen linken MBL (Bewegung Freies Bolivien) kontrolliert, drei weitere vom Chef der Coca-Bauern, Evo Morales. In Cochabamba hat Alejo Veliz, Gegenspieler von Evo Morales, das Sagen; La Paz wird vom mallku kontrolliert, und der unbedeutende Verband des Departments Pando ist unabhängig. Schweres Spiel also für den mallku, und letztlich hängt alles von der Haltung der MBL-kontrollierten Departments ab. In jedem Falle wird Quispe als regionaler Machtfaktor im nördlichen Altiplano erhalten bleiben.

Kasten: Felipe Quispe im O-Ton

Auszüge aus Interviews, die wenige Tage nach dem erfolgreichen Ende der landesweiten Blockaden Anfang Oktober vorigen Jahres geführt wurden
Im April (d.h. nach den ersten landesweiten Streiks, Protesten und Straßenblockaden; d.Red.) hast du gesagt: „Dies war nur eine Übung.“

Wenn der April nur eine Übung war, was war dann der September?

Wir, als indigenes Volk von Ureinwohnern, brauchen immer einige Übungen, um eine Revolte zu machen; das hat uns Leben und Blut gekostet, das ist der Preis. Der April war ganz klar die erste Übung, der September die zweite. Nun kommt die dritte. Die dritte kann die endgültige sein, das werden wir in den Coca-Blättern lesen.

Du hast im April gesagt, dass du nicht an das Abkommen glaubst, das du mit der Regierung unterschrieben hast. Du hast gesagt, das sei ein Affentanz. Und auch jetzt glaubst du nicht recht an das (neue) Abkommen, der Weg scheint vorgezeichnet …

Den Regierenden gefällt es, ihre Erlasse zu haben und mit Papier um sich zu werfen, aber Papier ist geduldig. Doch wir wissen ganz genau, dass das Abkommen nicht eingehalten wird. Damit dies aber geschieht, müssen wir erneuten Blutzoll zahlen, und das werden wir auch tun.
Welches sind die Ziele, die die Bauernbewegung verfolgt?
Wir werden für Boden und eigenes Land kämpfen, wir wollen Autonomie. Aus diesem Grund gibt es in Achacachi (der Hochburg Quispes; d.Red.) keinen Sub-Präfekten und auch keinen Corregidor mehr, nur eine Kaserne, und die werden wir auch noch rausschmeißen. In Pucarani (der Nachbarkommune) haben wir den Sub-Präfekten auch schon rausgeworfen, und nach und nach werden wir alle politischen Repräsentanten aus unserem Gebiet rauswerfen, auch die Bürgermeister. Wir werden den Ring, die Umzingelung von La Paz aufrechterhalten, um diese Stadt als Reserve für uns zu haben … Wir werden die UN bitten, dass sie unsere „geheime Nation“ anerkennt, die der Bauern und Indigenen Boliviens, die ihre eigene Religion hat, ihre eigenen Hoheitszeichen und ihr eigenes, auf den Ayllus basierendes Justizsystem.

Auf dem Weg der Bauern-Autonomie wollen Sie in den Regierungspalast oder das Parlament einziehen?

Ich habe nicht vor, an die Macht zu gelangen, ich habe keine Ambitionen, ich will meine Bauern-Brüder auf ein höheres Niveau heben. Ich will nicht Präsident werden und dann die armen Leute in den Straßen sehen; mein Ziel ist es, den Bauern aus ihrer Armut herauszuhelfen.

Denken sie darüber nach, eine politische Partei zu gründen?

Wir haben nicht das Geld, um für die Kosten und den Aufwand aufzukommen, die eine Partei benötigt. Davon abgesehen wird der Wahlgerichtshof alles daran setzen, die Beteiligung von Felipe Quispe zu behindern, denn die Verfassung verbietet die Kandidatur von Revolutionären. Außerdem halte ich es nicht für nötig, in die Politik einzusteigen, um mein Volk zu vertreten, obwohl es Leute gibt, die mich dazu drängen wollen, denn nach den Auseinandersetzungen (vom September und Oktober vorigen Jahres; d.Red.) sehen mich die Bauern als Retter und Erlöser. Aber ich glaube, das wäre ein großer Fehler, denn dann wäre ich genauso wie meine Bauern-Brüder im Parlament, die nichts für ihr Volk tun.

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