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„MANCHMAL FOLGE ICH MEINEM SCHATTEN“

„Manchmal folge ich meinem Schatten / manchmal kommt er hinterher / Armer Schatten / wenn ich einmal tot bin / hat er niemanden mehr.“ Pedro Aznars Stimme, einzig von einer Rahmentrommel begleitet, füllt den Raum mit Wehmut, als er das Gedicht „Vidala mi sombra“ (Vidala, mein Schatten) von Atahualpa Yupanqui singt. Mit Schatten beginnt auch der Film Argentina des spanischen Regisseurs Carlos Saura. Schemenhafte Gestalten erscheinen nebeneinander, die eine klein und humpelnd, die nächste geschmeidig und hüpfend, eine andere mit auffälliger Kopfbedeckung, wieder andere massig und träge. Viele von ihnen halten ein Instrument in den Händen. So viel lassen die schattenhaften Konturen erahnen: Argentinien ist ein Land, das sich aus vielen Kulturen zusammensetzt, musikalisch beeinflusst von Traditionen der Pampa oder der argentinischen Großstädte, von Wandermusiker*innen aus den Anden, jüdischen Einwanderer*innen oder solchen aus Italien und der Ukraine.
All diesen Klängen geht der preisgekrönte Regisseur in seinem neuen Film nach. Die Schatten treten schließlich aus der Kulisse hervor und werden zu farbenfrohen Menschen, die die unterschiedlichsten Musikstücke vortragen und oft auch, in filmisch gut aufbereiteten, Choreographien oder Volkstänzen darstellen.
Ob zweistimmige Traurigkeit von Gabo Ferro und Luciana Juray, andiner Karnevalstanz in schillernden Verkleidungen, dem Tango ähnliche Tänze zu Chacacera-Rhythmen, die inbrünstige Besingung des Mondes von Tucamana durch Liliana Herrero, das avantgardistische Trommeln auf den Hämmern eines offenen Klavierflügels oder aber der Katzentanz: Tradition und Wurzeln, so trägt es der Film an uns heran, haben nichts mit „alt“ oder gar „altmodisch“ zu tun. Eine bunte Vielfalt tut sich in dieser Reise durch die Ursprünge der argentinischen Musik auf – die Interpret*innen sind jung und alt, und immer grundverschieden. Die Einblendung deutscher Untertitel ermöglicht darüber hinaus ein tiefergehendes Verständnis der einzelnen Musikstücke.
Das Vorgehen von Regisseur Carlos Saura in diesem Film ist dabei untypisch: Kommentarlos folgen die Lieder der verschiedenen Musiker*innen oder Tänzer*innen aufeinander. Es ist weniger ein Dokumentarfilm als vielmehr eine Kamera, die zuhört. Um diesem Zuhören voll und ganz nachzukommen, wird darauf verzichtet, Informationen zu liefern. In dem sehr weißen und europäisch geprägten Argentinien hebt Saura auf diese Art die – unter anderem indigene – musikalische Vielfalt hervor.

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