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Meine private Cholera

Ich liege auf dem rostigen Ponton von Waussa (Venezuela), zu schwach, um die Militärgarnison auf dem Hügel zu erreichen, höre die sechs Soldaten, die einen Grenzabschnitt von hundert Meilen bewachen müssen, unendlich weit entfernt mit ihren Dominosteinen knallen, höre die Trikolore schlapp am Mast baumeln, höre das Summen fetter Fäulnisfliegen. Und ich begreife meine eigene Begrenztheit und die Endlichkeit meines Daseins wie selten zuvor. Über mir, im glasigen Himmel, kreist der Geier: „Jetzt ist es vorbei. Ich bin nicht wichtig, für den Dschungel ist mein Tod ein schnell vergessenes Fest. Ich kann kein Wasser mehr trinken; je mehr ich trinke, desto mehr trockne ich aus; nur noch ansehen darf ich es, davon träumen… Jeder Schluck bedeutet zehn, die ich auskotzen werde, und dazu eine Durchfallattacke. Welcher Tag ist heute? Der 10. Dezember 2000.“
Waussa. Ein Inselberg, 20 Meter hoch, an der Kniekehle des Amacuro-Flusses, der hier die Richtung ändert, von der Grenze mit Guyana wegdreht und nach Venezuela hineinfließt, um im Orinoko aufzugehen. Die Soldaten, die einzigen Einwohner Waussas, sind da, um jedes Boot zu kontrollieren. Aber es kommt nie eins. Die Schmuggler biegen lieber vorher in den Korosoima-Bach, der bringt sie sicher rüber nach White Water, Guyana.
Alle paar Monate wechseln die Soldaten, und doch sind sie alle Glieder einer endlosen Kette: Da nichts zu tun ist und die Hitze unerbittlich, wuchern wie Pilze Apathie und Langeweile in ihnen. Bald werden sie aufgehört haben, Domino zu spielen, werden viel schlafen und faul wie tote Baumstämme. Einer kümmert sich ab und zu um die Kokospalmen oder Kochbananenableger, die seine Vorgänger gepflanzt haben, ein sehr Kreativer baut Yams an oder züchtet Wachhunde „gegen Tiger und andere Eindringlinge”, und immer gibt es einen mit liebeswundem Herz, der hinabsteigt zur Landestelle, die umwoben ist von Bambusdickicht, um auf dem Grab der Mirella del Valle Pablo (1971-1988) eine Zigarette zu rauchen oder ein Ave Maria zu murmeln. In diesen seltenen Momenten der Aktivität hat jeder zwei Begleiter: seine Maschinenpistole und die Angst vor den „drei wilden Schwestern“.
Denn hinter der Garnison stehen eine hohläugige Markthalle und eine hohläugige Schule, und um den Hügel liegt eine hohläugige Siedlung (die modernste auf hundert Meilen): 15 überwucherte Betonhäuser, in denen Vampirkolonien nisten und Schlangen brüten. Schlingpflanzen sind in die Disko eingedrungen, haben die Tanzfläche durchquert, die Bar erobert. In der Dorfmitte befindet sich die Quelle; am Ufer zeichnen sich Jaguarspuren ab. 60 Familien wohnten hier, fünf Jahre hielt es sie in den Häusern, die der Staat gebaut hatte, sie tanzten Cumbia, warteten auf Arbeit, staatliche Kredite, das Ende der Moskitos. Es war eine Sägemühle versprochen, Hilfe für Viehzucht, Ackerbau. Doch allein Malaria, Gelbfieber, Cholera, die „drei wilden Schwestern“, ließen nicht auf sich warten. Nach Mirellas Tod tanzten nur noch Moskitos. Und nun fühlen sich die Soldaten angeglotzt von den hohlen Fenstern, und weil sie in der Nacht Schreie und Gestöhn hören, bleiben sie auf dem Hügel, spielen Domino und halten die Waffen fest.
Es war schon der zweite Siedlungsversuch: 1927 gründete Padre Benigno de Fresnellino eine Missionsstation, in der hunderte indianische Kinder erzogen wurden: Waisen, Verlassene und solche, die von ihren Eltern geschickt oder genommen wurden. Doch die „drei Schwestern“ waren bald da, wie Diebe in der Nacht, und mit ihnen ihre Dämonen: Durchfall, Schmerzen, Fieber. Als Nonnen, die in British Guiana Dienst taten, auf Besuch kamen, fanden sie den einst so frohen Hügel, von wo sich stets gottgefällige Choräle in den Himmel schwangen, nahezu leblos. Man sagt, schuld sei der Teich gewesen, von dem die Missionare Wasser schöpften: Giftige Blätter seien hineingefallen. Oder es sei die Quelle selbst, die von sich aus zu bestimmten Jahreszeiten toxisch werde, und der langsame Vergiftungsprozess habe dann die Epidemie verursacht.
Drei schöne weiße Nonnen lebten in Waussa. Eine sollte im Einbaum weggebracht werden. Ihre heiße Stirn berührte den Himmel zwischen den schwarzen Baumkronen des Uferwaldes, als sie flussabwärts trieb auf dem Spiegelfluss, in dem sich ein zweiter Himmel, umrahmt von den gleichen schwarzen Baumkronen, unendlich weit in die Tiefe fortsetzte. Und so starb sie, auf dem Fluss, der Trennlinie zwischen zwei Himmeln, ausgestreckt im Einbaum. Der wendete und brachte sie zurück, wo sie begraben wurde. Die Mission hörte, 13 Jahre nach ihrer Gründung, auf zu existieren.
Ist es nun an mir? Ich bin mit der hinduistischen Flusshändlerin ShriDevi* gekommen, die unter den isolierten Indigenen stromaufwärts junge Mägde rekrutieren möchte, da Tiana*, die schwangere Schöne aus Hotoquai, sich am Vatertag mit einem Ameisenbekämpfungsmittel umgebracht hatte und nun das Weihnachtsgeschäft bevorsteht. Als wir das Dispensarium am mittleren Amacuro erreicht hatten, einen fast leeren Rohbau mit fleckigen Wänden, welche teils von Cholera-Warnpostern überklebt waren, wollte mich der mit einer Schlange tätowierte Doc, grade selbst von einem Malariaanfall genesen, an den Tropf legen. Da hatte mich die „wilde Schwester“ erst drei Stunden am Kragen: Und so weigerte ich mich. Ja anfangs hatte ich mich sogar geweigert, sie als das, was sie ist, zu akzeptieren: „Atme tief und puste sie aus, wie es die Schamanen der Waraos machen!“
Jetzt, drei weitere Stunden später, auf dem Ponton, bereue ich, nicht im Dispensarium zu sein. Seit ich den Wachhunden, die mich bei meiner Ankunft in Waussa umzingelten, mit heruntergezogenen Hosen auf die wütend gefletschten Schnauzen gekotzt habe, lassen sie mich in Ruhe: Sie haben Aasgeiern Platz gemacht …
Doch ShriDevi, die sich weit flussaufwärts befinden muss, wird zum Glück von Sorgen eingeholt, oder vielleicht spürt sie die Geier; sie nimmt die zwei Mädchen, die sie überreden konnte, mit sich, und bald sehe ich ihren Ballahoo-Schoner auftauchen. Adíos, Waussa!
Abends erreichen wir Santa B., unser am Orinoko gelegenes Dorf. „Ich bin jetzt deine Mutter, du brauchst dich nicht zu schämen, egal, was passiert!“ Sie bereitet Busch-Medizin zu: Tee aus Guavenblättern, Brei aus jungen Kochbananen, betet, weint, wäscht das Haus mit ammoniakhaltiger Essenz, die ihr der Obeahman verordnet hatte, um Geister auszutreiben, seufzt: „Ist Tiana bei uns eingedrungen? Wann gibt sie Ruhe?“
In der Nacht liebkosen mich Todesahnungen. Mein Körper ist so ausgetrocknet, dass ich in Armen und Beinen kein Gefühl habe. Im Bauch spüre ich Ameisen, die sich zur Brust hin bewegen. Ich weiß, bald werde ich bewusstlos. ShriDevi rennt zur Krankenstation, holt den Arzt und die Schwester, die niemand anderes ist als ihre Erzfeindin im Streben um Einfluss und Macht. Diese Person rammt mir die Kanüle statt in die Vene in die Arterie, aus der sofort Blut spritzt. Auf Tianas Grab hat man oft magische Objekte gefunden, darunter neulich eine tote Katze und eine weiße, nadeldurchbohrte Wollpuppe, angeblich Werk dieser Krankenschwester. „Oh, es bedeutet Unglück, wenn es im Haus einen Toten gibt!“, ruft ShriDevi. Der Doc legt mich an den Tropf, injiziert Antibiotika. Die ganze Nacht kümmert sich ein Pfleger; früh verlagert er mich auf die Veranda, in die der Passat weht.
Die Mägde werden eingewiesen: „Yuh know how fuh wipe out house? – wisst ihr, wie man Fußböden wischt?“ „Nah, we nah clean house! – Nein, zu Hause machen wir das nie!“ Alles lacht, aber sie haben recht: die wandlosen Hütten der Indigenen, deren Boden aus Manikol-Palmstämmen besteht, kann man gar nicht säubern, sondern lediglich die morschen durch frische Stämme ersetzen.
Zahlreiche Dörfler, Indigene, Schwarze, Hindus, flüstern um mich her: „Er war doch bei Tiana auf dem Friedhof!“ – „Nein, er hat Nara!“ Nara, diese mystische Krankheit, bekommt, wer im Speedboot bei rauer See unterwegs war, wer Feldarbeit verrichtete, Lasten trug und stürzte. Man spürt Symptome wie bei einer Blinddarmentzündung, und stirbt dann.
„Nein, die Ursache ist der böse Blick, bad eye! Es gibt doch stets Neider und Feinde!“ Oft leiden die Kleinen daran, so dass die meisten Hindu-Babys einen Tikka, einen schwarzen Punkt aus dem Ruß der Diyas, der Öldochte des Diwali-Festes, auf die Stirn gemalt bekommen, welcher den bösen Blick von den Pupillen ablenkt. Die Waraos legen ihren Kindern Armbänder aus Aku yuro-Palmkernen um, Erwachsene tragen Ringe aus Kokerite-Samen. „Er hat doch das Fläschchen unterm Bett gefunden; jemand hat es dorthin geschmuggelt; es enthielt einen Zauber!“
Abends kommt die Hexe, und als ich sie im Schein des Dochtes erblicke, schaudert mir: Nie habe ich eine so wilde Frau gesehen, mit Händen und Füßen wie Klauen. Sie lächelt unberechenbar, lüstern: „Mach dich frei! Ah, du willst, dass ich es tue, auch gut!“, schleudert das Laken weg, presst mir ihre Hand auf den Bauch: „Tut das weh, mi amor? Wir werden ein paar Messungen durchführen. Ein Seil, bitte! Ich messe jetzt den Weg, den dieses Band braucht, um von deiner rechten Brustwarze zum Nabel zu gelangen“, sagt sie, legt die Schnur an meinen Körper, „und jetzt die Entfernung von der linken Brust zum Nabel. Hm, gleich lang, also kein Nara! Trotzdem kriegst du es komplett!“ Sie reibt mich mit Kokosöl ein und massiert mich von Kopf bis Fuß, bis mir Tränen kommen.
Später erscheint ShriDevi: „Du bist noch immer verhext, da bleibt allein eines: Jhare!“ Sie geht in die Küche, um alles vorzubereiten. Ich male mir aus, was wohl jetzt passiert und ob ich es überlebe. Da ist sie wieder: würdevoll, gefasst. In der Hand hält sie ein in Zwiebelhaut gewickeltes Bündel, das Knoblauch, Zwiebelfleisch, Stücken scharfer Pfefferschoten etc. enthält. „Bitte drehe dich um und schließe die Augen, ich will nicht, dass du siehst, was ich jetzt tue.“ Ich gehorche, sie legt ihre von der Sonne schwarz gebrannte, goldberingte Hand auf meinen Kopf und flüstert ein Gebet. Mit einem puff! explodiert das Zwiebelbällchen. Eine Stunde später esse ich das erste Bisquit. Die „wilde Schwester“ sagt Tschüß! Ich nicht: Santa B., dem Dorf am Orinoko, werde ich auf immer verbunden bleiben.

*Name geändert

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