«

»

Artikel drucken

México, México – Ra Ra Ra !!!

Siege gegen den Fußballzwerg St. Vincent waren von mexikanischer Seite her fest eingeplant worden. Zuletzt hatte es 1992 unter dem damaligen argentinischen Trainer Menotti einen 11:0 Kantersieg gegeben. Dementsprechend wurde in den mexikanischen Medien im Vorfeld auch nur über die Höhe des Sieges diskutiert. Doch statt eines Torefestivals gab es beim Hinspiel auf der Insel ein mageres 3:0. Schlecht gespielt, aber dennoch gewonnen. Daß Großmäuligkeit nicht vor Strafe schützt, mußte die mexikanische Elf in ihrem zweiten Hinrundenspiel in Tegucigalpa, der Hauptstadt von Honduras, erfahren: Mit einer 2:1 Niederlage wurden Torwart Jorge Campos & Co. nach Hause geschickt. Zwar konnte Mexiko seine Chancen durch einen hart erkämpften 2:1 Sieg über Jamaica im heimischen Azteken-Stadion wahren, der Glanz früherer Jahre war jedoch verflogen.

Bora unter Druck

Trainer Bora Milutinovic, dem bei der WM 1994 als US-Coach so mancher Überraschungscoup geglückt war, geriet immer mehr in die Schußlinie der Kritik. Diese nahm nach einer indiskutablen Leistung seiner Mannschaft im folgenden Heimspiel gegen St. Vincent zu. Zwar konnte durch einen 5:1 Sieg die Tabellenspitze der Gruppe 3 zurückerlangt werden, da sich gleichzeitig Honduras und Jamaica 0:0 getrennt hatten, die “Bora Raus”-Chöre waren jedoch nicht zu überhören.
Während des gesamten Spiels wurden die Aktionen der Mexikaner vom eigenen Publikum mit einem gellenden Pfeifkonzert begleitet. Unvorstellbare Szenen spielten sich ab. 35.000 maßlos enttäuschte ZuschauerInnen feuerten nicht ihr Nationalteam an, sondern die tapfer aufspielenden Kicker aus St. Vincent. So wurde der Ehrentreffer des Außenseiters durch Velox zwei Minuten vor Schluß enthusiastisch gefeiert und auch am nächsten Tag in der Presse als beste Aktion der Begegnung gewürdigt. Kendall Velox hatte eine Hackenvorlage von Alwyn Durham durch einen Direktschuß aus 20 Metern in den Winkel verwertet und die gute Leistung seines Teams gekrönt.
Das Rückspiel gegen Honduras am 6. November 1996 wurde für Mexiko und vor allem Bora Milutinovic zum Schicksalsspiel. Der Angstgegner mußte geschlagen werden. Schon mehrere Stunden vor Spielbeginn belagerten Tausende das Azteken-Stadion. Nach und nach füllte sich die riesige Betonschüssel. Die emsigen Bierverkäufer hatten Schwerstarbeit zu verrichten, um die 110.000 durstigen Kehlen mit Corona zu versorgen. Als das Spiel dann endlich um 18 Uhr angepfiffen wurde, glich die Fußball-Arena einem Hexenkessel. Trauben von Luftballons und unbeschreibliche Mengen an Konfetti regneten von den oberen Rängen herunter. Knallkörper, Tröten und der immer wieder aufbrandende Anfeuerungsruf “México, México – Ra Ra Ra” sorgten für eine Lärmkulisse, in der die Sprechchöre der wenigen angereisten Honduraner untergingen.
Schon in der ersten Halbzeit machte das mexikanische Team alles klar. Spielerisch und kämpferisch überlegen begann von der ersten Minute an ein einziger Sturmlauf auf das Tor der von der Kulisse eingeschüchtert wirkenden Gäste. Nach mehreren Pfostenschüssen war es dann soweit: In der 32. Minute erzielte Benjamin Galindo nach Vorarbeit von García Aspe das vielumjubelte 1:0. Der Bann war gebrochen. Nur drei Minuten später folgte das 2:0 durch Carlos Hermosillo. Als auch noch kurz vor der Halbzeit Zague nach einem schönen Anspiel Hermosillos zum 3:0 einschieben konnte, war die Entscheidung gefallen. Die zahlreichen “Bora Raus”-Transparente waren nun verschwunden. Allerdings tauchten sie gegen Ende der Partie wieder auf. Denn das mexikanische Team ließ in der zweiten Hälfte jeglichen Offensivgeist vermissen und beschränkte sich darauf, den Vorsprung über die Zeit zu schaukeln. Anstatt das Publikum für die letzten miserablen Spiele durch einen höheren Sieg zu entschädigen, wurden Ballhalten und Langeweile geprobt. Dadurch kam Honduras immer stärker ins Spiel und konnte durch einen Elfmeter in der 67. Minute auf 1:3 verkürzen. Zu mehr reichte es nicht. Damit hatte sich Mexiko als erste Mannschaft der Gruppe 3 vorzeitig qualifiziert.

Ian did the right thing

Der letzte Spieltag hatte dementsprechend für Mexiko wenig Bedeutung. Da ein Sieg von Honduras gegen St. Vincent von niemandem bezweifelt wurde, mußte Jamaica gegen Mexiko gewinnen oder unentschieden spielen, um ebenfalls die Endrunde zu erreichen. Allerdings sorgten Gerüchte, daß Mexiko ein Ausscheiden von Honduras einem eigenen Gruppensieg vorziehen würde, schon im Vorfeld der Begegnung für Furore. Wie auch immer: Jamaica schlug Mexiko am 17. November durch ein Tor von Ian Goodison sieben Minuten vor Schluß mit 1:0 und kletterte an die Tabellenspitze. Mexikos Angstgegner Honduras schied trotz eines 11:3 (!) Heimsieges über St. Vincent aus. Angesichts der historischen Chance, sich erstmals für die WM zu qualifizieren, wird in Jamaica nun eifrigst diskutiert, ob in England spielende jamaicanischstämmige Profis kurzfristig in die Mannschaft integriert werden sollen. Die Mehrheit ist dagegen, weil sie darin eine Abwertung der auf Jamaica spielenden Akteure sieht. So wird wohl weiterhin auf den Teamspirit von Ian und Co. gesetzt, die schon mit dem bisher Erreichten jamaicanische Fußball-Geschichte schrieben.

Permanentlink zu diesem Beitrag: https://lateinamerika-nachrichten.de/artikel/mexico-mexico-ra-ra-ra/