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Mit anderen Augen gesehen

Heutzutage bedeutet es etwas anderes als früher, mit comunicación popular, mit dem Austausch von Botschaften unter gleichberechtigten PartnerInnen, zu arbeiten. Auf den ersten Blick mögen die Veränderungen als nicht sehr groß erscheinen, da das Bemühen um Partizipation der Zielgruppen nach wie vor das zentrale Anliegen ist. Der entscheidende Unterschied zu damals besteht darin, daß unter dem Militärregime Kommunikation vor allem Widerstand gegen die Verordnungen, Informationen, Initiativen und Werte der Diktatur war. Gemeinsam das Überleben zu sichern, war die Triebfeder, um sich zu organisieren und zu politisieren. Von sozialen Bewegungen wurde die Aufgabe übernommen, zusammen mit demokratisch orientierten Medienprofis glaubhafte Informationen zu verbreiten. Die “offizielle” Kommunikation war unvollständig und verzerrt – auf jeden Fall nicht glaubwürdig.

Neue Herausforderungen

Heute jedoch besteht die Herausforderung darin, die Menschen (BewohnerInnen armer Stadtviertel, Frauen, ArbeiterInnen) mit einer Botschaft von Identität und Teilhabe zu erreichen. Die Funktion, offizielle Kommunikation zu ersetzen, existiert nicht mehr. Jetzt geht es darum, sich auf das eigene direkte Umfeld zu konzentrieren, auf die Verarbeitung von lokalen Nachrichten, die von den Massenmedien nicht zur Kenntnis genommen werden. Der vage Aufruf, sich zu organisieren, reicht nicht mehr aus. Stattdessen müssen die konkreten Ziele benannt werden, wie beispielsweise das Heben des Lebensstandards der Mitglieder einer Gruppe oder das gemeinsame Streiten um Wohnraum. Die kritische Auseinandersetzung mit politischen Themen nationaler Tragweite greift nicht mehr. Neue Themen müssen aus einer lokalen Perspektive angegangen werden: Gesundheitsversorgung, Schulbildung, Umweltverschmutzung, Sicherheit, usw.
In diesem Prozess muß die comunicación popular Möglichkeiten finden, um etwas Eigenes beizutragen. Das Konzept, comunicadores populares davon zu überzeugen, zugunsten einer Partei vorformulierte Inhalte zu verbreiten, gehört der Vergangenheit an. Das Bestreben der sozialen Bewegungen muß darin bestehen, das Vertrauen der RezipientInnen zu gewinnen und ein offenes Ohr für deren Belange zu haben. Niemand kann sich blindlings auf einen Alleinvertretungsanspruch berufen – nicht einmal demokratisch gewählte RepräsentantInnen. Unterhaltung, Erziehung, unterschiedlichste Bestrebungen und persönliche Anliegen sind die Schwerpunkte von comunicación popular, die an die Stelle von “Information” und “Bewußtseinsbildung” getreten sind.

Kommunikation und Teilhabe

Die Vielschichtigkeit des politischen Prozesses, der zur Demokratie führen soll, zeigt sich in der Frage nach Partizipation. Anfangs erwarteten wir alle Teilhabe – nicht nur formal, sondern tagtäglich und direkt, wo immer das möglich ist, in sämtlichen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens. Im Bereich der Massenkommunikation erhofften sich alternative VideofilmerInnen, mit ihren unabhängigen Produktionen Zugang zum Fernsehen zu bekommen. Radiogruppen bereiteten populäre Kultur-Programme vor. Gruppen, die Zeitschriften in poblaciones erstellten, träumten davon, in der Lokalpresse zu schreiben und als KorrespondentInnen der demokratischen Presse arbeiten zu können. Die Gesetze des Marktes waren stärker. Der Druck der Eigenfinanzierung, die Reichweite sowie die Vermarktung steuern auch heute weiterhin die Programminhalte und die Nachrichtenauswahl. Eingriffe der Regierung waren vom Bemühen gekennzeichnet, Konsens herzustellen, zu befrieden und in allen Fragen Verhandlungen zu ermöglichen.

Der erhoffte Beitrag der comunicación popular

Comunicación popular erfüllt unter anderem die folgenden Funktionen: Mit Hilfe eigener Medien, sozialer Aktion oder kultureller Ereignisse wird die Fähigkeit gefördert, sich zu organisieren. Comunicación popular kann Brücken zwischen der Basis und ihren VertreterInnen bauen, zwischen (demokratischen) Behörden und den Menschen. Gemeinsam können Probleme lokaler Gruppen benannt und angegangen werden. Kommunikation ist in dieser Hinsicht ein Mittel der Partizipation, um den Fluß von Informationen allen zugänglich zu machen, Konflikte zu verdeutlichen und unterschiedliche Meinungen auszudrücken.
Diese Art der Kommunikation fördert darüber hinaus ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das es ermöglicht, sich das eigene Lebensumfeld anzueignen. Lokale AkteurInnen können ihre Anliegen im Hinblick auf allgemeine Interessen wie Armutsbekämpfung oder Umweltverschmutzung zu Gehör bringen und so versuchen, den Willen zu gemeinschaftlichem Handeln zu erwecken. Diese Vorstellungen existieren nicht nur auf dem Papier, sondern prägen bereits heute die Realität jener Organisationen und Gruppen, die die Forderung ernst nehmen, sich kreativ und verantwortungsvoll um die Demokratisierung der Gesellschaft zu bemühen.

Konkrete Erfahrungen mit comunicación popular

Im Tal Alto Hospicio, nördlich von Iquique, breitet sich in großer Geschwindigkeit eine Siedlung aus, deren Gründung auf die Zwangsumsiedlung von pobladores/as unter dem Pinochet-Regime zurückzuführen ist. Seit 1989 leben dort etwa 9000 Menschen, und infolge des rasanten Wachstums Iquiques werden es immer mehr.
Alto Hospicio gehört nach offiziellen Angaben zu den 1500 ärmsten Gemeinden des Landes. Die Menschen dort verfügen über einen hohen sozialen Organisationsgrad und haben unter schwierigen Bedingungen immer wieder gefordert, daß ihre eigenen Organisationsformen respektiert werden. Jede Zuwanderungswelle führte zur Gründung eines neuen Komitees. Die Arbeit der einzelnen Komitees wird vom sogenannten “Zentralkomitee” koordiniert. Wie es Gesetz und Tradition verlangen, wurde eine junta de vecinos (Nachbarschaftsvereinigung) gegründet, deren Mitglieder mit dem ZK zusammenarbeiten oder sich ihm sogar angeschlosssen haben. Diese besondere Form der Organisation gestattet es den poladores/as, ihre Einheit zu wahren und jede denkbare Initiative zur Gemeindeentwicklung aufzugreifen – unabhängig davon, ob der Anstoß aus den eigenen Reihen kommt, vom Staat, der Kirche oder Nichtregierungsorganisationen.
Im November 1991, nur wenige Tage, bevor die diesjährige TELETON-Kampagne begann (Teletón ist eine Fernsehaktion zugunsten behinderter Kinder, die vor allem mit der finanziellen Unterstützung von Unternehmen arbeitet, die im Gegenzug massiv Werbung betreiben. Dabei wird suggeriert, der Kauf bestimmter Produkte komme behinderten Kindern zugute. Anm. d. Red.), entdeckten die GemeindevertreterInnen ihr Interesse an einer Massenkampagne, die mittels Fernsehen Reiche und Arme für einen gemeinsamen Zweck gewinnen wollte. Schnell wurde der Entschluß gefasst, in Alto Hospicio 24 Stunden Teletón zu machen. Diese Idee motivierte viele TeilnehmerInnen, und die Nachbar-schaftsorganisationen stellten die notwenigen Mittel zur Verfügung. Die Stadtverwaltung stellte eine TV-Großleinwand zur Verfügung, das Episkopat die Verstärkeranlage, eine Wohnungsbaufirma, die im Auftrag des Wohnungsbauministeriums arbeitete, baute eine Bühne auf. Die Buslinien ließen KünstlerInnen und Delegierte gratis von und nach Iquique fahren. Den Rest besorgte die Begeisterung.
Das Ergebnis waren 25 Stunden Straßenshow “über Iquique hinaus” non-stop neben dem Sitz einer Nachbarschaftsorganisation. Bekannte KünstlerInnen nahmen ebenso teil wie lokale Größen und pobladores/as. “Ganze Familien sangen. Wir hätten niemals vermutet, so viele KünstlerInnen unter uns zu haben.” Und dann der Stolz, 200.000 pesos (800 DM) an Teletón weitergeben zu können: “In der Bank wollten die uns erst nicht glauben, als wir mit dem Geld ankamen. Alles klappte so hervorragend, daß wir schließlich beschlossen, allen, die mitgeholfen hatten, Urkunden zu schenken.”

Partizipation oder Entfremdung?

Nach herkömmlichen Maßstäben betrachtet, könnte die Erfahrung aus Alto Hospicio mehr nach Entfremdung denn nach Partizipation riechen. Allerdings muß diese Erfahrung mit anderen Maßstäben gemessen werden. Das, was die kommerziell ausgerichtete Teletón unter dem Motto “Dankeschön” und die Initiative der pobladores/as zusammenbrachte, war ein Gefühl der Solidarität. Weder handelte es sich um eine egoistische Solidarität – heute Du, morgen ich -, noch um eine effekthascherische Solidarität. Das Fernsehen wußte überhaupt nichts von der Aktivität, weil sich niemand mit den offiziellen OrganisatorInnen in Verbindung gesetzt hatte.
Die Teletón ist ein komplexes Phänomen der Kommunikation, in dem das gemeinsame Anliegen sowie das Charisma und die Glaubwürdigkeit des Show-Masters Don Francisco die Schlüssel zum Erfolg sind. Für die EinwohnerInnen von Alto Hospicio stellte die Aktion eine Gelegenheit dar, sich selbst in dieser Kampagne auszudrücken, denn im Grunde genommen ist ihr ganzes Leben eine permanente Teletón. Außerdem reizte die Möglichkeit, an einer Kampagne von nationaler Bedeutung teilzuhaben.
Vielleicht ist die Tatsache, daß für die Teletón so viel Energie eingesetzt wurde, nur aus dem besonderen Umstand heraus zu erklären, daß die Nachbarschaftsorganisationen in Alto Hospicio mehrheitlich von Frauen geleitet werden. Aus kulturell und gesellschaftlich zugewiesenen Normen läßt sich die besondere menschliche Sensibilität erklären, zu erkennen, daß eine Teletón-Kampagne, die im Kern kommerziell ist, für pobladoras/es einen eigenen Wert besitzen kann.
Es ist unmöglich zu unterscheiden, ob der Erfolg des Aufrufs des ZK auf dessen bereits bestehendes Prestige zurückgeführt werden muß, oder darauf, daß es darum ging, sich einer Massenkampagne mit garantiertem Erfolg anzuschließen. Sicher ist indes, daß es die Menschen in Alto Hospicio waren, die auf ihre Art und Weise in ihrem Lebensumfeld diese Aktion durchgeführt haben. Entscheidend war zudem, daß Unternehmen und Institutionen das Vertrauen aufbrachten, um materielle Hilfestellung zu leisten.
Und was geschieht nach dieser Teletón in der población? Das Ansehen der Nachbarschaftsorganisationen ist deutlich gestiegen und wird es erlauben, auch weiterhin Energien zu Gunsten der Menschen in Alto Hospicio zu entfalten. Insbesondere wird es darum gehen, die typischen Konflikte, die die Einheit der pobladores/as gefährden, zu regulieren: politische sowie religiöse Unterschiede, Manipulationsversuche von außen, Kriminalität. Bis jetzt wurden einige Initiativen erfolgreich abgeschlossen, wie beispielsweise die Kennzeichnung von Straßen und Plätzen, die Pflasterung verschiedener Straßen, die Einrichtung eines Nachbarschafts-Zentrums mit öffentlicher Unterstützung.
In unmittelbarer Zukunft werden neue Projekte folgen: ein Kreißsaal, der von pobladoras mitverwaltet wird, eine Schulbibliothek, die Erschließung eines Trinkwassernetzes und Straßenbeleuchtung. Die gemeinsame Arbeit in den Nachbarschaftsorganisationen kann die einende Grundlage dafür sein, für diese Ziele zu arbeiten.

Anmerkung der Redaktion: Wir bedanken uns für die Erlaubnis der Zeitschrift “Cal y Canto”, den vorangegangenen Artikel leicht gekürzt zu veröffentlichen, der in der Juli-Ausgabe dieses Jahres unter dem Titel “Comunicación popular: mirar con otros ojos” erschien. “Cal y Canto” wird von der Nichtregierungsorganisation ECO (Educación y Comunicaciones) mit Sitz in Santiago de Chile herausgegeben.

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