Kultur | Nummer 248 - Februar 1995

„Nenn nie Chiquita nur Banane!“

Kunst, Kitsch und Kult im Berliner Haus der Kulturen der Welt

Am Anfang war das grüne Ding. Und das Ding wandte sich von der Sonne ab gen Boden und wurde krumm und gelb. So wurde es zum Lustobjekt für neugierige Hände. – Nach einer Sage aus Ceylon soll die Schlange Eva im Paradies nicht mit einem Apfel, sondern mit einer Banane verführt haben. Der Anfang einer wun­dersamen Geschichte? Gibt es eine spirituelle Verbindung zwischen der Legende vom Sündenfall und Andy Warhols poppiger Banane auf dem Cover der legen­dären „Velvet Underground“-Platte? Die Ausstellung „Alles Banane“, die noch bis zum 20. Februar in Berlin zu sehen ist, versucht, der „Mythologie des gelben Dings“ auf die Spur zu kommen.

Bettina Bremme

„Profanes und Heiliges, Ge­schmack­loses und Hintergründiges, Albernes und Gewitztes in einem wun­derlichen Bana­nengarten vereint“, verspricht das Haus der Kulturen der Welt in seinem Programm­heft. Ge­meinsam mit einem Frank­furter Jour­nalisten und Bananen-Samm­ler namens Wulf Goebel sind rund 600 Kunstba­nanen und Bananenkunst-Objekte zusammenge­tra­gen worden. Ziel sei, so Goebel, „der Banane das zurück­zuge­ben, was sie seit alters her hat: KULTUR.“
Um die Spur der Banane durch Zei­ten und Kontinente aufzuzeigen, reiht sich Objekt an Objekt: Bananenstau­den auf jahrhundertealten Seidenma­lereien aus China und Südkorea, Ra­dierungen euro­päischer Forscher aus dem 18. Jahr­hundert, die die kuriose gelbe Frucht minutiös abbilden, kolo­rierte Postkarten von kolonialen Bana­nenplantagen und -märk­ten, Werbeta­feln aus Emaille und Bana­nenimitate aus Pappmaché und Wachs, die An­fang dieses Jahrhunderts euro­päische „Kolonialwarenläden“ zier­ten. – Es ist noch gar nicht so lange her, daß die Banane in einigen Ge­bie­ten der Welt vom exotischen Luxus­artikel zum weit verbreiteten Nahrungs­mittel wurde.
Früchte, die die Welt verän­dern…
Viele unserer Landsleute halten die Kartoffel für ein sehr deutsches Ge­wächs, obwohl diese erst vor wenigen Jahr­hunderten aus Amerika nach Eu­ropa ge­bracht wurde. Ähnlich geht es wahr­scheinlich vielen Lateinamerika­ner­Innen mit einem ihrer alltäglichen Nah­rungs­mittel, der Banane. Ur­sprüng­lich aus Asien stammend, ge­langte die gelbe Frucht durch arabi­sche Kaufleute zunächst nach Afrika, bevor sie nach einem Um­weg über die Kanarischen Inseln erst An­fang des 16. Jahrhunderts von den portu­giesi­schen Eroberern nach Panama ge­bracht wurde. Mittlerweile zählen ins­be­sondere die zahlreichen Kochbana­nen­arten in Lateinamerika zu den wich­tigsten Nah­rungsmitteln. Die riesigen Monokul­turen mit Süßbananen für den Export ent­wickelten sich in diesem Jahrhun­dert in ei­nigen Ländern zum dominie­renden Fak­tor in Wirt­schaft und Politik, was einigen mittel­amerikani­schen Staaten das berüch­tigte Etikett „Bananen­republik“ auf­drückte.
Als Ende des 19. Jahrhunderts die US-amerikanische „United Fruit Com­pany“ in Pa­nama ihre erste große Ba­nanenplantage gründete, war die gelbe Frucht sowohl in Nord­amerika als auch in Europa noch ziem­lich unbe­kannt. Eine winzige Ladung von zwölf Büscheln Bananen, die 1902 in Bre­men eintraf, konnte nur schwer ver­kauft werden. Einer der Gründe, die lange Zeit den Import erschwerten, waren die man­gelnden technischen Möglich­keiten, die Früchte beim Transport zu kühlen. Daran scheiterten auch Be­mühungen der Deutschen, aus ihren eigenen Kolonien – ins­besondere aus Kamerun – Bananen ein­zuführen. Erst 1910 verkehrten die ersten Dam­pfer mit Kühlmaschinen zwischen den Ka­na­rischen Inseln und Europa. Von da an stiegen die Bananenimporte aus den süd­lichen Ländern nach Europa in ra­san­tem Tempo: 1937 wurden 146 800 Ton­nen Bananen ins Deutsche Reich expor­tiert, 1973 bezog die Bundesre­publik be­reits mehr als das Vierfache, nämlich 700.000 Tonnen. Im Gegen­satz zu an­deren exoti­schen Früchten ist die Banane mit extrem nie­drigen Zöllen belegt und so­gar billiger als viele einheimische Pro­dukte. Nach und nach vertrieb das krum­me Frücht­chen den Apfel vom Rang als Lieb­lingsobst im bundesdeutschen Wohl­stands­paradies.
„Deutsche, kauft deutsche Bananen!“
Aber damit war der Höhepunkt noch nicht erreicht. Der kam erst mit dem Fall der Mauer, als die Banane nicht nur zum lang entbehrten Gau­menschmaus der Ost­deutschen wurde, sondern zum Kult­objekt, zum verhei­ßungsvollen Fetisch des hem­mungslo­sen Konsums. Die Ausstel­lung doku­mentiert die Auswüchse der da­ma­ligen Bananeneuphorie, die auch zum bil­ligen geistigen Nährstoff für satirische Er­güsse westdeutscher Spöt­ter wurde. So po­sierte eine fiktive „Zonen-Gaby (17) im Glück“, nämlich „mit ihrer ersten Ba­nane“, auf dem Titelbild der Zeitschrift „Titanic“. „Birne zaubert“ als Bananen­jongleur im handlichen Daumen­kino, der „ge­heime Stasi-Schatz“ ist natürlich als rie­siges Bananen­depot dar­gestellt. „Jetzt wächst zusammen, was zusam­men­gehört“, höhnte Klaus Staeck und zeichnete eine Ba­na­nenschale, aus der eine fette Fleisch­wurst quillt.
Die Banane wurde als Inbegriff neu­deutschen Spießertums verwurstet, als infla­tionäres Symbol der Wiederverei­nigung als deutsch-deutsche Bana­nen­re­publik. Den absurden Wider­spruch zwi­schen Bananenkult und Ausländer­haß bringt ein Graffiti auf den Punkt: „Deutsche, kauft deutsche Bananen!“
Auf den „Schlachtfeldern“ des brasi­lianischen Malers Antonio Henrique do Ama­ral wird die Banane auf ganz andere Art und Weise zur politischen Metapher: Seine Serie von sieben hy­per­realistischen Öl­bildern, die während der brasilianischen Mili­tärdiktatur ent­stand, zeigt von Gabeln durch­bohrte und zerquetschte, von Strik­ken stran­gulierte Bananen. Das in den Far­ben Brasiliens gemalte gelbe, grüne und zuweilen blutrote Fruchtfleisch, die bajonett- oder gitterartigen Metallfor­ken er­weck­en Assoziationen an Ge­fängnis und Folter.
Das obskure Objekt der Begierde
Warum regt ausgerechnet die Ba­nane die Phantasie von Kunst- und Kommerz­schaf­fenden an? Allein am exo­tischen Image kann es kaum liegen, denn dann hät­ten ja auch die Zitrone oder die Ananas recht gute Chancen. Den heimischen Ap­fel hat sie ja, wie bereits erwähnt, schon längst in vieler­lei Hinsicht aus­gestochen. Zwar nann­ten immerhin noch die Beatles ihre Plattenfirma „Apple“. Doch hatte die­ses Symbol, wenn wir der Aus­stellung glauben, längst nicht so weit­reichende Wirkungen wie die Banane, die Andy Warhol für das Plattencover seiner Freun­de von „Velvet Underground“ ent­warf. Seit­dem wimmelt es von Ba­nanen und Bana­nenschalen auf den LP-Hüllen und Tourneeplakaten von Leonard Cohen, Chris Rea, „Banana Rama“ und wie sie auch heißen mö­gen. – Aber eigentlich fing ja alles schon viel früher an, nämlich in den zwanziger Jahren mit Josephine Bakers neckischen Bananenröckchen oder später mit Harry Belafontes „Banana Boat“-Song.
„Wenn wir die Banane richtig be­trach­ten, wird sie schnell zu einem mysteri­ösen, fast beunruhigenden Ob­jekt“, meint Vilem Flusser, der im Pro­grammheft als „nam­hafter Philosoph unserer Zeit“ aus­gewiesen wird. Liegt vielleicht in der phal­lischen Form der geheimnisvollen Frucht der Schlüssel zum tieferen Ver­ständnis des Bananen­kultes? – Die Aus­stellung präsentiert das Pin-Up für Schwule – Bananen­büschel als provoka­ti­ves Feigenblatt über kräftigen Lenden – das Werbe­plakat für „Hot Rubber-Kon­do­me“, deren Funktion am Objekt einer wehr­losen Banane demonstriert wird, und Ero­tik­büchlein mit geschmack­vol­len Titeln wie „Die Kunst, Bananen zu schälen“.
Bananeneintopf – Genuß ohne Reue?
Der schwarze Transvestit, die dicke schwar­ze Frau, das junge schwarze Mo­dell auf der Chiquita-Reklame – sie alle tra­gen auf den Fotos exotische Bananen­röck­chen und lächeln uns freund­lich und zu­traulich an. Wir lächeln zurück und gehen weiter zu den anderen Ausstel­lungsgegenstän­den, den unzähligen Ku­scheltieren, Scherz­artikeln, Schlüssel­an­hängern, Aschen­bechern, Haarspangen und Lampenschirmen – alles Banane. Für jeden modernen Geschmack ist etwas da­bei. Eine Ausstellung für die ganze Familie. Die Kinder drücken sich stau­nend die Nasen platt an den Vitrinen mit den süßen, poppigen Gegenstän­den oder kön­nen sich noch mal auf Video High­lights aus Walt Disney`s Dschungelbuch rein­ziehen. Für wis­sens­hungrige Erwachs­ene gibt es in ei­ner Ecke zumindest ein paar kritische Videos zu den Anbaubedingungen von Bananen.
„Die Ausstellung dient dem Lachen, dem Lernen, dem Genießen und manch­mal auch dem Wundern“, so die Organi­satorInnen vom Haus der Kul­turen der Welt. Bewußt wurde, laut Anna Jacobi, zu­ständig für Öffentlich­keitsarbeit, auf Tafeln mit detaillierten Hinter­grund­informationen oder gar Kom­men­taren ver­zich­tet. Wenn sich gesellschaftliche Be­züge nicht gerade aufdrängten, wie etwa bei dem Thema Wiedervereinigung, wur­de gar nicht erst versucht, Zusammen­hän­ge herzu­stellen. Dabei wäre es bei­spiels­weise interessant gewesen, das Ver­hältnis zwischen Bananenkult, Exotis­mus und ras­sistischen Stereotypen et­was genau­er unter die Lupe zu neh­men. Wie kommt denn die schwarze Frau im Bana­nen­röckchen auf die Chiquita-Reklame?
Sollte derart schwere Kost dem Aus­stel­lungspublikum nicht zugemutet wer­den? – Auch wenn die Bananen­speise in reich­haltigen aufeinanderfol­genden Gän­gen serviert wurde – Geschichte, Kunst, Pop, Kitsch usw. – kam ich aus der Aus­stel­lung mit dem Grundgeschmack heraus, einen etwas undefinierbaren Eintopf im Magen zu haben.

„Alles Banane“ noch bis zum 20. Februar im Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles-Allee 10, 10557 Berlin. Tel. 030/ 397870

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