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Neue Helden braucht das Land

1998 war ein gutes Jahr für Paraguay. Neun Jahre nach dem Ende der Stroessner-Diktatur gab es endlich wieder einen Grund zum Feiern. Ob auf dem Land oder in der Stadt: die ParaguayerInnen erinnern sich heute noch gern daran wie es damals war, bei der Fußball-WM in Frankreich, als es der paraguayischen Elf gelang, den großen Favoriten Spanien aus dem Wettbewerb zu werfen und ins Achtelfinale einzuziehen. Oder als das paraguayische Abwehrbollwerk den von Zinedine Zidane dirigierten Sturm des Fußballriesen Frankreich zur Verzweiflung brachte.

Helden, Ehre, Tod

Wie so oft in der paraguayischen Geschichte endete allerdings auch dieses Unternehmen tragisch. Die Elf mit den blauen Hosen und den rot-weiß gestreiften Hemden ereilte der plötzliche Tod, la muerte súbita. Das ist in Lateinamerika das Synonym für das golden goal, jenes erste Tor, das während der Verlängerung eines bis dahin unentschiedenen Spiels fällt und nach FIFA-Reglement über den Einzug in die nächste Runde des Wettbewerbs oder über das vorzeitige Aus einer Mannschaft entscheidet. Der Tod in Frankreich war allerdings ehrenvoll, denn die Mannschaft schied sehr unglücklich mit 0:1 gegen den späteren Weltmeister aus. Nicht auszudenken, was geschehen wäre, wenn es ein Elfmeterschießen gegeben und Paraguay als Sieger den Platz verlassen hätte. Das ganze Land träumte damals, in der Verlängerung des Spiels gegen Frankreich, einen Traum, der möglicherweise nie in Erfüllung gehen wird. Die Spieler wären fast zu nationalen Helden aufgestiegen.
Helden, Ehre, Tod: In einem Land wie Paraguay, das von der Unabhängigkeit bis 1989 fast ausschließlich von Diktatoren und Militärs regiert wurde, sind dies keine Fremdworte. In jeder Stadt, in jedem Dorf tragen wichtige Straßen und Plätze den Namen des größenwahnsinnigen Marschalls Francisco Solano López, der Mitte des 19. Jahrhunderts als Präsident sein Land in einen sinnlosen Krieg mit den Nachbarn Brasilien, Argentinien und Uruguay stürzte, in dem über 80 Prozent der paraguayischen Bevölkerung umkam. Die offizielle Geschichtsschreibung feiert den Mann bis heute als Helden, weil er im Kampf gegen den übermächtigen Feind angeblich ehrenhaft fiel.
Überhaupt dürften in kaum einem anderen Land der Welt so viele Straßen nach Militärs benannt sein wie in Paraguay. Ein Blick auf die Landkarte zeigt: Sogar ganze Städte und fast alle Siedlungen im paraguayischen Chaco tragen Namen von Offizieren, die sich 1932 im siegreichen Krieg gegen das stärker eingeschätzte Bolivien einen Namen machten.
Zum Glück werden die Duelle mit den Nachbarländern heute friedlich ausgetragen. Bei der eliminatoria, der südamerikanischen Qualifikationsrunde zur Fußballweltmeisterschaft, konnte Paraguay die Nachbarn Bolivien, Uruguay und sogar den viermaligen Weltmeister Brasilien auf die Plätze verweisen. Die Mannschaft landete hinter Argentinien und Ecuador auf dem dritten Tabellenplatz. Das Prunkstück der Elf ist die Abwehr, die vom Torsteher und Kapitän José Luis Chilavert dirigiert wird, der überdies als Freistoßspezialist und als Elfmeterschütze schon mehr als 50 Mal in den gegnerischen Kasten traf. Oder die Schlussminuten einer schon verloren geglaubten Partie, wenn es ihn nach vorne zieht und er nicht widerstehen kann.

Das Prunkstück ist die Abwehr

Neben Chilavert ragen die Verteidiger Arce, Ayala und Gamarra aus der Abwehr heraus. Allerdings gilt das paraguayische Spiel in Lateinamerika als nicht so attraktiv, denn die Mannschaft praktiziert mitunter sogar auf eigenem Platz Konterfußball. Es fehlen die Dribbelkünstler und die großen Zauberer im Mittelfeld, auch wenn mit dem bei Bayern München spielenden Stürmer Roque Santa Cruz gegenüber der letzten WM ein neuer Star dazu gekommen ist.
Bei aller Kritik – der paraguayische Fußball ist erfolgreich, und die Erwartungen sind entsprechend groß. Der aus Uruguay stammende Trainer Sergio Markarian, mit dem die Mannschaft die Qualifikation schaffte, musste gehen, nachdem die Elf zum Abschluss der eliminatoria ausgerechnet gegen den Tabellenletzten Venezuela und dann noch zu Hause 0:4 gegen Kolumbien verloren hatte. Absurderweise wurde Markarian vorgeworfen, mehr um die Qualifikation seines Heimatlandes Uruguay besorgt gewesen zu sein, als um die Paraguays. Dabei hatte sich die paraguayische Elf bereits vorzeitig qualifiziert und Uruguay wäre gescheitert, wenn Kolumbien gegen Paraguay nur ein einziges Tor erzielt hätte. Nachfolger Markarians wurde der ehemalige italienische Nationaltrainer Cesare Maldini. Doch auch der wäre fast wieder geflogen, als er in einem Freundschaftsspiel gegen den Erzrivalen Bolivien über ein mageres 0:0 nicht hinauskam. Plötzlich gab es Schwierigkeiten mit Maldinis Aufenthaltsgenehmigung; dem Italiener wurde angedeutet, er könnte bei der nächsten Rückkehr von einer seiner häufigen Auslandsreisen möglicherweise keine Einreisegenehmigung mehr erhalten.
Schließlich war es José Luis Chilavert, der sich für Maldini stark machte und vielleicht auch den paraguayischen Fußballverband dazu bewegte sich geschlossen hinter den Trainer zu stellen. Maldini durfte die WM-Elf nominieren, aber prompt meldeten sich zwei von ihm nicht berücksichtigte Spieler bei der Zeitung ABC Color zu Wort und beschuldigten Chilavert sie aussortiert zu haben. Chilavert hätte mindestens genau so viel zu sagen wie Maldini, behaupteten sie. Und in Oscar Harrison, den Präsidenten des paraguayischen Fußballverbandes, sahen sie lediglich einen „Sekretär von Chilavert“. Aber letztendlich sind das Kleinigkeiten. Ob Maldini oder Chilavert die Mannschaft aufstellt, die Zuversicht ist nach dem Ende der Streitigkeiten um das Traineramt wieder gewachsen. Sogar ein vorübergehender Rückschlag, die verheerende 0:4-Schlappe in einem Testspiel Mitte April gegen England, konnte wieder ausgebügelt werden. Im letzten Spiel vor der Abreise nach Japan und Südkorea bezwangen die Paraguayer Schweden auf gegnerischem Platz verdient mit 2:1.
Die Chancen stehen also nicht schlechter als 1998. Die Mannschaft des knapp 5 Millionen Einwohner zählenden Landes steht mittlerweile sogar auf Platz 18 der FIFA-Weltrangliste. Sollte die paraguayische Elf erstmals in ihrer Geschichte den Einzug ins Viertelfinale schaffen, hätte das Land wirklich neue Helden. Dann wäre die Zeit endlich reif, Städte mit den Namen Mariscal Estegarribia oder Coronel Oviedo sowie die unzähligen Avenidas Mariscal López umzubenennen: In Capitán Chilavert, Defensor Gamarra oder Avenida Atacante Santa Cruz. Damit hätte der Fußball einen wichtigen Beitrag zur Vergangenheitsbewältigung geleistet.

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