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„NIEMAND WIRD FÜR DICH KÄMPFEN, AUSSER UNS”

Gerechtigkeit Demonstrierende fordern, dass der Mord an Isabel Cabanillas de la Torre aufgearbeitet wird (Foto: Favia Lucero / YoCiudadano)

Im Januar habt ihr zu Aktionen auf der mexikanisch-US-amerikanischen Grenzbrücke aufgerufen. Ihr habt einen der am stärksten bewachten Grenzübergänge weltweit für mehrere Stunden besetzt, um auf den Feminizid an eurer Freundin Isabel Cabanillas und allen ermordeten Frauen aufmerksam zu machen. Wie fühlt sich das an?

Wir waren so wütend, dass wir angekündigt haben, alles niederzubrennen. Das haben viele wörtlich verstanden. Als wir auf die Brücke gelaufen sind, sahen wir schon die Barrikaden auf der US-amerikanischen Seite mit elektrischen Drahtkonstruktionen. Das hatte etwas Apokalyptisches. Begleitet von unserer Wut und ein paar unabhängigen Journalistinnen, hatte man das Gefühl, dass die ganze Welt auf uns schaut. Die Stimme, die wir gemeinsam erhoben haben und die Beiträge, die zweisprachig vorgelesen wurden, waren Teil der Aktion an diesem starken Ort. Juárez als Grenzstadt mit Texas auf der anderen Seite hat eine lange Geschichte, die geprägt ist von schrecklicher Gewalt gegen Frauen. Ich hatte das Gefühl, dass das gerade einschlägt. Diese Nachricht bleibt nicht unbeachtet. Es war auf eine Art kathartisch. Während der Demo haben wir viel Kraft und Wut gespürt. Wir wollen eine schnelle Aufklärung und transparente Ermittlungen. Dabei sind wir uns aber auch bewusst, dass die Gerechtigkeit auf unserer Seite ist und mit uns auf der Straße steht. Wir werden keinen Schritt zurück gehen: Solange es keine Aufklärung gibt, gehen wir weiter auf die Straße.

Wie schützt ihr euch gegen die Gewalt in Juárez?

Die Situation in Mexiko ist sehr schlimm. Es ist sehr schmerzhaft zu ertragen, was mit Isabel passiert ist, weil sie uns sehr nahe stand. Aber genau wie uns Isabel schmerzt, schmerzt uns auch das Mädchen, dem die Organe geraubt wurden. Uns schmerzt auch das zwölfjährige Mädchen, das vergewaltigt wurde. Jedes Mal, wenn so etwas passiert, erinnern wir uns daran, wie wichtig Sicherheitsprotokolle für uns sind, präventives Handeln, Netzwerke und so weiter. Manchmal passiert es dann doch, dass wir fahrlässig sind. Dabei müssen wir ständig aufpassen. Kürzlich haben wir uns wieder mit ein paar Frauen getroffen und über vorbeugende Mechanismen gesprochen, über Gruppen, um uns gegenseitig zu schützen.
Wir sind in einer sehr verwundbaren Position. Daher ist es ganz konkret wichtig zu wissen, wer sich gerade wo aufhält, dass man weiß, die Freundin nimmt diesen oder jenen Bus. Man holt sich gegenseitig ab oder trifft sich an bestimmten Orten. Das bedeutet allerdings auch, dass man Ressourcen braucht. Es braucht bestimmte Ressourcen, um sich gegenseitig begleiten zu können. Wenn das nicht geht, gibt es nicht viel. Das bringt vor allem Arbeiterinnen und Studentinnen in sehr vulnerable Situationen, weil sie häufig vereinzelter leben.

Es wird kurz unruhig, das Skype-Gespräch wird von einer der „Hijas“ unterbrochen: „Unsere Nachbarin hat gerade erzählt, dass vor zehn Minuten nur zwei Straßen von hier eine Frau erschossen wurde. Ihr wurde in den Kopf geschossen und der Täter wird gerade gesucht. Deswegen hörst du vielleicht die Sirenen der Polizei im Hintergrund. Das nur am Rande. Du kannst das ja in deinem Interview erwähnen, dass während wir hier über Feminizide sprechen zwei Straßen weiter eine Frau ermordet wird.“ Später stellt sich heraus, dass die Radiojournalistin Teresa Aracely Alcocer getötet wurde. Das Kollektiv entscheidet, das Gespräch weiterzuführen. Es nütze nichts, sich davon einschüchtern zu lassen. Es sei ein Krieg niederer Intensität. „Es fallen keine Bomben, die Gebäude stehen noch, die Leute gehen zur Arbeit und in die Schule. Aber jeden Tag gibt es so viel Gewalt, gibt es Morde, gibt es Feminizide.“

Euer Kollektiv heißt „Töchter von Fabrikarbeiterinnen“. Wie habt ihr euch gegründet und wie kam es zu diesem Namen?

Wir haben uns zunächst „Feministische Initiative“ genannt. Damals haben Mütter von gewaltsam verschwundenen und ermordeten Frauen eine Karawane in die Landeshauptstadt Chihuahua organisiert, die wir unterstützt haben, um den Müttern zur Seite zu stehen, die ihre Töchter verloren hatten. Bei dieser Aktion haben wir festgestellt, dass die Mütter einiger aus der Gruppe selbst in den Weltmarktfabriken (den sogenannten Maquilas, Anm. d. Red.) wie sie hier typisch für die Grenzregion sind, arbeiten oder gearbeitet haben.
In den Grenzgebieten funktionieren Wirtschaft und Handel immer in Bezug auf die Grenzpolitik. Man rechnet mit billiger Arbeitskraft von Migrantinnen und anderen Personen, die aus allen Teilen unseres Landes dorthin gekommen sind und unter äußerst prekären Bedingungen arbeiten und leben. Die große Mehrheit der Angestellten sind Frauen. Die Unternehmen setzen die Arbeiter*innen einer zunehmenden Prekarität aus, um zu sehen, wie weit sie noch gehen können. Diese Situation trifft auf Gewalt, Drogenhandel, Machismo und Militarisierung und schwächt das soziale Gefüge.

Das heißt ihr seht eine Verbindung zwischen der Ausbeutung in den Weltmarktfabriken und sexualisierter Gewalt?

Genau, weil die Maquilas vor allem Frauen einstellen. Wir leben in einem relativ großen Bundesstaat. Die Bevölkerung fluktuiert stark, deswegen gibt es keine Stabilität und keine Organisation. Die Menschen kommen bereits prekarisiert hier an, wollen arbeiten und etwas zum Leben haben, ihr eigenes Haus und so weiter. Aber viele gehen wieder zurück. Wenn du alle Ressourcen eines Ortes ausschöpfen willst, kommt es dir recht, dass die Leute sich nicht organisieren können, zum Beispiel, weil sie von den langen Arbeitstagen erschöpft sind, weil sie keine finanziellen Mittel und keinen guten Zugang zu Bildung haben. Das kommt den Unternehmen, zum Beispiel den ausbeuterischen Leinenfabriken oder den Frackingfirmen, zu Gute.

Wie arbeitet ihr als Kollektiv und was unternehmt ihr dagegen?

Wir organisieren uns in asambleas (Versammlungen) und arbeiten horizontal. Grundlegend gehen wir davon aus, dass jede von uns jeweils unterschiedliche Feminismen für sich beansprucht. Was uns darin eint, sind Kämpfe für die Rechte von Frauen, für die Rechte von lesbischen, bisexuellen Menschen. Wir arbeiten mit dem Projekt migrantischer trans Frauen Respetttrans zusammen. Wir haben immer wieder unterschiedliche Projekte, das können auch Kleinigkeiten sein, bei denen wir uns gegenseitig helfen.

In den letzten Jahren gab es immer wieder Proteste und Aktionen, die eine enorme Wut sichtbar gemacht haben. Wie schafft ihr es, diese Wut und den Schmerz in produktive Kraft umzuwandeln?

Wir glauben, die Wut lässt sich nur umwandeln, wenn es mit anderen Frauen zusammen passiert. Das ist die Kraft der Frauen: Keine kämpft allein. Die Gemeinschaft öffnet sich für dich, bekräftigt dich. Und dann fühlst du dich sicher und sagst: „Na los, ich bin nicht allein!“ In Mexiko ist ein Leben nichts wert. Egal von wem, weil sie Männer töten, weil sie Frauen töten, weil sie Kinder töten. Das sind Leben, die nichts wert sind. Das Leben von Menschen kümmert niemanden. Vielmehr zählt alles, was die Infrastruktur und ähnliches betrifft. In Mexiko kümmert es niemanden, wenn sie eine Frau umbringen. Niemand wird für dich kämpfen, außer uns. Und es gibt keine Gerechtigkeit. Wir suchen sie, aber es gibt sie einfach nicht. Natürlich fordern wir sie ein, aber es sind so wenige Fälle, die überhaupt vor Gericht kommen. Es gibt keine Aufarbeitung der Verbrechen, die Institutionen funktionieren nicht und tun nichts. Deswegen müssen wir vieles selbst machen. Wie unseren Aufruf, alles niederzubrennen.

Seid ihr in Kontakt mit anderen Kollektiven aus Mexiko oder in anderen Ländern?

Ja, wir haben Verbindungen zu Gruppen in Deutschland, mit einigen Frauen aus den USA, mit Kollektiven in Mexiko-Stadt und aus ganz Mexiko oder zum Beispiel mit einem lesbischen Kollektiv namens Radio HumedaLes aus Chile. Es ist vielleicht keine regelmäßige oder beständige Zusammenarbeit, aber wir wissen, dass wir ihnen vertrauen können und, dass sie da sind und uns helfen, wenn wir darum bitten. Und so sind wir alle als Kollektive verbunden.

Was erwartet ihr von der internationalen Berichterstattung und den feministischen Bewegungen in anderen Ländern?

Zuerst einmal, dass sie ein Medium für uns sind. Dass sie uns unterstützen und unsere Informationen verbreiten. Viele wissen zum Beispiel nicht einmal, wo Ciudad Juárez ist. Dass es ähnliche Probleme in Tijuana gibt, dass es ähnliche Situationen sind wegen der Grenze.
Wir wollen, dass alle Welt davon hört. In einem bestimmten Maß hilft uns die Berichterstattung, Druck aufzubauen und unsere Anliegen zu verbreiten. Dass internationale Institutionen verfolgen, was passiert und darüber berichten, ist wichtig. Denn es passiert schon so lange, ohne dass sich etwas ändert. Es war nicht nur Isabel, sondern es sind immer mehr Frauen, die in Mexiko getötet werden. Wichtig ist, diese Dinge sichtbar zu machen: Dass wir immer noch keine Gerechtigkeit haben und dass es weiter Feminizide gibt.

 

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