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Nomadisierender Dokumentarist Chiles

Ohne Zweifel zählt der chilenische Regisseur Patricio Guzmán zu den großen lateinamerikanischen Dokumentarfilmern unserer Zeit. Internationales Renomée erhielt er insbesondere durch seine vierstündige Filmtrilogie La Batalla de Chile (1973-1979, Die Schlacht um Chile), in der er auf eindringliche Weise die Ereignisse in Chile Anfang der 1970er Jahre unter der Regierung Salvador Allendes und ihr jähes Ende durch den Militärputsch Augusto Pinochets am 11. September 1973 dokumentiert.
Eine der in ihrer Unmittelbarkeit vielleicht erschütterndsten Szenen der Filmgeschichte ist diejenige von der Ermordung des argentinischen Kameramanns Leonardo Henrickson, mit der der erste Teil La insurrección de la burguesía (Der Aufstand der Bourgeoisie)seiner Trilogie endet. Soldaten in Militärjeeps fahren vor dem Moneda-Palast in Santiago de Chile in Stellung. Ein Offizier steigt aus, lädt seine Pistole und zielt in Richtung Kamera. Furchtlos bleibt die Kamera auf den Schützen gerichtet, zoomt ihn sogar noch heran. Der Schuss fällt. Die Kamera und der Kameramann fallen zu Boden. „Als hätte er sich von der Kamera beschützt gefühlt,“ so Patricio Guzmán, filmte Leonardo Henrickson seine eigene Erschießung. Zuvor hatte Henrickson monatelang gemeinsam mit Patricio Guzmán die Auseinandersetzungen in Chile zwischen den AnhängerInnen der Regierung Salvador Allendes und der Opposition dokumentiert.
Wesentliche Unterstützung für sein Filmprojekt fand er damals bei Chris Marker, der ihm das erforderliche Filmmaterial schenkte. Die Dreharbeiten dauerten bis zum Tag des Militärputsches. Kurz danach wurde Guzmán verhaftet und zwei Wochen im Nationalstadion in Santiago de Chile gefangen gehalten, bevor er ins Exil flüchten konnte. Die Filmrollen konnten mit Hilfe der schwedischen Botschaft außer Landes gebracht werden. Jorge Müller jedoch, ein weiterer Kameramann und enger Freund Guzmáns, der am Projekt mitwirkte, blieb in Chile. Er wurde ein Jahr später verhaftet, verschwand und ist bis heute nicht mehr aufgetaucht.
Wiederum mit der Unterstützung Chris Markers konnte der Film am ICAIC, dem nationalen kubanischen Filminstitut, fertig gestellt werden.
Nach beinahe einem Vierteljahrhundert im Exil und der Arbeit als „umherwandernder“ Filmemacher in Kuba, Spanien, Mexiko und Frankreich kehrte der heute 61jährige Patricio Guzmán 1995 nach Chile zurück, um erstmals ein kleines Dokumentarfilmfestival in Santiago de Chile zu organisieren. Dabei kam ihm die Idee für seinen Film Chile – La Memoria Obstinanda (Chile – die hartnäckige Erinnerung). Alles andere als ein ich-bezogener Film, sollte er das bis heute persönlichste Werk Guzmáns werden. Darin besuchte er die anonymen Helden aus seinem Film “Die Schlacht um Chile”, die Leibwächter Allendes und seinen Chauffeur, und sprach mit den Hinterbliebenen der so genannten desaparecidos, der während der Diktatur Pinochets Verschwundenen.
Auch in seinem neuesten Film El Caso Pinochet (2001, Der Fall Pinochet), einer der Höhepunkte des Internationalen Filmfestivals 2002 in Innsbruck, beschäftigt er sich mit jener für sein persönliches und das kollektive Selbstverständnis der chilenischen Bevölkerung zentralen Epoche nationaler Geschichte. In dem beeindruckenden Dokumentarfilm rollt er die Ereignisse um die Verhaftung Augusto Pinochets im Jahr 1998 während seines Aufenthalts in Großbritannien auf, und verknüpft diese mit Interviews von Opfern der Militärdiktatur.

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