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Ökologischere Waldnutzung – reichere Gemeinden

Welche alternativen Produktionsformen und Organisationen bestehen in der Forstproduktion in Mexiko?

In der mexikanischen Holzwirtschaft existieren Zusammenschlüsse kommunaler Organisationen und Gemeinden. Die Gemeinden profitieren direkt von ihren Erzeugnissen und verwalten die Rohstoffe selbst. In verschiedenen Bundesstaaten wurden die Konzessionen der staatlichen Unternehmen an kommunale Zusammenschlüsse abgegeben. Das geschah auf Druck der Gemeinden. Es war kein Vorschlag der Regierung.
In der Zeit zwischen 1950 und 1984 war es den Gemeinden nur erlaubt, an die staatliche Holzfirma zu verkaufen. Sie bekamen für das Holz nur eine Entschädigung, das so genannte derecho de monte (Recht des Waldes). Der Staat holte sich nur die besten Hölzer und größten Bäume aus dem Wald. Nach 29 Jahren staatlicher Bewirtschaftung war der Wald stark geschädigt.
Im karibischen Bundesstaat Quintana Roo wurde die staatliche Holzfirma zwar nicht in eine Gemeindeorganisation umgewandelt, aber es entstand in den 80er Jahren die forstwirtschaftliche Gemeindeorganisation in der Zona Maya, die OEPFZM. Die verschiedenen Gemeinden haben dafür gekämpft, dass die staatlichen Holzschlagkonzessionen an die Gemeinden übertragen werden. Mit Erfolg: Sie bekamen die Konzessionen für die Nutzung von 500.000 Hektar Wald.
Im Gegensatz zu der damals staatlichen Ausbeutung des Waldes nutzen die Gemeinden von Quintana Roo nun den Wald auf eine nachhaltige Weise. Die wertvollen Hölzer wie Caoba und Cedro standen kaum noch zur Nutzung zur Verfügung. Und die Hölzer, die nicht als Edelhölzer klassifiziert werden, ließen sich nur schwer verkaufen. Caoba und Cedro haben einen sicheren Markt. Oft wissen wir nicht, auf welchen Märkten die anderen Arten gefragt sind. Wir müssen also die Märkte erst erkunden.

Wie haben sich die neuen Organisationen strukturiert und was hat sich verändert?

Sie haben ihre eigenen Verwaltungsstrukturen und werden von den Gemeinden direkt durch Ratsversammlungen verwaltet. 1984 wurde die Schaffung der Organisationsstruktur durch die Regierung unterstützt. Es wurde nicht nur das Entschädigungsgeld gezahlt, sondern nun auch ein dem Holzwert entsprechender Preis. Außerdem werden seit 1984 auch andere Baumarten und Pflanzenarten genutzt. Die Abnehmer werden verpflichtet, bei einem Kubikmeter Caoba zwei Kubikmeter der anderen Holzarten abzunehmen. Da die Gemeinden noch keine Erfahrungen mit dem Vertrieb hatten, wurden Konzessionen auf ein Jahr beschränkt, die auf wissenschaftlich ökologischen Studien basieren. Diese Studien wurden in verschiedenen Regionen durchgeführt, berücksichtigten also die unterschiedlichen ökologischen Verhältnisse. Der Wald darf nun nur noch auf der Basis einer vorherigen ökologischen und ökonomischen Planung genutzt werden. Weil die Gemeinden zunächst keine Programme für die Nutzung des Waldes ausgearbeitet hatten, wurde die Regelung gefunden, dass die Gemeinden den Wald jeweils nur ein Jahr lang nutzen können. Zuvor waren die Programme normalerweise auf 25 Jahre angelegt.

Wie viel Geld bekamen die Gemeinden in der Vergangenheit und wie viel bekommen sie heute konkret?

Die Gemeinden profitieren heute sehr viel mehr vom Verkauf des Holzes. Als Entschädigung für die Nutzung des Waldes bekamen die Gemeinden 800 Pesos pro Hektar. Dies entsprach damals ungefähr 120 US-Dollar. Die Summe stieg nach der Vergabe der Konzession an die Gemeinden auf 14.000 Pesos pro Hektar an (heute 1400 US-Dollar). In der Vergangenheit wurde das Geld auf einem Konto der Agrarreformsbehörde deponiert. Nur wenige Gemeinden konnten dieses Geld für eigene Zwecke nutzen. Nur wenn sie ein Projekt mit dem Geld verbanden, wurde ihnen das Geld ausgezahlt. Vor 20 Jahren war das praktisch unmöglich, also blieb das Geld bei der Behörde. In der neuen Struktur bekommen die Gemeinden das Geld direkt vom Käufer, und sie verteilen die Konzessionen an die Firmen, die sie selbst auswählen.

Gibt es heute in Mexiko staatliche Unterstützung für die Forstwirtschaft?

In Mexiko gibt es zwei Programme zur Unterstützung der Forstwirtschaft: PRODEPLAN und PRODEFOR. PRODEPLAN ist ein Programm mit großem Finanzvolumen, dass die Anpflanzung unterstützt. Es ist auf die Zielgruppe mit viel Kapital ausgerichtet. Man bekommt Unterstützung erst, nachdem gepflanzt wurde. Aber der Mehrheit der forstwirtschaftlichen Produzenten stehen diese Mittel nicht zur Verfügung, so dass von diesem Programm die großen, unter anderem internationalen Konsortien profitiert haben. Die Gemeinden und kleine Gruppen von Bauern bekamen von diesem Programm nichts ab.
Im Gegensatz dazu ist PRODEFOR ein Programm zur Erhaltung des Forstes und richtet sich an kapitalschwache Produzenten. Es beinhaltet Verwaltungsprogramme, Weiterbildung und Programme zur ökologischen Nutzung, wie zum Beispiel durch den Ökotourismus. PRODEFOR zielt auf die Gemeinden und auf die Kleinproduzenten ab, die 80 Prozent des forstwirtschaftlich nutzbaren Landes besitzen.

Die Gemeinden besitzen immer noch den Großteil des Landes, obwohl der Verkauf des Gemeindelandes seit 1993 mit der Änderung des Artikels 27 legalisiert wurde?

Doch, 80 Prozent des Landes ist weiter im Besitz der Gemeinden. Die Konsequenzen waren nicht so stark, wie man es vielleicht erwartet hatte.

Was bedeutet die Privatisierung für die bäuerlichen Gemeinden und wie gehen die Bauern mit dem privaten Landbesitz um? Kann daraus ein bescheidener Wohlstand resultieren?

Die indigenen Gemeinden sind nicht daran gewöhnt, dass jeder Einzelne seine eigene Parzelle Land besitzt. Auf Gemeinden, die ihren Landbesitz nicht gemeinschaftlich organisieren, wird Druck ausgeübt, dass sie ihr Land privatisieren und in Parzellen aufteilen. Die Gemeinden, die ihr Land nicht privatisieren wollen, werden von staatlichen Förderprogrammen ausgeschlossen. Und ist das Land erst mal privatisiert, werden Familien, die unter ökonomischen Druck geraten, dazu gebracht, ihr Land zu verkaufen. Wenn jedoch die Privatisierung und Parzellisierung zusammen mit einer finanziellen und technischen Unterstützung einhergeht, mit Informationen zum Marktzugang und zu allem, was den Produktionsprozess betrifft, dann ist es eine gute Sache. Aber das Einzige was von dem Zehn–Punkteplan der Regierung Salinas de Gotari zur Rettung der Landwirtschaft umgesetzt wurde, war die Zertifizierung des privaten Landbesitzes. Die Möglichkeit, sein Land zu verkaufen, ist an sich nicht schlecht, aber nur als eine freie Entscheidung und zu einem gerechten Preis. Ein Bauer, der sein Land verkauft hat, muss weiter Zugang zu den Unterstützungen und Versicherungen haben. Die technische Unterstützung muss so beschaffen sein, dass sie an die regionalen Gegebenheiten angepasst ist. Aber gerade regional unterschiedliche Unterstützungen existieren nicht. Der Staat unterstützt die Bauern alle gleich. Oft werden vom Staat nicht die regionalen Produkte unterstützt, sondern die aus anderen Regionen, obwohl es wirtschaftlich wertvolle regionale Produkte gibt. Es ist keine Unterstützung, die die Landwirtschaft entwickelt, ganz im Gegenteil, der landwirtschaftliche Sektor wird ausgehungert und aufgeteilt. Es gibt immer weniger Bauern und immer weniger landwirtschaftliche Produktion und der staatliche Haushalt zur Unterstützung der Landwirtschaft nimmt immer weiter ab.

Und wie reagieren die Bauern auf diese Krise im landwirtschaftlichen Sektor?

Viele Bauern aus den Dörfern wandern ab, in die großen Touristenzentren, wie Cancún, Playa del Carmen und Cozumel, um dort Arbeit zu finden. Einige machen sich sogar auf den Weg nach Kanada und in die USA.

Wie verändert sich das Verhalten der Bevölkerung, wenn sie vom Land in diese künstlichen Städte wie Cancún kommen?

Bei den Männern sind die Veränderungen vielleicht nicht so auffällig, denn sie tragen ja schon lange Hosen und T-Shirts. Bei den Frauen sind sie sehr viel leichter wahrzunehmen. Sie tragen nicht mehr die Kleidung, die ihre Mütter und Großmütter getragen haben. Wer eine Zeit lang in einem touristischen Zentrum gelebt hat, geht in seine Gemeinde zurück und macht vielleicht ein kleines Geschäft mit Pizza auf.

Was ist daran so schlecht?

Naja, es ist eine Ernährung, die nicht sehr nahrhaft ist. Außerdem festigt es die Haltung in der Bevölkerung, etwas anderes zu sein, als man ist. Die Kultur der USA wird als besser angesehen, deshalb trinken die Menschen Softdrinks und essen lieber Hamburger und Pizza. Die traditionelle Ernährung, bestehend aus Kürbis, Mais, Tomaten, Bohnen und dem Maisgetränk Atoles wird als minderwertig, als armselige und „indigene“ Nahrung gesehen.

Welche Hoffnung haben Sie bezogen auf den WTO–Gipfel?

Ich bin skeptisch, was die Verhandlungen der WTO angeht. Ich wünsche mir, dass wir einen Einfluss auf die Verhandlungen haben. Auf jeden Fall haben die sozialen Bewegungen der Bauern und der Zivilgesellschaft neue Kraft gewonnen. Weiter hoffe ich, dass die Bevölkerung von Quintana Roo ein Bewusstsein davon erlangt, was die Entscheidungen der WTO für sie bedeuten. Wir wissen ja überhaupt nicht, was hier verhandelt wird. Aber es hat bereits eine Veränderung gegeben. Bei einem anderen Gipfel wurden die Kritik der globalofóbicos (Globalisierungskritiker) unterdrückt. Jetzt gibt es in den Medien Informationen zu den Inhalten, die die Demonstranten vertreten. Etwa, dass die Ernährung und die Medizin nicht durch die großen Konzerne kontrolliert werden dürfen und ein grundlegendes Recht für alle sind. Aber die Mehrheit glaubt immer noch, dass die Kritiker der WTO nur hergekommen sind, um gewalttätig zu demonstrieren. Ich hoffe, dass viele Menschen in Quintana Roo ihre Meinung über die globalofóbicos ändern und sich ihnen vielleicht anschließen werden.

Welche Position vertreten Sie in Bezug auf die Agrarsubventionen der USA und der Europäischen Union? Würden Sie einer generellen Abschaffung der Subventionen für alle, wie es auch aus den Reihen der WTO immer wieder gefordert wird, zustimmen?

Ich halte diesen Vorschlag nicht für angebracht. Die reichen Länder haben ihre Landwirtschaft über viele Jahre subventioniert. Die Bauern dieser Länder haben deshalb einen technischen Vorsprung. Aber in den Entwicklungsländern hat es so etwas in dem Maße nie gegeben. Ich bin nicht damit einverstanden, dass die gleichen Regeln für eine Gruppe von Menschen angewandt werden, die in ungleichen Verhältnissen leben. Wenn heute gefordert wird, die Subventionen zu streichen, dann sage ich, in den reichen Ländern sollen die Subventionen gestrichen werden. Nun sind die Armen an der Reihe, die sie noch nicht gehabt haben.

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