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Orte der Kunst abseits des Mainstreams

Lateinamerikanische Kunst im internationalen Kontext stärker sichtbar machen – das ist das Anliegen des Kunsthauses Casa Daros in Rio de Janeiro. Ab Mitte diesen Jahres wird das Museum für zeitgenössische lateinamerikanische Kunst seine Türen öffnen. Auf rund 10.000 Quadratmetern wird dann in einem ehemaligen Waisenhaus das Pendant zur Schweizer Privatsammlung lateinamerikanischer Gegenwartskunst „Daros-Latinamerica” zu sehen sein.
Die Schweizer Sammlung mit Sitz in Zürich existiert seit dem Jahr 2000 und enthält derzeit die Arbeiten von über 100 Künstlern und Künstlerinnen aus nahezu allen lateinamerikanischen Ländern. Damit ist sie Europas größte Privatsammlung zeitgenössischer Kunst aus Lateinamerika. Alle Genren und Medien sind unter den künstlerischen Werken vorwiegend konzeptueller Ausrichtung vertreten, die größtenteils in den letzten zwanzig Jahren entstanden sind.

Erklärtes Ziel der Schweizer Sammlung, die von dem Kuratoren Hans-Michael Herzog geleitet wird, ist die Vermittlung und Stärkung des Verständnisses zeitgenössischer lateinamerikanischer Kunst. Es geht ihm um deren Publikmachung in Europa, aber vor allem auch in Lateinamerika selbst. Daher beschlossen die InitiatorInnen ein Museum in Lateinamerika zu eröffnen, um die Sammlung dort auszustellen und der Anziehungskraft westlicher Kunstzentren auf lateinamerikanische KünstlerInnen etwas entgegenzusetzen. Das Gefühl, sich an den dort produzierten Werten messen zu müssen, führt dazu, dass sich die Kunstszenen der lateinamerikanischen Länder untereinander kaum kennen, wohingegen sie erstaunlich gut über das aktuelle Schaffen der nordamerikanischen oder europäischen Kunstszene informiert sind.
Mit dem Ansatz, Orte der Kunst zu beleuchten, die eher abseits des so genannten Mainstream liegen, setzt Casa Daros besonders auf die Zusammenarbeit mit der alternativen Kunstszene Lateinamerikas sowie mit Universitäten und Kunsthochschulen. Casa Daros will dazu beitragen, die lateinamerikanischen KünstlerInnen zusammenzubringen, damit sie sich stärker austauschen und Plattformen entwickeln, die ihnen ermöglichen, die Produktion und Positionen ihrer Nachbarn kennen- und wertschätzen zu lernen. Gerade Brasilien, das als einziges lateinamerikanisches Land kein Spanisch spricht, ist in gewisser Weise gegenüber den angrenzenden Staaten autark und vom interkontinentalen Kunst- und Künstleraustausch isoliert.

Von den brasilianischen KünstlerInnen wird das Projekt durchaus positiv aufgenommen. Sie sehen das Museum als Bereicherung und Gelegenheit, die Bedeutung Brasiliens im internationalen Kunstgeschehen zu stärken. So äußert sich beispielsweise der Künstler Antonio Dias begeistert: „Casa Daros ist sehr wichtig für Rio, weil es hier erstmals eine Anlaufstelle für Kunst aus lateinamerikanischen Ländern geben wird.“ Auch die Performance-Künstlerin Lais Mirrha bewertet die Idee positiv: „Vor allem, da es nicht nur eine Institution ist, die ihre Sammlung ausstellt, sondern weil Casa Daros Veranstaltungen organisiert wie Filmprojektionen, Vorträge und Symposien. Aktivitäten, die fundamental sind für die Bildung des Publikums.“ Laut Ariel Ferreira könne das neue Museum „die Entfernung zwischen Brasilien und Lateinamerika verkürzen, an der Zugehörigkeit zu welchem das Land immer zweifelte.“
Doch es werden auch Vorbehalte gegen das Projekt laut. Der Künstler Alexis Azevedo, der Projekte im öffentlichen Raum realisiert, kritisiert die Tatsache, dass sich eine ausländische Institution einen Ort schafft und damit einen gewissen Anspruch formuliert, lateinamerikanische Kunst zu repräsentieren. „Noch mehr Räume für Privatsammlungen? Ich sehe ein Problem in dem institutionellen Format sowie der Zentralisierung der Aktivitäten und Ausstellungsinhalte, die von einem Kurator ersonnen werden,“ so Azevedo.
Der gesamte Bau soll bis 2010 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Mit dem Umbau ist der brasilianische Architekt Paulo Mendes da Rocha beauftragt, der als radikaler Modernist und Vertreter der Avantgarde-Bewegung bekannt ist. Die Grundidee ist, die wichtigsten Elemente der alten Bausubstanz zu erhalten und gleichzeitig die Räume so zu transformieren, dass sie ihrer neuen Funktion als Ausstellungsfläche gerecht werden. Im Mittelpunkt wird die Präsentation brasilianischer Kunst stehen, welche durch wechselnde Ausstellungen aus ganz Lateinamerika ergänzt wird. Darüber hinaus beherbergt das Museum auch Medienräume, Künstlerstudios, eine Bibliothek und Räumlichkeiten für Tagungen, Vorträge und andere kunstspezifische Veranstaltungen.

Kasten
Tania Bruguera (Kuba)

In der von der Daros Sammlung erworbenen Video-Performance „Destierro” (Verbannung) verwandelt sich die Künstlerin in ein Wesen aus Schlamm, aus dem Hunderte von Nägeln herausragen. In dieser Angst einflößenden Erscheinung bricht sie aus dem Galerieraum aus und läuft durch die Innenstadt von Havanna. Bruguera verkörpert Nkisi, eine Gottheit afrikanischer Herrkunft, von der man sich erzählt, dass sie ihre Gläubiger aufsucht, um sich an ihnen für uneingelöste Versprechen, Lug und Trug zu rächen. Ist die Figur, die als Rachegöttin in der Innenstadt von Havanna nach Schuldigen sucht, ein Emblem auf uneingelöste Versprechen, so steht sie gleichzeitig für eine Kritik an den bestehenden Verhältnissen und einer Gesellschaft, die das Erscheinen der Rachegöttin heraufbeschworen hat.
Tania Bruguera ist eine der bedeutendsten KünstlerInnen Kubas, die sich in ihren Performance-Auftritten auf radikale Art und Weise mit politischen Themen auseinandersetzt. Das Spannungsverhältnis von Ideologie und Macht sowie Schweigen und Selbstzensur als Strategien des Widerstands sind zentrale Themen ihres Oeuvres. In ihren Aufführungen arbeitet sie meistens mit dem eigenen Körper, den sie Extremsituationen aussetzt und benutzt organische Materialien wie Blut, Erde, tote oder lebendige Tiere. Sie integriert in ihrem Werk das Erbe der afroamerikanischen Mythen und Riten, jedoch mit einem deutlichen Bezug auf die aktuelle gesellschaftliche und politische Situation Kubas.

Juan Manuel EchAvarría (Kolumbien)
Der Kolumbianer Juan Manuel Echavarría war dreißig Jahre lang Schriftsteller, bevor er sich dafür entschied die Bildende Kunst, namentlich die Fotografie und Videokunst, für seine gesellschaftspolitischen Anliegen zu nutzen. „Bocas de Ceniza” (Münder aus Asche) heißt das Mündungsdelta des Flusses Río Magdalena, von dem aus einst die spanischen Eroberer in das Land eindrangen. In der Geschichte Kolumbiens ist der Fluss seit jeher Symbol für Leben und Tod, aus dem bis zum heutigen Tage Tausende von Leichen des kolumbianischen Drogenkrieges geborgen werden. Das Video „Bocas de Ceniza” der Daros-Sammlung spiegelt die Auswirkungen der Gewalt wider, der das Land seit Jahrzehnten ausgeliefert ist. In verschiedenen Sequenzen erscheinen Einheimische auf dem Bildschirm, die in selbstkomponierten Liedern ihre Gewalterfahrungen schildern und verarbeiten. Sie sind Überlebende eines fünfzig Jahre andauernden Bürgerkrieges, der bereits Hunderttausende Todesopfer gefordert hat. Die Protagonisten singen a cappella auf erschütternde Art und Weise von ihren traumatischen Erlebnissen und übersetzen den Horror in eine Sprache der Poesie. Ihre Mienen, ihre Tränen, ihre Narben und der melancholische Ton ihrer Stimmen vermitteln das Grauen eindringlicher als jedes Bild.

Santiago Sierra (Spanien/Mexiko)
Der spanische Konzeptkünstler Santiago Sierra thematisiert in seinen provokanten Aktionen das Phänomen der Arbeit und der damit verbundenen Ausbeutungsmechanismen in der kapitalistischen Gesellschaft. Er arbeitet vor allem mit den Marginalisierten der Gesellschaft, mit Obdachlosen, Prostituierten, Arbeitslosen, Flüchtlingen, Drogenabhängigen und ImmigrantInnen. Den Wert des Menschen und seine Arbeitskraft als Ware thematisierend, bezahlt er ihnen einen Niedriglohn für die Verrichtung unsinniger und demütigender Handlungen, um damit auf die menschenverachtenden Mechanismen des kapitalistischen Gesellschaftssystems aufmerksam zu machen und aufzuzeigen, bis zu welchem extremen Grad die ökonomische Bedürftigkeit die Menschen dazu zwingt, Arbeiten zu verrichten, die ihre Würde und ihren Körper schädigen.
So ließ er in „250-cm-Linie auf 6 bezahlte Leute tätowiert”, gegen Bezahlung Arbeitslosen eine Linie auf den Rücken tätowieren. Die Tatsache, sich für eine minimale Entlohnung bereit zu erklären ein lebenslängliches Mal auf dem Körper zu tragen, spiegelt auf drastische Weise die Macht des Geldes wider. Ebenso ließ er Männer gegen Bezahlung masturbieren, mietete Personen an, um stundenlang Lasten durch Galerieräume zu schleppen oder Erdlöcher auszuheben. Er bezahlte Obdachlose dafür, unter Pappkartons auszuharren und in Ecken zu stehen. Seine aktuellen Arbeiten sind zusehends von einer verstärkten Auseinandersetzung mit dem musealen Raum und dessen Störung auf unterschiedlichen Ebenen geprägt. In „300 Tonnen” belastete er die Statik des Museums Bregenz, in Österreich, durch die Anhäufung von Ziegelsteinen dermaßen, dass das Gebäude an die Grenze der Einsturzgefahr geriet. Die Daros Sammlung ist im Besitz der Dokumentation einer anderen Art von Störung: Sierra mietete einen Lastwagen an und beauftragte den Fahrer, diesen auf einer Hauptverkehrsstraße in Mexiko Stadt querzustellen. Die Aktion dauerte fünf Minuten, was ausreichte, die Zirkulation so zu stören, dass es zu einem Verkehrschaos kam.

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