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Plötzlicher Abschied von Carlos Vanzetti

Ärzte, vor allem Chirurgen, sind meistens ein bisschen selbstverliebt. Eine gewisse Koketterie war auch Ernst Fuchs, alias Carlos Vanzetti, nicht fremd, wenn er eine der vielen Anekdoten aus seinem wechselvollen Leben zum Besten gab: Aus dem Volksaufstand gegen Somoza oder den ersten Jahren der Revolution, groteske Geschichten aus dem Spitalsleben oder Erinnerungen an politische Schlüsselerlebnisse. Und bis zuletzt gefiel es ihm, sein Alter ein paar Jahre nach unten zu korrigieren. Aber nie hat er sich damit gebrüstet, wie viele Leben er gerettet hat und wie viele Menschen er durch einen geschickten Eingriff vor bleibenden körperlichen Schäden bewahrte. Es waren viele.
Die Selbstverliebtheit war es wohl auch, die mithalf, ihn vom deutschen Salonrevolutionär zum Guerillaarzt und sandinistischen Krankenhausleiter zu machen. „Wenn du ein Neurochirurg bist, bist du besonders eitel,“ lautete die Begründung für seinen Entschluss, den Posten als Oberarzt in Berlin Marzahn hinzuschmeißen: „Ich dachte, in Berlin gibt es ungefähr sechs oder sieben Neurochirurgen, die sind so gut wie du. Aber, das kann es nicht sein, was dich hält.“ So ließ er sich, als 1978 ein jahrelanger Guerillakampf in Nicaragua in einen Volksaufstand zu münden begann, von seinem Freund, dem Maler Dieter Masur, schnell überzeugen, dass fähige Mediziner für die Revolution in Nicaragua dringender gebraucht werden als für die Karriereleiter in Deutschland. Binnen weniger Wochen landete er in Costa Rica an der Südfront der sandinistischen Rebellen, die von Edén Pastora angeführt wurde. Dort erhielt er eine kurze militärische Grundausbildung, eine Waffe und sein Pseudonym. Er wählte es selbst. Und weil einer der Guerilleros sich Sacco nannte, kam er auf Vanzetti, nach dem italienischstämmigen Anarchisten Bartolomeo Vanzetti, der gemeinsam mit Nicola Sacco 1927 in den USA hingerichtet wurde. Der Name sollte ihm bleiben. Er stand auch in seinen Papieren und ging auf seine nicaraguanischen Kinder Ernesto und Carmen über.
Es waren wenige, aber besonders erfüllte Jahre, die zu den glücklichsten in seinem Leben wurden: die Zeit der jungen Revolution, als er zuerst im kriegsverwüsteten Norden und dann im Krankenhaus in Managua arbeitete. Er lernte dabei seine spätere Frau Vilma kennen, von der er sich zwar wieder trennte, zu der er aber immer wieder zurückfand und die schließlich den wichtigsten Bezugspunkt seiner letzten Lebensjahre bildete. Es war die Zeit, als der neue Mensch, den die Sandinisten schaffen wollten, im Werden war und alles möglich schien, als die Begeisterung noch ungebrochen und die Konterrevolution eine isolierte Sekte war. Carlos war so ein neuer Mensch, der zuerst an das Gemeinwohl dachte, und dann an sich selbst. Wenn eine tief bewegte campesina, deren Kind er geheilt hatte, ihm überschwänglich danken wollte, mahnte er sie mit väterlichen Worten: „Danke nicht mir, sondern der Revolution.“ Denn früher hatte sich keiner um die Armen gekümmert. Alles schien damals möglich. Aus dem Mangel wuchsen Improvisation und Erfindungsgeist. Die fehlende Erfahrung glichen die Sandinisten durch Begeisterung und restlosen Einsatz aus. Carlos Vanzetti war Teil der Revolution und Baustein der neuen Gesellschaft. Er wurde zum Leiter der neurochirurgischen Abteilung am Lenin-Fonseca-Krankenhaus in Managua ernannt und war an der Ausbildung einer Generation von jungen Kollegen führend beteiligt. Als die von den USA hochgerüsteten Contras dem Land eine strikte Kriegswirtschaft aufzwangen und vom Skalpell bis zum Operationsfaden alles knapp wurde, organisierte er über seine Freunde in Deutschland eine Luftbrücke, die in seinem Spital den Betrieb auch in den finstersten Zeiten ermöglichte. Er glaubte weiterhin an die freie Gesundheitsversorgung, als die meisten nicaraguanischen Kollegen sich ihre Dienste längst bezahlen ließen und nichts dabei fanden, Medikamente und Geräte aus dem Spital in ihre Privatordinationen mitzunehmen. Ja, er gab nicht einmal auf, als er durch Intrigen als Chef der Neurochirurgie abgelöst wurde.

Einzigartige Symbolfigur

Für die Solidarität in Deutschland gab Carlos Vanzetti eine einzigartige Symbolfigur ab und scheute nie die Konfrontation mit den heimatlichen Behörden. So war er sich auch nicht zu gut, seinen Ruf aufs Spiel zu setzen, als es 1987 galt, die Deutsche Botschaft in Managua zu besetzen. Die Contra-freundliche Politik der Kohl-Regierung wurde für das Schicksal verschleppter Brigadisten verantwortlich gemacht. Und gern erinnerte er sich später, wie die Frau des Botschafters ihn als vermeintlichen Anstifter der Besetzung ein Arschloch geheißen habe. Dabei ließ er sich aber nie vor den Karren jener Gruppe spannen, die Solidarität als kritikloses Nachvollziehen aller politischen Schwenks der sandinistischen Führung missverstand. Seine fachliche aber auch politische Autorität machte ihn vielmehr zum natürlichen Ansprechpartner aller, die sich Nicaragua verbunden fühlten. Das bestätigte auch der als Vermittler eingeschaltete SPD-Politiker Hans-Jürgen Wischnewski, der Vanzetti als Vertrauensperson mitnahm, um die freigelassenen Entführten im Hubschrauber abzuholen.
Dass die Sandinisten seine Verdienste mit dem Carlos-Fonseca-Orden erst würdigten, als sie längst nicht mehr an der Macht und politisch korrumpiert waren, kränkte ihn. Die von den Ortega-Brüdern vorgegebene Linie des Sandinismus wollte er nicht nachvollziehen: „Die Geldgier der oberen Zehntausend bei der Frente hat so überhand genommen, dass sie ihre Prinzipien verraten haben.“ Dennoch wollte er den Glauben an eine Erneuerung des Sandinismus und eine neue Revolution in Nicaragua nicht aufgeben. Die letzten Jahre musste er aber die Wirklichkeit akzeptieren und seine Privatordination im Baptisten-Spital einrichten. Nebenbei operierte er immer noch zum Nulltarif im staatlichen Lenin-Fonseca-Krankenhaus, bis man ihn unter Arnoldo Aleman als politisch missliebig hinauswarf. Eine gewisse Verbitterung war in den letzten Jahren immer deutlicher aus seinen sarkastischen Bemerkungen herauszuhören. Er hatte kaum echte Freunde und lebte zurückgezogen.
Gern verglich er seine Situation mit der des ostdeutschen Schriftstellers Uwe Johnson, der sich in den Westen absetzen konnte und dort fremd fühlte, gleichzeitig aber im Osten nicht mehr heimisch: „So geht es mir auch. Ich fühle mich in Deutschland nicht mehr heimisch, und hier fühle ich mich nach wie vor fremd, auch nach 20 Jahren.“ Was hätte er in Berlin oder seiner schwäbischen Heimat anfangen sollen? In Nicaragua wurde er trotz allem noch immer gebraucht. Seine eigenen Wehwehchen wollte er nicht ernst nehmen. Wer, wenn nicht der erfahrene Gehirnspezialist, hätte die Anzeichen der drohenden Thrombose rechtzeitig deuten können? Doch der Tod kam aus heiterem Himmel. Am Vormittag hatte er noch Patienten empfangen. Nach dem Essen bei Vilma traf ihn der Gehirnschlag und er glitt in ein Koma, aus dem er nicht mehr erwachen sollte. Eine Woche später, am 31. Mai, starb Carlos Vanzetti im 70. Lebensjahr. Seine Asche wurde wunschgemäß in den Krater des noch aktiven Vulkans Santiago bei Masaya gestreut. Mangels Grabstein wird der Santiago so vielleicht zur Pilgerstätte für alle jene, die Carlos Vanzetti ihr Leben verdanken oder sich einfach gern an ihn zurückerinnern. Managua ohne einen Besuch bei ihm wird trauriger sein. Die nicaraguanische Revolution hat einen ihrer ungeliebten Söhne verloren.

Die Zitate stammen aus einem Interview, das Klaus Heß 1999 führte

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