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Rapport gegen die Revolution

Parolen sind einprägsam. Eliseo Alberto ist in den sechziger Jahren mit der Revolution aufgewachsen und erinnert sich: Kuba wurde damals zum ersten analphabetismusfreien Gebiet ausgerufen. Zur Gräte im Hals des Imperialismus. Oder zum Leuchtturm Lateinamerikas. Heute ist es die letzte Bastion des Sozialismus. Auf mehreren Seiten seines Rapports gegen mich selbst hat Alberto sich die Mühe gemacht, diese und andere Losungen aus fast vierzig Jahren Sozialismus zusammenzustellen. Einige klingen abgedroschen, andere benutzen kräftige Bilder und Farben. Eine Revolution, grüner als die Palmen, wurde ebenso gefordert wie eine lange Freundschaft zwischen Kuba und der DDR, einem Bruderland, in dem der Sozialismus sich höchstens am Grün der Fichten im Erzgebirge messen konnte.
Bei aller Freundschaft: Haben nicht viele Linke daran geglaubt, daß in einem Land, das von paradiesischen Stränden und einem türkisblauen Meer umgeben ist, eher ein Sozialismus mit menschlicherem Antlitz geschaffen werden könnte als in einem Staat, der einen „antifaschistischen Schutzwall“ um sich herumziehen mußte? Ist es möglich, sich den Máximo Lider oder die legendären Revolutionskommandanten Ernesto Guevara und Camilo Cienfuegos mit einem Cordhütchen vorzustellen? Wer Kuba einmal besucht hat, durfte sich höchstens beim Anblick jener spiegelbehangenen Plaste- und Elaste-Kabinen, in denen Sicherheitsbeamte auf dem Flugplatz in Havanna die Pässe der Reisenden kontrollieren, an die DDR erinnert fühlen. Und es war die Karibikinsel, auf der Che Guevara einst den Traum vom neuen Menschen träumte.

Zwei Typen von Menschen

Eliseo Albertos Buch lehrt anderes. Zum Beispiel, daß es auf Kuba einen gigantischen Bespitzelungsapparat gibt, der sich Methoden bedient, die Stasi-Handschrift tragen. Oder, daß Ausreisewilligen wie in der DDR das Leben schwer gemacht wurde, sie sogar als gusanos (Würmer) beschimpft wurden. Und daß die Kampagnen und Losungen Fidels und der Partei ebenso verlogen sind wie die Beteuerungen von der Verwirklichung eines sozialistischen Paradieses auf deutschem Boden. Und so weiter und so fort. Doch es kommt noch schlimmer. Wer sich durch Albertos Ausführungen – eine Mischung aus Geschichten, Analysen und Poesie – quält und das Buch nicht vorzeitig entsetzt beiseite legt, lernt zwei Typen von Kubanern kennen: solche, die ins Exil gehen, und solche, die nicht ins Exil gehen. Es scheint so, als müßten die Landsleute Albertos, denen der Weg ins Ausland nicht vergönnt ist, in der Hölle schmoren. Und das halten bekanntlich nur Teufel aus, also jene, die sich mit dem System arrangieren. Die Freunde und Bekannten des Autors aber, von denen im Buch die Rede ist, sitzen entweder ein, sterben an Traurigkeit oder sind so verzweifelt, daß sie sich umbringen. Doch sich umzubringen, so erfährt der erstaunte Leser, heißt über sich hinauszuwachsen, eine Heldentat zu begehen.
Eliseo Alberto hat sie alle gekannt, die Akteure seines Rapports, deren Geschichten er lose und zusammenhanglos aneinanderreiht. Zum Beispiel Angel Montoya und Francisca Arnao, zwei aus jener Fraktion, die geblieben ist. Angel ist schwul. Er hat sein ganzes Leben lang nur für seine kranke Mutter gelebt und sie gepflegt. Als sie stirbt, ist er ein alter Mann und hat keine großen Chancen mehr, noch einen Liebespartner zu finden. Francisca, eine Tierliebhaberin, schenkt ihm eine junge Katze, weil er immer so traurig aussieht. Doch eines Tages dreht Angel durch, schnappt sich seinen Baseballschläger und drischt auf das kleine Tier ein, bis es zertrümmert vor ihm liegt. Francisca wird zufällig Zeugin dieses Spektakels und sinkt, vom tödlichen Herzschlag getroffen, zusammen. Angel erhängt sich daraufhin mit einem Draht.
Eine andere Geschichte erzählt Alberto über seine Freunde Reinaldo und Raúl, beide Schriftsteller. Raúl ist still, schüchtern und zurückhaltend. Er mag die Beatles und Chagall. Reinaldo ist lebhaft und steht gern im Mittelpunkt. Natürlich bevorzugt er die Stones und Dali. Doch eines haben die beiden gemeinsam: Sie sind Helden, denn sie bringen sich um.
Ein anderer Bekannter, Julio Antonio Casanovas, genannt El Suave (der Sanfte) gehört zu jenen, die ausgewandert sind. Ausgerechnet nach Lima, die Stadt, die in Lateinamerika den Beinamen „die Schreckliche“ führt. Sogar dort läßt es sich für ihn besser leben als in Havanna.
Julio war einige Jahre zuvor als Reserveleutnant freiwillig nach Angola gegangen. Der Parteisekretär, der ihn im Namen der Revolution verabschiedet hatte, wollte kurz darauf nachkommen. Doch dann hatte er es vorgezogen, auf einem Floß mit Frau und Kindern in Richtung Florida zu reisen. Während El Suave im fernen Afrika sein Leben für den Sozialismus riskiert, betrügt ihn daheim seine Frau Lulú. Als er vom Krieg gezeichnet zurückkehrt, macht ein böser Parteifunktionär die Untreue Lulús publik. Und nun wird El Suave im Macholand Kuba mit der Schmach des Gehörnten nicht fertig.

Geschichten aus der Hölle

In Eliseo Albertos Bericht ist eine Geschichte schrecklicher als die andere. Und wenn er gerade keine Geschichte erzählt, dann zieht er über die Revolution her. Seine Abhandlung strotzt vor Sarkasmus und Ironie. Er kritisiert die Revolution nicht, er macht sie nieder anhand ihrer Widersprüche. Diese Widersprüche, die es zweifelsohne gibt, werden so lose und zusammenhanglos aneinandergereiht wie die Geschichten. Aus der Sicht des Autors scheint es für die Widersprüche keine Rechtfertigung zu geben.
Sogar ein kubanischer Staatsanwalt fände in Albertos Rapport mehr Anklagepunkte gegen die Revolution als gegen den Autor selbst. Es sei denn, die Anklage lautete auf Verleumdung der Revolution. Denn Rapport gegen mich selbst ist eher ein Rapport gegen die kubanische Revolution geworden. Sein eigenes Leben stellt der 1952 geborene Autor nur als kleinen Teil der Gesamttragödie dar.
Über Kubaner, die ausgewandert sind, wird in Kuba nicht gerade freundlich geredet. „Sie sollen gehen! Die gusanos sind überflüssig. Die Würmer sind das Ei nicht wert, das du nach ihnen wirfst.“ Eliseo Alberto ist im Jahre 1991 gegangen, und er hat diese Losungen im Exil notiert. Doch muß er sich fragen lassen, ob er in seinem Bericht nicht genauso polarisiert wie die Verfasser dieser Parolen.
„Ich weiß, daß die Veröffentlichung dieses Buches viele auf der Insel oder im Exil, den beiden Rändern des Konflikts, stören wird“, schreibt Alberto. „Sie haben die Wahl, es nicht zu lesen. Ich verspürte die Notwendigkeit, es zu schreiben.“ Für die Lösung des kubanischen Konfliktes ist jedenfalls Eliseo Albertos Abhandlung ebensowenig hilfreich wie es Durchhalteparolen wie „Sozialismus oder Tod“ sind. Vielleicht gibt es zwischen den Rändern des Konflikts aber auch keine Chance. Erinnern wir uns an die DDR. Wer dort bei der Wende noch zwischen den Rändern stand, der wurde kurze Zeit später zermalmt.

Eliseo Alberto: Rapport gegen mich selbst – Ein Leben in Kuba. Aus dem Spanischen von Georg Pichler. Rotpunktverlag, Zürich 1998, 315 S.

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