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„Rebellisch bin ich in dem, was ich schreibe“

Größer könnte die Ehre kaum sein: Am 19. Oktober 2013 hat die mexikanische Schriftstellerin und Journalistin Elena Poniatowska den bedeutendsten Literaturpreis der spanischsprachigen Welt gewonnen, den Cervantes-Preis. Sie ist damit erst die vierte Frau und die erste Mexikanerin, an die der seit 1976 vergebene Preis verliehen wird.
Als Tochter eines polnischen Adligen und einer Mexikanerin wird Elena Poniatowska Amor 1932 in Frankreich geboren. Wegen des Zweiten Weltkriegs wandert ihre Familie nach Mexiko aus, als sie zehn Jahren alt ist.
Anfang der 1950er Jahre beginnt sie ihre journalistische Karriere bei der Tageszeitung Excélsior. 1954 erscheint ihr erstes Werk Lilus Kikus, ein Bilderbuch. Ihre literarische und journalistische Arbeit wird aber erst Jahre später mit der Veröffentlichung von Jesusa – Ein Leben allem zum Trotz (1969) anerkannt. Inspiriert durch eine wahre Geschichte erzählt Poniatowska darin das Leben der indigenen Jesusa Palancares aus Oaxaca. Diese kämpft für die Mexikanische Revolution, muss danach aber als Witwe in Mexiko-Stadt als Wäscherin und Hausangestellte arbeiten.
1971 erscheint ihr einflussreichstes Werk Die Nacht von Tlatelolco. Darin schildert sie die blutige Niederschlagung der Studierendenproteste am 2. Oktober 1968 in Mexiko-Stadt. Die geschickte Journalistin Poniatowska interviewt Studierende und weitere Personen der Studierendenbewegung, um ein vielschichtiges Mosaik der Stimmen dieses tragischen Ereignisses zu bilden. In ähnlichem Stil erzählt sie 20 Jahre später in Nada, nadie. Las voces del temblor („Nichts, niemand. Die Stimmen des Bebens“) eine andere Tragödie: die des schweren Erdbebens, das 1985 Mexiko-Stadt heimsuchte und rund 26.000 Menschen das Leben kostete.
In über 40 Büchern unterschiedlichster Genres hat Poniatowska unter anderem das Leben herausragender Intellektueller aus Mexiko porträtiert. Zugleich widmet sie sich dem Leben und den Erfahrungen von Enteigneten, Opfern von Gewalt und denjenigen, die für ihre Ideale kämpfen und dafür ihr Leben in Gefahr bringen. So kommen auch jene zu Wort, die normalerweise niemand hört und die keinen Platz in der Geschichte bekommen.
Vor allem Frauen aus verschiedenen sozialen Klassen sind immer wieder die Protagonistinnen ihrer Romane. So handelt Tinísima (1992) von der italienischen Fotografin und Kommunistin Tina Mondotti, die 1923 nach Mexiko zog. Ihr jüngster Roman Frau des Windes (2011) handelt von der britisch-mexikanischen Malerin und Schriftstellerin Leonora Carrington, die großen Einfluss auf Mexikos Künstlerszene hatte. Über sich selbst hat Poniatowska, längst eine Ikone der mexikanischen Linken, gesagt: „Persönlich bin ich nicht rebellisch, sondern in dem, was ich schreibe. Daher bin ich doch fähig, angesichts der sozialen Ungerechtigkeiten zu protestieren, vielleicht um dieser Unfähigkeit, persönlich zu protestieren, zu entkommen.“
Nach den höchst umstrittenen Wahlen 2006 stellte sie sich öffentlich hinter den unterlegenen Linkskandidaten Andrés Manuel López Obrador und versagte dem neuen Präsidenten Felipe Calderón die Anerkennung. Bis heute bleibt die 81-jährige Poniatowska eine soziale und politische Aktivistin – auch bei Straßenprotesten, wo jene Stimmen anzutreffen sind, von denen sie so viele vor der Vergessenheit bewahren konnte.

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