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Reiselust und Tourismus nach Südamerika

So oder ähnlich lesen sich Einführungen in einem handelsüblichen Reiseführer nach Südamerika. Und es wäre fade um den zitierten Texttrash bestellt, wenn er nicht im schönsten Klischee mit einer gelbbefederten Samba-Schönheit mit strahlend weißen Zähnen, einem ornamentalen Kostüm mit fast freigelegten Brüsten auf der Titelseite bebildert wäre, die den Reiselustigen in einen „ganzen Kosmos verschiedener Landschaften und Kulturen“ lock-
en soll.
Auf den Folien von Natur, Erotik und Reichtum sollen Beschreibungen und Bilder wie diese hier in der Bundesrepublik exotische Reisebedürfnisse nach fernen Kontinenten wecken. Und was der Tourist sieht, das glaubt er auch zu finden. Um seine offen geäußerten wie aber auch sehr versteckten Sehnsüchte zu erfüllen, bedient er sich dann der entsprechenden Infrastruktur. So findet die konkrete Annäherung an den lateinamerikanischen Kontinent für mehr Menschen als jemals zuvor über Massentourismus statt. In einem nach wie vor lesenswerten Essay formulierte Hans Magnus Enzensberger vor über 40 Jahren die Annahme, dass sich im Massentourismus eine einzige große Fluchtbewegung aus den hiesigen Verhältnissen vollzieht und sich damit zugleich eine Kritik an diesen Verhältnissen ausdrückt. Enzensberger formulierte diese These vor dem Boom des Massentourismus. Die These ist so gut, dass es sich lohnt, ihr zu widersprechen: Die Tourismusindustrie organisiert für die Touristen einen zeitlich begrenzten Ausbruch aus der Normalität und stabilisiert so die hiesigen Verhältnisse.
In unseren ersten Überlegungen zu diesem Schwerpunkt drehte sich vieles um die Begründungen von „Tourismuskritik“. Diese Liste ist lang: Sie reicht von der durch Flugreisen angerichteten ökologischen Zerstörung, der Monopolisierung der touristischen Infrastruktur in der Hand von Tourismusmultis bis hin zu dem seit Ende des Vietnamkrieges florierenden Sextourismus, der seine makabere Differenzierung zwischenzeitlich durch den Kindersextourismus gefunden hat. Die durch Massentourismus weltweit angerichteten Zerstörungen aller Art sind zu offenkundig, um übersehen werden zu können.
Dies ist die Grundlage für die Tourismuskritik aus dem links-alternativen Umfeld in den 70er und 80er Jahren. Der junge Rucksacktourist Bezzo Schmauch, der sich ein halbes Jahr mit 2.000 US-Dollar durch den ganzen Kontinent schnorrte, konnte sich einbilden, Öko-Tourist zu sein, im Gegensatz zum Massentourist Lui Leckermann, der in eine Ferienanlage eingepfercht war.
Dabei hat der Kern der Tourismus-Kritik der 70er und 80er nicht aufgegriffen, was den Urlaub, die Fernreise doch attraktiv macht: Die Hoffnung, einen Moment von Freiheit und Reichtum durch den wohl kalkulierten Ausbruch aus dem öden Alltag zu erleben. Ein flüchtiger Blick durch die Reiseprospekte der führenden Anbieter der bundesdeutschen Tourismusindustrie unterstreicht das. Der Beitrag von Carmen Frohne illustriert die Vermarktung der Sehnsüchte durch die Tourismusindustrie: Sonne, Sand, Berge, Tiere, Palmen und Meer, gesunde, schöne, laszive, leicht bekleidete, immer lächelnde Frauen, quietschige Kinder und süße Buben auch schon mal zum Anfassen. Sehnig bis muskulöse Männer zum Freizeitvertreib, und alle und alles sieht in den Prospekten sauber und gewaschen aus. Die präsentierten Nahrungsmittel der Region scheinen alle vorher durch eine Farblackiererei geschoben worden zu sein.
Die alte Tourismuskritik der 70er und 80er Jahre ist in „die Flaute“ geraten, wie es von der iz3w-Redaktion in Freiburg treffend formuliert wurde (vgl. iz3w Nr. 241/1999). War der Massentourismus vor dem Fall der Mauer hauptsächlich eine Demonstration „westlichen Lebenstiles“ in anderen Teilen der Erde, so sind seine Elemente und die dazu gehörigen Infrastrukturen nun in der Epoche der Globalisierung zur zweiten Natur der Menschheit geworden. Es wäre ein grober Anachronismus, das mit den Mitteln einer Kritik verstehen, sogar verändern zu wolllen, die in ihrer Struktur den Argumenten ähnelt, die bereits bei der Einführung der Eisenbahn in der Mitte des 19. Jahrhunders verwendet worden sind.
Eine neu begründete Kritik müßte ihren Gegenstand mit einer anderen Perspektive in das Visier nehmen. Und ein Element dieser neuen Kritik muß sich nicht nur der Frage stellen , welche Zustände von Touristen dort hinterlassen werden, wo sie „gehaust“ haben, sondern müßte mindestens auch die Frage stellen, was der Tourismus mit denjenigen gemacht hat und macht, die wieder zurückgekehrt sind.
Das von uns in diesem Schwerpunkt in mehreren Beiträgen behandelte Phänomen des Kinder-Sextourismus zeitigt seine deprimierenden Folgen nicht ausschließlich in den Tourismusländern. Sowohl der Beitrag über Telefongespräche mit Reisebüroangestellten über Kindersextourismus als auch die analytische Betrachtung über die Bildersprache der Tourismuswerbung illustrieren, wie präsent das Phänomen hier schon allein dadurch ist, indem Geschäfte damit gemacht werden (können). Und mit denen, die sich woanders an Kindern sexuell vergehen, leben wir hier in diesen gesellschaftlichen Verhältnissen zusammen. Wenn die Staatssekretärin im Bundesinnenministerium, Frau Sonntag-Wolgast, unter Hinweis auf die dramatische Zunahme von Kindersextourismus und mit Blick auf den deutsch-tschechischen Grenzraum, darauf verweist, „dass Sex-Tourismus längst kein exotisches, weit entferntes Problem mehr sei, sondern ‘vor unserer eigenen Haustür’ stattfinde“, so vergisst diese Beschreibung, dass die Täter nach ihrer Tat in eben diese „Haustür“ wieder einkehren.
Der andere Teil des Toursimusschwerpunkts in dieser Ausgabe behandelt den Ökotourismus. “Nur eine neue Seite im umfangreichen Reisekatalog”, fragen Martina Backes und Tina Goethe in ihrem Beitrag. Neben den Tourismusmultis und ihren “All-Inclusive-Trutzburgen” geben sich diese Angebote wie junge ,freche Hunde und Vögel, die gerade fliegen lernen.
Man darf gespannt sein, wieviel Platz der Ökotourismus in Zukunft im Reisekatalog einnimmt.

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