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SANFTE KÄLTE AUS DEN ANDEN

Bolivien gehört zu jenen Ländern in Lateinamerika, aus denen man gewöhnlich überhaupt keine Literatur kennt. Die Bedingungen waren dazu über Jahrhunderte auch kaum gegeben. Außer Alcides Arguedas gibt es kaum bekannte Autor*innen. Umso wichtiger ist die Übersetzung der poetischen Werke des Dichters und Schriftstellers Jaime Saenz, der zumindest in seinem Land als eine*r der wichtigsten Autor*innen gilt. Der bolivianischen Literatur wird mit dem zweisprachigen Gedichtband Desde lo profundo de la noche / Aus der Tiefe der Nacht auch in Deutschland eine Stimme verliehen – dreißig Jahre nach dem Tod des Autors.
Der Gedichtband stellt drei Sammlungen vor, die jeweils aus einer anderen Zeit stammen und jede für sich eine sehr eigene Stimmung wiedergeben. Die Gedichte in Prosa sind nicht chronologisch angeordnet, sondern es beginnt mit den jüngsten der Sammlung, Die Kälte von 1967. In neun Gedichten wird hier die Kälte als eine ambivalente Instanz besungen, der manchmal Liebe, manchmal Faszination und manchmal Verzweiflung entgegengebracht wird. Ein mehrdeutiges „Du“ taucht in diesen Gedichten auf, das zum Teil direkt an die Kälte gerichtet zu sein scheint, an anderer Stelle aber auch die Sehnsucht nach Zweisamkeit auszudrücken scheint. Die Kälte ist das, was das Leiden des lyrischen Ichs ausmacht, und doch hilft sie gleichzeitig auch, den eigenen Tod, die eigene Endlichkeit, zu akzeptieren, als Teil der Natur und ihrer Zyklen. Die Liebe zur Kälte ist keine Glückseligkeit, sondern ein trauriges Lieben: Die Suche nach etwas oder jemandem, von dem man nicht wirklich weiß, wer oder was sie genau ist, auf die man aber trotzdem nur warten kann. In dieser Hinsicht ist zumindest eine inhaltliche Nähe zu Becketts Warten auf Godot unverkennbar.
„Quiero quedarme para siempre y esperarte en el sendero“: Wie ein lang unterdrücktes Schluchzen bricht dieser Vers aus dem Text heraus. Während vorher ein resignierter Ton vorherrschte, wird hier auf einmal ein irrationaler Wunsch formuliert – „für immer auf jemanden warten“ impliziert, dass dieses Warten vergeblich sein wird, dass trotzdem daran festgehalten wird.
Es folgen die beiden Gedichtsammlungen El visitante profundo („Der unergründliche Besucher“) und Aniversário de una visión („Jahrestag einer Vision“), jeweils aus den Jahren 1964 und 1960. Saenz ist nur ein paar Jahre jünger, das mysteriöse „Du“ in seiner Ambivalenz aus physischem und spirituellem Ansprechpartner ist auch hier geradezu allgegenwärtig. Nur drei, beziehungsweise sieben Jahre trennen diese Sammlungen von Die Kälte, und doch spricht Jugend daraus – eine gewisse Leidenschaft und Unhaltbarkeit. Trotz melancholischer Bilder erklingt hier auch häufig die Lebensfreude mit lauter Stimme und sogar der Schmerz hat etwas Verrücktes: „wenn es regnet, dringen beim Drehen des Kopfes Schreie aus deinen Schultern“.
Im letzten Abschnitt, Jahrestag einer Vision, scheint gar das lyrische „Du“ sogar eine Mischung aus einem physischen, sinnlichen Gegenüber („Ich wage es nicht dich anzuschauen um nicht in dir zu bleiben, und ich preise dich nicht damit du die Freude nicht verlierst“) und einem spirituellen Etwas zu sein („Ich vermisse dich und höre dir gleichzeitig zu, eine Totenmusik verliert sich im Vergessen und mein Tod kommt aus dir“) – wobei beide zu Einem verschmelzen und nicht auseinanderzuhalten sind. In diesem letzten Teil sind die einzelnen Verse länger, repetitiver, zum Teil geradezu nervös, die Gedankenflüsse sind rastlos, und nicht depressiv wie in Die Kälte („Du übertreibst ohne zu übertreiben weil du weißt dass meine Übertreibungen dazu führen dass du es bist die übertreibt“). In dieser Kombination bekommt man ein eindrucksvolles Bild von Saenz‘ Werk, da die ausgewählten Gedichte nicht nur eine einzige Epoche seines Lebens darstellen, sondern seiner Vielfalt gerecht werden.
Die drei Gedichtsammlungen sind jeweils mit Illustrationen von Theo Scherling begleitet, dessen Abdrücke auch in schwarz-weiß einfühlsam die Nostalgie des Autors auszudrücken vermögen.
Das einzige Manko: Die Übersetzung ist oft ungenau. Wenn etwa „profundo“ mit „unergründlich“ übersetzt wird, wenn ein spanischer Konjunktiv der Möglichkeit plump zu einem „Sollen“ wird oder wenn „temperatura“ mit „Wärme“ übersetzt wird. Dann kommt es zu so bedauernswerten Fällen wie im Gedicht 4 im ersten Abschnitt, wo im Spanischen zwischen Temperatur und Wärme unterschieden wird, während dies im Deutschen undifferenziert einfach auf ein einziges Wort reduziert wird, nämlich „Wärme“. Peinlich sind auch Patzer wie „wegen ihnen“. Generell sind die Entscheidungen der deutschen Übersetzung wenig sensibel, was die Konnotationen der deutschen Wortwahl angeht. Nur so kommt es zu Redewendungen wie „ich lasse die Zeit für mich arbeiten“ oder „großer Nutzen“ wo nur das Wort „servir“ bei Saenz steht; oder gar „herrschen“. Hier kommt im Deutschen ein utilitaristisches Vokabular zu Gebrauch, das mit dem Wortschatz von Saenz eigentlich nichts zu tun hat. Dabei handelt es sich Prosagedichte, bei deren Übersetzung es durch die freie Form der Verse zumindest nicht so viele formelle Einschränkungen gibt.
Trotzdem ist die Übersetzung und die Herausgabe dieses Gedichtbandes besonders zu begrüßen: Es ist die erste deutschsprachige Übersetzung, die von diesen Gedichtsammlungen erscheint: Noch gibt es zu dem Autor keine literaturwissenschaftliche Forschung. Das Buch ist somit ein erster Schritt der Vermittlung. Es ermöglicht einen Zugang für deutschsprachige Leser*innen, und weiß trotz einiger Ungenauigkeiten die Bilder entstehen zu lassen, die die Poesie von Jaime Saenz ausmachen. Für zweisprachige Leser*innen, die sowohl Spanisch als auch Deutsch können, dürfte der Band besonders interessant sein.

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